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Gefahr statt Klimaschutz

Es soll der Umwelt helfen: Das CO2 von Kohlekraftwerken wird auffangen und dann in den Untergrund des Meeres verpresst. Der Bund für Umwelt und Naturschutz warnt: Das Verfahren gefährde das Ökosystem - und produziere auch zusätzliches Kohlendioxid.

Von Verena Herb | 19.08.2011
    Als einziger Energiekonzern in Deutschland forscht Vattenfall derzeit daran, die CCS-Technologie voranzubringen. Bereits 2008 nahm der Energiekonzern eine Pilotanlage in der Lausitz Betrieb, wo Kohle mit viel Sauerstoff verbrannt wird, so dass sich CO2 leicht abtrennen lässt und damit nicht in die Atmosphäre gelangt. Katharina Blömer, Sprecherin von Vattenfall:

    "Der zweite Schritt ist dann die Speicherung. Wir haben das CO2 aus der Pilotanlage – das sind verhältnismäßig kleine Mengen, weil die Anlage natürlich auch noch relativ klein ist - in den letzten Monaten dem Forschungsprojekt CO2Man in Ketzin zur Verfügung gestellt. Und das wurde dann dort unterirdisch gespeichert."

    Umweltverbände sehen die CCS-Technologie äußerst kritisch. Beim CCS-Verfahren werde statt einer Tonne Kohle bis zu 1,3 Tonnen Kohle verbrannt, um die gleiche Menge Strom zu bekommen. Tina Löffelsend, BUND-Klimaexpertin:

    "Aus unserer Sicht ist das CCS-Verfahren kein Beitrag zum Klimaschutz. Mit CCS werden Kohlekraftwerke deutlich ineffizienter, um etwa zehn Prozentpunkte, das bedeutet, dass deutlich mehr Kohle verfeuert werden muss. Das bedeutet mehr Kohlendioxid-Emissionen. Kohlendioxid muss abgeschieden werden, kann das aber nur zum Teil. Immer noch etwa 40 Prozent, 30 Prozent der Dioxin-Emissionen würden in die Atmosphäre gelangen."

    Besonders die Speicherung stößt bei den Naturschützern auf Kritik, denn die Technologie sei noch nicht ausreichend erforscht. Besonders besorgniserregend sei die Dichte der Lagerstätten, so die Klimaschutzexpertin:

    "Man kann heute nicht feststellen, ob sie dauerhaft dicht wären. Das heißt, für viele tausend Jahre das CO2 sicher speichern. Und wir wissen auch nicht, was das für die Grundwasserversorgung bedeuten kann, wenn verdrängtes Salzwasser – das ist etwas, was zwangsläufig eintritt wenn man CO2 unter die Erde verpresst – aufsteigen würde und in Trinkwasservorkommen gerät."

    Am 23. September wird über das sogenannte CCS-Gesetz im Bundesrat abgestimmt. Es soll den Weg für Modellprojekte, wie beispielsweise im brandenburgischen Ketzin, freimachen – Vattenfall-Sprecherin Katharina Blömer:

    "Das Gesetz, was jetzt erlassen wird, bezieht sich erst einmal wirklich nur auf Demonstrationsanlagen. Das heißt, die Bundesregierung will einen Rahmen schaffen, für die weitere Entwicklung und Erprobung der Technologie. Das bedeutet auch, dass das Gesetz – so ist zumindest der Stand im Moment – 2017 noch einmal auf dem Prüfstand soll und noch einmal dem Bundestag vorgelegt werden soll."

    Das Gesetz bezieht sich allein auf die Speicherung von CO2 an Land – nicht aber auf die Speicherung unter dem Meer. Demnach können die Bundesländer zwar in ihrem Gebiet umstrittene CO2-Endlager verhindern, nicht aber in der Ausschließlichen Wirtschaftszone, kurz AWZ, die zwölf Seemeilen seewärts der Küsten beginnt. Ein Schlupfloch im Speichergesetz.

    RWE hat aufgrund des Widerstandes aus der Bevölkerung und der daraus resultierenden Ablehnung des Landes Schleswig-Holstein Konzessionen für Probebohrungen zur unterschiedlichen Lagerung von CO2 an Land zurückgegeben. Auch für RWE könnte die Speicherung in der Nordsee eine neue Möglichkeit sein. Der BUND hat nun vorsorglich eine Studie vorlegt, um CCS-Risiken für die Meeresumwelt zu belegen. Auch hier die Sorge, dass stark salzhaltige Formationswässer aus dem Untergrund nach oben gedrückt werden

    "Das könnte Auswirkungen für bodennahe Lebewesen, z.B. auch für Fischlaichgründe haben, was dann natürlich gravierende Auswirkungen für die Nahrungskette hätte. Perspektivisch bedeutet das aber auch einen höheren Nährstoffeintrag."

    Off-Shore – für Vattenfall sei das derzeit nicht von Interesse. Man konzentriere sich auf die Abspaltung und eventuelle Speicherung von CO2 an Land – so Sprecherin Katharina Blömer.

    "Das Thema Off-Shore Speicherung ist für uns tatsächlich keins. Wir konzentrieren uns für den Moment auf unser Demonstrationsprojekt in Jenschwalde. Dort haben wir besagte Speicherregionen identifiziert, und die liegen an Land, also On-Shore. Und offshore wäre für uns, für dieses Projekt einfach zu weit weg. Das hat dann wirtschaftliche Gründe. So eine Pipeline ist ja recht lang und dann auch kostenintensiv."

    Nach Auffassung der Umweltschützer sind CO2-Verpressungen unter dem Meer ähnlich riskant wie an Land und sollten aus Vorsorge verboten werden.