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StartseiteForschung aktuellGefühlt statt gehört29.10.2009

Gefühlt statt gehört

Intelligenter Vibrationsalarm auf dem Handy

Technik. - Zurzeit vibriert das Handy nur, um den Eingang eines Anrufs oder einer SMS ohne Ton zu übermitteln. Ein finnisches Unternehmen will das Repertoire jedoch auf viele andere Funktionen ausdehnen. Auf dem Kongress "Symbian Event 2009" wurde die Lösung in London vorgestellt.

Von Maximilian Schönherr

Handys können bald auch spürbar kommunizieren. (AP)
Handys können bald auch spürbar kommunizieren. (AP)

Ein Mobiltelefon spricht mit uns über seinen Lautsprecher und den Bildschirm. Wir sprechen mit dem Gerät über das Mikrofon und über die Tasten oder indem wir direkt auf den Bildschirm tippen. Ein tiefes Eintauchen, ein Versinken, ein Verschmelzen mit dem Gerät sieht für Matias Impivaara von Immersion anders aus. Bei Besprechungen etwa, sagt er, möchte man genau spüren, was einem das Gerät zu sagen hat; es soll dabei aber nicht dauernd piepen.

"It is nice to see and feel the button, but you don‘t want to have the beeping sound."

Matias Impivaara kam aus dem Büro von Immersion in Helsinki nach London zum Symbian Event und verblüffte viele Besucher des Stands mit einer einfachen Idee. Der Vibrator, der normaler Weise nur zwei Zustände kennt: an und aus, und der für nichts anderes da ist, als wild herum zu rütteln, wenn das Telefon klingelt – dieses Bauteil ist im Grunde eine vielseitig ausbaubare haptische Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine.

"Dieser vibrierende Aktuator ist für alle Entwickler von Mobilfunkanwendungen interessant. Bei einem Autorennen etwa kann der Vibrator kurz und hart rütteln, wenn Sie gegen eine Wand fahren. Bei einem Motorradspiel beschleunigen Sie, und die Vibration nimmt stetig an Stärke zu. Bei einem Ballerspiel spüren Sie jeden Schuss in Ihrer Hand."

Versuchen wir einmal, das still und feinmotorisch vor sich hin Vibrieren hörbar zu machen, und halten unser Ohr direkt an das Gerät:

Das ist das Vibrieren beim Drücken von Tasten, also eine fühlbare Rückmeldung, ob wir etwa beim Wählen einer Nummer tatsächlich die 8 gedrückt haben.

Hier beschleunigen wir beim Motorradfahren.

So vibriert das Handy, wenn man bei einer SMS ein Smiley tippt. Fühlt sich angenehm an, dieser Herzschlag in der Hand.

Das hier könnte ein Handy-Programmierer als Gefühl für Langeweile, für Schnarchen einsetzen, vielleicht unterstützt von einem entsprechenden Schnarch-Sound. Wobei wir hier im Radio wie gesagt das an sich lautlose Vibrieren hörbar machen, indem wir das Mikrofon direkt an den Aktuator halten. Für Klingel-, ja, nicht Klingeltöne, sondern Klingelvibrationen, sind endlose Varianten denkbar. Ein Gespräch oder ein Spiel ließe sich so beenden. Immersion ist, wenn Ton, Bild und jetzt eben auch das Gefühl in der Hand oder im Bauch zusammengehen. Die Firma besitzt über 700 Patente auf dem Gebiet der Mensch-Maschine-Schnittstellen, viele davon in der minimal invasiven Medizin, wo es wichtig ist, dem Chirurgen spürbare Rückmeldungen darüber zu geben, was die Geräte, die er von außen in den Bauchraum gesteckt hat, gerade anrichten.

Bei Testreihen mit Mobiltelefonhaptik fanden die finnischen Forscher heraus, dass die Anwender für die Vibration sensibilisiert werden können. Die meisten Probanden stellten die Geräte anfangs viel kräftiger ein als später. Viele konnten nach kurzer Zeit allein an der Art der Schwingung entscheiden, ob der Sohn, die Schwiegermutter oder ein Geschäftskollege anruft.

Bei der Ansteuerung der Bleistiftspitzen-großen Bauteile reichen nur zehn Prozent der Vibratorleistung aus, um dem Anwender das taktile Feedback zu geben, dass er erfolgreich eine Taste gedrückt hat; mit 30 Prozent Vibration kann die typische Bestätigung, das OK, verbunden werden; und 100 Prozent braucht man nur beim Weckalarm, oder wenn die Navigationssoftware ein scharfes Abbiegen nach links anmahnt. Die Forschungen ergaben, dass ein Aktuator für die meisten Anwendungen ausreicht. Selbst wenn der Anwender die Taste oben links drückt und der Vibrator irgendwo in der Mitte des Geräts sitzt, wird er denken, es vibriert genau unter seinem Finger, also unter der Taste oben links am Bildschirm. Impivaara:

"Eine Technik der Zukunft werden piezoelektrische Vibratoren sein, die man in Streifenform bekommt, die also auch größere Bereiche überdecken können. Wir müssen aber noch daran arbeiten, sie mechanisch belastbarer zu machen. Sie können leichter brechen."

Matias Impivaara denkt noch einige Schritte weiter, an biegsame Displays. Auf der weichen Oberfläche eines Mobiltelefons kann man dann mit dem Finger ein Herz malen, die Sensoren merken sich das, übertragen es an das Handy der Geliebte weit weit weg. Bei der klingelt es dann nicht, sondern sie sieht, wie aus ihrem Gerät das Herz herauskommt, das ihr Freund ihr gerade geknetet hat.

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