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StartseiteKultur heuteGefangene des Systems22.03.2006

Gefangene des Systems

Schriftsteller und Oppositionelle in Weißrussland

Tausende von Menschen demonstrieren seit Sonntag in Minsk gegen eine Wahl, die nicht nur ausländische Beobachter als nicht frei und nicht fair bezeichnet haben. In den Monaten vorher wurden in Weißrussland Oppositionelle verhaftet, unabhängige Zeitungen geschlossen, Bürgerinitiativen verboten, dem unabhängigen Schriftstellerverband die staatlichen Zuwendungen gestrichen. Mit den Demonstrationen in Minsk keimt aber ein Pflänzchen der Hoffnung.

Moderation: Karin Fischer

Anhänger des weißrussischen Oppositionskandidaten Alexander Milinkewitsch tanzen in Minsk aus Protest gegen den Ausgang der Wahlen. (AP)
Anhänger des weißrussischen Oppositionskandidaten Alexander Milinkewitsch tanzen in Minsk aus Protest gegen den Ausgang der Wahlen. (AP)
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Karin Fischer: Frage an meine Kollegin Anastassia Boutsko, die Kontakt zu weißrussischen Intellektuellen und Schriftstellern hat: Auch wenn es noch nicht die Massen sind, die auf die Straßen gehen, woher kommt denn plötzlich dieser Mut?

Anastassia Boutsko: Woher kommt dieser Mut? Sie haben gerade dieses Paradebeispiel Schriftstellerverband angesprochen. Das ist eigentlich ganz, ganz wichtig. Es ist folgenderweise, es gibt einen alten Schriftstellerverband mit 580 Mitgliedern, und diesen Mitgliedern wurde vorgeschlagen, so etwas wie ein Loyalitätsbekenntnis Lukaschenko gegenüber abzuliefern und dem so genannten neuen Schriftstellerverband beizutreten. Und das haben von diesen 580 gerade 53 Schriftsteller gemacht, also unter zehn Prozent. Also insofern würde ich schon sagen, dass das eine symbolische Zahl ist. Und wenn man von der weißrussischen Opposition oder von den weißrussischen Intellektuellen spricht, da kann man denen alles Mögliche unterstellen oder auch nicht unterstellen. Aber man kann denen nicht einen fehlenden Mut unterstellen. Und heute habe ich gerade mit zwei von den Schriftstellern in Weißrussland, in Minsk gesprochen, mit Olga Ipatova, die sich gerade in Kanada aufhält, wo sie ihr Buch schreibt, aber auch mit einem in Minsk ansässigen Kollegen, mit Sergej Sakonikov, einem Journalisten und einem Schriftsteller. Und da war ich in dieser Ansicht nur bestätigt, wie zum Beispiel die Frau Ipatova erzählt:

" Die Intellektuellen haben es wirklich sehr schwer heutzutage in Weißrussland. Es ist uns zum Beispiel verboten, uns mit unseren Lesern zu treffen, Lesereisen zu machen. Oder wir haben keinen Zutritt zu Archiven und zu Bibliotheken. Und sie verstehen doch selber, was das bedeutet. Das bedeutet, dass wir von vorneherein von den Menschen abgeschnitten, abgeschirmt werden, die sich mal die Frage stellen würden, was sind das eigentlich, die Umstände, die in unserem Land herrschen, was ist denn da los. "

Fischer: Lassen Sie uns bei der Rolle der Schriftsteller in Weißrussland noch ein bisschen stehen bleiben, die eine sehr schwierige ist, Sie haben es gerade geschildert. Eine der berühmteren Vertreterinnen, Swetlana Alexijewitsch, ist schon vor Jahren ins Ausland gegangen, um Repressionen zu vermeiden. Viele Schriftsteller wurden verhaftet, in der Zeit vor der Wahl jetzt auch. Und das bedeutet, dass eben die Intellektuellen, die zur Zeit der Perestroika die geistige Grundlage für eine belarussische also eine nationale Kultur geschaffen haben, plötzlich nicht mehr als Aufklärer sondern als Staatsfeinde galten. Ist das, was wir jetzt erleben, ein Anzeichen für eine kleine Öffnung, für etwas mehr Spielraum für Intellektuelle und Schriftsteller?

