Sonntag, 27. November 2022

Archiv


Gegen den Pakt des Schweigens

Spanien tut sich noch heute schwer im Umgang mit seiner Geschichte. Fast 40 Jahre lang beherrschte Diktator Francisco Franco das Land, nachdem er es mit einem Staatsstreich in den Bürgerkrieg geführt hatte. Hunderttausende fielen seiner Repression zum Opfer. Doch noch immer sind Straßen und Plätze nach dem alten Diktator benannt. 30 Jahre nach seinem Tod versucht die neue spanische Regierung nun vorsichtig, die Franco-Opfer stärker in den Blickpunkt zu rücken. So stellte gestern Spaniens Kulturministerin Carmen Calvo das Projekt für ein "Zentrum der historischen Erinnerung" vor. Hans-Günter Kellner berichtet aus Madrid.

09.06.2005

    Miguel Martínez war sechs Jahre alt, als seine Eltern mit ihm vor den heranrückenden Truppen des späteren Diktators Francisco Franco aus Spanien flohen. Die Flucht führte mit einem Schiff ins algerische Oran. Dort trennten die französischen Kolonialbehörden die Familie. Die Männer kamen in Arbeitslager, Frauen und Kinder blieben allein. Die Schicksale der spanischen Bürgerkriegsflüchtlinge im Exil sind in Spanien kaum bekannt. Miguel Martínez erklärt, warum:

    "Ja es stimmt, Franco ist jetzt zwar 30 Jahre tot. Aber es gab nach seinem Tod diesen Pakt des Schweigens. Zu Beginn unserer Demokratie in den siebziger Jahren hatte man wohl Angst, es käme zu Racheakten, wenn über die Ereignisse von damals gesprochen würde. Da wird Franco noch heute in seinem Mausoleum im Tal der Gefallenen vor Madrid gehuldigt. Das ist eine Beleidigung für uns Exilierte."

    Miguel Martínez lebt noch heute in Frankreich, hält sich diese Tage auf Einladung des spanischen Kulturministeriums jedoch in Madrid auf. Die spanische Regierung plant in der Universitätsstadt Salamanca ein großes Dokumentationszentrum zum Franco-Regime, und will dafür auch die Exilspanier gewinnen. Das Land erlebte einer der längsten Diktaturen Europas, Hunderttausende fielen der Repression zum Opfer oder flüchteten ins Ausland. Doch auch 30 Jahre nach dem Tod von Francisco Franco gibt es kein zentrales Forschungs- und Informationszentrum. Kulturministerin Carmen Calvo über ihr Projekt:

    "Wir sprechen von einem Ort des historischen Gedächtnisses. Noch sind die Menschen, die jene Zeit erlebt haben, unter uns. Aber ihr Wissen muss bewahrt bleiben, wenn sie einmal sterben. Wir müssen dieses kollektive Gedächtnis an die folgenden Generationen weitergeben. Jeder hat das Recht zu wissen, was Francos Staatsstreich tatsächlich bedeutet hat, der Bürgerkrieg, die Diktatur und das schmerzhafte Exil. Gerade die Jungen, die einmal Verantwortung übernehmen werden, dürfen dies nicht vergessen. Damit sich die Geschichte nicht wiederholt."

    Doch noch heute ist jede Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in Spanien ein Problem. Denn es gibt in Salamanca bereits ein Bürgerkriegsarchiv, das jedoch der Diktator selbst dort installiert hatte. Dort wurde Material über die Franco-Gegner gesammelt, um so deren Repression zu rechtfertigen. Unter anderem ließ Franco auch das historische Archiv der katalanischen Regionalregierung nach Salamanca schaffen. Dies möchte die spanische Regierung jetzt an Katalonien zurückgeben. Die spanischen Konservativen kündigen für das Wochenende in Salamanca einen Massenprotest gegen diese Entscheidung an. Die Kulturministerin sieht darin Rückzugsgefechte von Nostalgikern des alten Regimes:

    "Wir hatten hier eine sehr dramatische Situation. Franco putschte 1936 gegen ein legitimes und demokratisches Spanien. Die Konsequenzen waren fürchterlich. Viele Spanier erkennen heute die demokratische Verfassung der damaligen Republik an und lehnen den Staatsstreich Francos ab. Aber es gibt auch viele, die ihn befürworten."

    Schon als die Regierung im März in Madrid von einem Ministeriumsvorplatz eine Franco-Statue entfernen ließ, kam es noch Wochen danach zu Protesten. Trotzdem folgten zahlreiche Stadtverwaltungen dem Beispiel, und verbannten Franco von den öffentlichen Plätzen. Und Ende dieses Monats sollen eine Regierungskommission Vorschläge zur Umgestaltung des so genannten "Tals der Gefallenen" veröffentlichen. Noch zu Lebzeiten ließ sich Franco von Zwangsarbeitern dieses Mausoleum in einen Berg in der Umgebung Madrids hauen. Immer noch zieht die Gruft mit ihrem gigantischen Kreuz darüber Rechtsradikale aus ganz Europa an. Auch hier darf bei Veränderungen mit Protesten gerechnet werden. Die "Vereinigung zur Wiedererlangung des historischen Gedächtnisses" fordert schon seit Jahren eine solche neue Interpretation der eigenen Geschichte. Ihr Vorsitzender, Emilio Silva, ist noch nicht zufrieden:

    "Wir entdecken immer noch neue Einzelheiten über die Repression. So kam zum Beispiel erst jetzt eine Studie über die Internierungslager des Franco-Regimes auf den Markt. Wir heben seit 30 Jahren eine Demokratie, aber bisher wussten wir nicht, dass mehr als 400.000 Menschen in diesen Lagern interniert waren. Aber all diese Debatten um den Bürgerkrieg werden zu sehr von der Parteipolitik bestimmt. Wir brauchen einen neuen Konsens. Was ist Teil des demokratischen Wertesystems, und was nicht? Dann wird deutlich, es gibt Dinge, die sind einfach nicht zu tolerieren."