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StartseiteForschung aktuellGefährliche Therapie nach der Menopause11.07.2002

Gefährliche Therapie nach der Menopause

Großangelegte US-Studie zu Hormon-Ersatztherapie wird wegen Gesundheitsgefahren abgebrochen

<strong>Medizin. - Die "Hormon-Ersatztherapie" für Frauen nach den Wechseljahren birgt wesentlich höhere Gesundheitsrisiken als bisher angenommen - und zwar auch dann, wenn man das Östrogen-Hormon mit Progesteron ergänzt. Zu diesem Resultat kam die bisher größte Studie dieser Therapie des amerikanischen Gesundheitsinstituts. So deutlich waren die Folgen für Tausende von Versuchspersonen, dass die Experten in Atlanta die mehrjährigen Untersuchungen zu ihrem Schutze sogar vorzeitig abbrachen.</strong>

Von Armin Amler

16.608 Frauen zwischen 50 und 79 Jahren erhielten über einen Zeitraum von jeweils mehreren Jahren entweder die handelsüblichen Hormonpillen mit Progesteron - oder lediglich Zuckerpillen, ein so genanntes Placebo. Nach Ablauf eines Jahres stellten sich bei 10.000 Frauen, die tatsächlich das Hormon einnahmen, 26% mehr Fälle von Brustkrebs, 22% mehr Herzkrankheiten, 29% mehr Herzinfarkte und 41% mehr Schlaganfälle als bei den anderen ein. Auf der anderen Seite hatten sie im Durchschnitt sechs Darmkrebs-Erkrankungen und 5 Hüftfrakturen weniger als die Kontrollgruppe ohne Hormone. Die Studie sollte ursprünglich bis zum Jahre 2005 fortgesetzt werden, so war es geplant. In dieser Woche jedoch teilte das Institut allen Teilnehmerinnen mit, dass das Projekt im Interesse ihrer Gesundheit vorzeitig beendet wurde. Die Zuverlässigkeit des Studienergebnisses, so sagen die Veranstalter jetzt in den amerikanischen Medien, ist extrem hoch. Gerade in den USA, wo 6 Millionen Frauen sich bisher der Langzeit-Hormon-Ersatztherapie unterzogen, um aufsteigende Hitze und andere typische Beschwerden der Wechseljahre zu lindern, herrscht nach Bekanntgabe dieses Resultat jetzt weitgehend Ratlosigkeit. Marcia Stefanick von der kalifornischen Stanford-Universität hat die Studie geleitet:

Wir haben nicht erwartet, dass Brustkrebs zunehmen würde. Wir hatten in der Annahme begonnen, dass wir eine Verhütung von Herzkrankheiten sehen würden, und nun haben wir mehr Herzanfälle, mehr Schlaganfälle, mehr Blutgerinnsel in den Beinen und den Lungen. Es war eine Überraschung für alle.

Nun besteht trotz der hohen Prozentzahlen, sagte Dr. Stefanick, kein Grund, alarmiert zu sein, denn die Gesamtzahl solcher Erkrankungen - zwischen 3 und 8 von insgesamt 10.000 Patientinnen - ist verhältnismäßig niedrig - mit Hormontherapie oder ohne. Aber zur aktiven Verhütung von Herz- und anderen Krankheiten ist diese Therapie entgegen den bisherigen Annahmen der Mediziner offenbar nicht geeignet. Der beste Rat für jede einzelne Frau nach Einsatz der Wechseljahre ist, ihre individuelle Situation mit ihrem Arzt oder der Ärztin zu besprechen und herauszufinden, welche Maßnahmen in jedem Einzelfall die besten sind.

Die Fragen, die seit Bekanntwerden dieser neuen Studie am häufigsten gestellt wurden, lauteten: Wie konnte ein so wesentlicher Irrtum bei Untersuchungen in der Vergangenheit überhaupt entstehen? Dr. Stefanick dazu:

Wir wissen, dass die Östrogen-Benutzerinnen generell eine gesündere Gruppe von Frauen sind. Und so haben wir einen Effekt, der dadurch möglicherweise zu falschen Schlüssen führte. Es gibt auch eine Reihe anderer Effekte, die wie wir jetzt wissen, zu der nicht korrekten Annahme führten, dass Östrogen und Progesteron Herzkrankheiten vermeiden hilft.

Die wichtigsten Empfehlungen, die jetzt von der Aktion Gesundheitsinitiative der Frauen in den USA kommen, der Marcia Stefanick angehört, haben möglicherweise auch zu den Trugschlüssen geführt: diese Frauen lebten allgemein gesünder, gingen häufiger zum Arzt, trieben Sport, achteten mehr auf ihr Körpergewicht. Viele Amerikanerinnen, die in den letzten Jahre vertrauensvoll zu den Pillen griffen, sind jetzt "verwundert und verwirrt", wie die "New York Times" geschrieben hat. Auch mehrere Ärzte äußerten sich überrascht - zumal der Hormonhaushalt des Körpers - aus einer Vielzahl von Gründen von kritischer Bedeutung für sein Wohlbefinden ist. Die Aktien eines der Hersteller der US-Hormonpillen sind um 25 Prozent gefallen. Die Hormon-Ersatztherapie - so hat eine schnelle Umfrage des Akron-Beacon-Journals herausgefunden, ist für die meisten Frauen das Risiko nicht wert.

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