Boutsko: Also diesen Spielraum muss man sich erst verschaffen, und ich glaube, diese Opposition, die jetzt in Minsk auf dem [Oktoberplatz] demonstriert, das ist eben dieser Versuch, den Freiraum zu schaffen, wie Sergej Sakonikov mir gegenüber gesagt hatte:

" Wir sind sehr stolz darauf, dass heute auf dem Platz die Menschen gekommen sind, die freien Menschen. Es gibt da natürlich ganz viele Jugendliche, ganz viele Studenten, aber auch nicht nur. Und da sind auch die so genannten normalen Weißrussen da. Und sie wissen, unsere Menschen sind schon mal konservativ, und sie sind nicht nur konservativ, sie sind unendlich verängstigt und eingeschüchtert. Aber diese Menschen sind mal auf der Straße. Und ich glaube, man darf nicht unterschätzen, was heute passiert. Das bedeutet schon eine sehr bedeutende Veränderung, einen ganz bedeutenden Wandel in dieser ganzen Gesellschaft. "

Fischer: Widerstand, Frau Boutsko, ist ja auch eine Kultur. Und in der Ukraine hat diese Bewegung von unten die so genannte orangene Revolution bewerkstelligt. Glauben Sie, dass Minsk eine solche Massenbewegung noch sehen wird?

Boutsko: Also von einer orangenen oder von einer Jeansrevolution, den Begriff gibt es mittlerweile auch, kann man in Minsk nicht sprechen. Schon deswegen nicht, weil die Situation in Weißrussland eine ganz andere ist, wie in der Ukraine. Den Autoritarismus gibt es nicht nur auf der politischen, sondern auch auf der wirtschaftlichen Ebene. Das bedeutet, es gibt keine Mittel, eine alternative Kultur, eine alternative Medienwelt zu entwickeln. Das ist ganz wichtig, wenn man so etwas wie eine orangene Revolution erwartet. Außerdem die intellektuelle Schicht von Weißrussland ist dermaßen ausgeblutet. Wenn Sie sich nur anschauen, wo die meisten Menschen sind. Natürlich hat es auch in Russland oder in der Ukraine diesen Prozess gegeben, dass junge Intellektuelle in den Westen, in die USA, wohin auch immer, gegangen sind. Aber in Weißrussland war es ganz extrem. Da sind nur ganz, ganz wenige noch da geblieben. Auch wenn ich nur auf meinen Bekanntenkreis schaue. Da ist zum Beispiel einer der berühmten Moskauer Verleger, der Verleger von Sorokin auch, Alexander Ivanov, ein Minsker, der konnte sich in Minsk nicht durchsetzen, ist in Moskau. Wenn Sie zum Beispiel die Universitäten von Frankreich, auch von Deutschland anschauen, dann sind es ganz viele weißrussische Gelehrte, die weggegangen sind. Das heißt, diese intellektuelle Schicht, auch die jüngeren Intellektuellen, die mal diesen Sprengsatz für eine orangene Revolution in sich beherbergen, sie sind einfach nicht da. Und dann möchte ich noch einmal ganz kurz das Wort der Frau Ipatova, der Olga Ipatova, geben, die sagt:

" Nur dank der Weltöffentlichkeit sind ganz viele da, die jetzt demonstrieren auf dem [Oktoberplatz], überhaupt noch unversehrt geblieben. Denn wir haben schon Sprüche uns gegenüber gehört, wir werden euch in den Boden stampfen, wir werden euch in den Asphalt hineinrollen mit Dampfwalzen. Und nur die Ungleichgültigkeit, die Aufmerksamkeit der Menschen in Westeuropa, in Deutschland, der Weltöffentlichkeit erlaubt es denen da nicht, uns in den Asphalt zu stampfen. "

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