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Gefahr in der Nacht

Sizilien ist der Lebensraum für viele Vogelarten und Ruheplatz für Zugvögel. Seit Jahren kämpfen Umweltschützer für den Erhalt der Artenvielfalt - mit einigen Erfolgen. Doch der größte Kampf steht ihnen erst bevor: In diesen Tagen soll der Startschuss zum Bau einer immensen Brücke von Sizilien bis zum Festland fallen. Nach Ansicht von Naturschützern eine Bedrohung für die Vogelwelt.

Von Karl Hoffmann |
    " Am 7. April 1981 stieg ich auf den Monte Cuccio bei Messina und erlebte ein furchtbares Massensterben. Da habe ich mir geschworen, dass dies der Anfang vom Ende dieser Jagd sein würde. "

    Anna Giordano ist eine energiegeladene junge Frau, deren warme braune Augen und kämpferischer Blick in faszinierendem Kontrast zu ihrer Willenskraft stehen. Sie hat an einem langen, etwas abgenutzten Konferenztisch Platz genommen. Das Büro des WWF in Sizilien, das sie leitet, hängt voller Plakate und Landkarten der Umweltschützer.

    Anna wirkt hektisch, wenn sie sich die Zigaretten, eine nach der anderen, aus Packung zieht. Höflich fragt sie erst, ob das Rauchen den Besucher stört, dann zündet sie an. Und redet, gleichmäßig, eindringlich, von sich und ihrer Verbundenheit zur Natur. Schon als Schülerin hatte sie sich eine Lebensaufgabe gestellt: für die Natur zu kämpfen und gegen die traditionelle Vogeljagd, vor allem im Frühling und Herbst, wenn seltene Zugvögel die Straße von Messina passieren.

    " Die Jagd auf Raubvögel war verboten, die Jagdzeit längst zu Ende. Die Jäger hatten sich gegen die Vorschriften Unterstände aus Beton in die Landschaft gebaut und alle nur möglichen Gesetze übertreten. Und sie schossen zu Hunderten. Das war mein erster Kampf. Am Anfang wurde ich ständig bedroht. Sie haben mir die Reifen zerschnitten, das Auto angezündet. Sie schickten tote Falken mit Drohbriefen, legten Hundekadaver in meinen Beobachtungsposten, sie verfolgten mich. Ein anstrengendes Leben voller Gewalt. "

    Ihr Einsatz hat sich gelohnt. Vor 20 Jahren wurden Falken und Bussarde zu Tausenden abgeschossen. Im letzten Jahr waren es nur noch 5. Inzwischen hat Anna Giordano ihr Hobby zum Beruf gemacht, als Ornithologin arbeitet sie für die Umweltorganisation WWF in Sizilien, kämpft 12 Stunden täglich gegen die massive Umweltzerstörung in ihrer Heimat und bereitet sich jetzt auf die Schlacht um das Jahrhundertbauwerk zwischen Kalabrien und Sizilien vor. Begeistert ist ihre Stimme, wenn sie von den Erfolgen gegen die Naturzerstörung berichtet, Enttäuschung, wenn sie zugeben muss, dass der Frevel aber letztlich nicht aufzuhalten ist.

    " Die Brücke wäre ein Desaster, denn sie besteht ja nicht nur aus dem Brückenteil selbst, sondern aus den ganzen Zufahrtstraßen beiderseits des Stretto, bis zur nördlichen Landspitze von Messina in Sizilien und den ganzen unter Teil des Aspromonte auf kalabresischer Seite. Wertvolle Lebensräume für die Vögel gehen da verloren, vor allem die Ruheplätze für die Zugvögel, die nach ihrer langen Reise meist völlig erschöpft und hungrig sind und Ruheplätze und Nahrung brauchen. Wir haben viele Raubvögel hier jagen sehen, ja selbst mitten in der Stadt auf Balkonen landen völlig erschöpfte Zugvögel. "

    Der fast immer vorhandene Wind wäre ein weiteres Problem für die Vögel. Das Risiko, gegen die wolkenkratzerhohe Brücke getrieben zu werden, wird sehr groß sein. Aber vor allem die Nacht wäre tückisch für diesen speziellen Luftverkehr.

    " In der Nacht sind Millionen von Zugvögeln unterwegs, und zwar diejenigen, die sich mit der Dunkelheit vor ihren Feinden schützen. Finkenarten, Enten, Reiher und viele andere Vogelarten. Nachts wären sie vom Licht der Brücke irritiert. Bei Nebel und Regen hätten sie auch noch mit einer merkwürdigen Form einer optischen Täuschung zu kämpfen, sie verlören die Richtung und flögen im Frühling statt nach Norden wieder zurück in den Süden. Um dann irgendwo im Meer zu ertrinken. "

    Das Gespräch ist zu ende. Auch die Zigaretten. Anna Giordano hat es eilig. Von ihrer Arbeit zu reden, ist wichtig, sie zu tun aber noch wichtiger. Buon giorno, buon lavoro, sagt sie und eilt zum Telefon.