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StartseiteCampus & KarriereNomade in der Wissenschaft16.07.2019

Geflohener Syrier in BerlinNomade in der Wissenschaft

Die Philipp-Schwartz-Initiative hilft geflüchteten Wissenschaftlern, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Seit 2016 vergibt die vom Außenministerium finanzierte Initiative Stipendien für bedrohte Forscher aus aller Welt. Zu den ersten Stipendiaten gehört der syrische Archäologe Tarek Ahmad.

Von Manfred Götzke

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Das antike Weltkulturerbe von Palmyra am 26. März 2016 (picture alliance / dpa / Valery Sharifulin)
Das antike Weltkulturerbe von Palmyra am 26. März 2016: Der Archäologe Tarek Ahmad forscht nach seiner Flucht aus Syrien mit einem Stipendium des Außenministeriums weiter in Berlin. (picture alliance / dpa / Valery Sharifulin)
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Tarek Ahmad zoomt im Netz auf die Tempelanlage von Palmyra, eine Ruinenstadt im Osten Syriens, beziehungsweise auf das, was noch davon übrig ist. 

"Ich kann ihnen hier bei Google-Earth Palmyra zeigen."

Seit einigen Jahren arbeitet der syrische Wissenschaftler fast nur noch mit Satelliten-Daten aus dem Netz. Zwangsläufig. Den direkt vor Ort kann der Archäologe nicht mehr an seinem Forschungsgegenstand arbeiten. 

"Wir haben Ausgrabungsberichte und manchmal bekommen wir aktuelle Fotos und Informationen von Aktivisten, die noch vor Ort sind. Ja und dann hab ich noch meine Bücher."

Projekt zum kulturellen Erbe Syriens

Hier an der Freien Universität Berlin arbeitet Ahmad an einem Projekt über die Bedeutung des kulturellen Erbes Syriens für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in seinem Heimatland. Das geht auch an seinem neuen Arbeitsplatz im FU-Hauptgebäude in Dahlem. 

"In der syrischen Geschichte hatte jeder neue Diktator sein eigenes stereotypes Narrativ unseres kulturellen Erbes durchgesetzt – und das alte zerstört. Auch das führte immer wieder zu Konflikten in Syrien."

Ahmad kann sich voll auf sein Forschungsprojekt konzentrieren – Lehrverpflichtungen hat er zurzeit nicht. 

"Es geht um mir um eine neue Interpretation unseres kulturellen Erbes, um die gemeinsame Identität der unterschiedlichen religiösen und ethnischen Gruppen in Syrien zu stärken."

Flucht aus Damaskus

2015 ist der Wissenschaftler vor dem Krieg und dem Regime geflohen. Nachdem in einem benachbarten Unigebäude in Damaskus eine Bombe eingeschlagen war.

"Das war, während ich eine Vorlesung hielt. Sechs meiner Studenten - tot. In dem Moment, als ich das Blut gesehen habe, die toten Studenten, diese Katastrophe - da hab ich mir gesagt, es reicht."

Ein paar Monate später war Ahmad in Berlin, über seinen Weg hierhin möchte er auch heute nicht sprechen. Hier knüpfte er schnell Kontakte zu Archäologie-Kollegen an der FU und erfuhr vom Philipp Schwartz Stipendium. 

"Ich brauchte aber noch einen Professor, der mich für das Programm vorschlägt. Und was dann passiert ist, ist ein wahrer Fall von Solidarität, finde ich. Ein Heidelberger Archäologie-Professor, der mich noch nie gesehen hatte, hörte von meinem Fall. Er hat mich für das Programm vorgeschlagen – und mich an seine Uni geholt. Und so hat das geklappt."

Seit Anfang 2016 im Programm

Als Ahmad Anfang 2016 in das Programm aufgenommen wurde, waren die meisten Stipendiaten Syrer, erzählt der 38-Jährige.

"Für mich war das Stipendium eine enorme Hilfe, um hier an meiner ersten Monografie zu arbeiten, um publizieren zu können. Ja und auch, um hier im deutschen Wissenschaftssystem wettbewerbsfähig zu werden."

Denn als Wissenschaftler in Deutschland - auch finanziell - klarzukommen, sei deutlich schwieriger als in seiner Heimat - aber auch in Italien, wo Ahmad noch vor dem Krieg promoviert hat. 

"Die deutsche Wissenschaft ist sehr wettbewerbsorientiert. Und für einen Forscher, der nicht aus Europa kommt, ist die Chance, auch nur eine befristete Stelle zu bekommen, sehr gering. Vermutlich werden wir nie die gleichen Möglichkeiten haben, wie normale deutsche Nachwuchswissenschaftler."

Wieder ein Stipendium für zwei Jahre

Seine aktuelle Stelle in Berlin läuft wieder über ein Stipendium, wieder für zwei Jahre. Diesmal ist es die Einstein-Stiftung, die ihn fördert. Was danach kommt, weiß er noch nicht so genau. 

"Wir Syrer sind wie Nomaden, hier in der Wissenschaft. Und zwar nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt. Wir ziehen umher – auf der Suche nach der nächsten temporäreren Stelle. Dabei würde ich gerne hier bleiben."

Denn Ahmad fühlt sich ganz wohl an der FU. Er ist gut vernetzt, hat Freunde gefunden. Außerdem ist der 38-Jährige gerade Vater geworden. Wieder weiterziehen - wenn es geht, lieber nicht.

Solange Assad an der Macht ist...

Überall in Ahmads Büro hängen Fotos der Ausgrabungsstätten, an denen er schon geforscht hat. Aleppo, Damaskus – die Tempelanlage von Palmyra. 

"Die Tempel da sind längst zerstört, durch den IS. Die Menschen sind vertrieben worden. Ich kann nicht beschreiben, wie sehr mich das schmerzt."

Natürlich würde der Archäologe lieber heute als morgen zurück in seine Heimat – um dort forschen und mit seiner jungen Familie leben zu können. Doch so lange Assad an der Macht sei, könne er nicht zurück. 

"Wenn das Regime weg ist, werde ich unter den ersten sein, die wieder zurückkehren. Aber in der näheren Zukunft sehe ich da keine Chance. Leider."

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