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StartseiteSonntagsspaziergangZu Besuch bei den Whiskey-Moonshinern06.10.2019

Geheime Destillen in TennesseeZu Besuch bei den Whiskey-Moonshinern

In den Bergen Tennessees lebt die Tradition der Whiskey-Schwarzbrenner fort. Die schwer zugänglichen Appalachen waren schon immer ein ideales Gelände für versteckte Distillen, die den Whiskey traditionell bei Mondschein brannten. Heute wird der Moonshine-Whiskey nicht mehr heimlich produziert.

Von Rudi und Rita Schneider

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Panoramafoto Landschaft in Tennessee: Wald, Berge, eine kleine weiße Kirche (Raphael Tenschert )
Der Great-Smoky-Mountains-Nationalpark in den Appalachen: Ein ideales Gelände für geheime Destillen (Raphael Tenschert )
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Bluegrass aus den Appalachen Mit dem Banjo gegen die Einsamkeit

"Moonshiners Life", oder zu Deutsch "das Leben der Schwarzbrenner" so heißt dieser Song der Country Musik Legende Hank Williams. Und natürlich widmete Hank diesen Song dem Mann mit der wohl bekanntesten Lebensgeschichte eines Moonshiners: Marvin, Spitzname "Popcorn", Sutton. Popcorn war wohl der bekannteste Schwarzbrenner in den Appalachen. 1999 veröffentlichte er seine Autobiographie. Durch sein Doku-Video und und seine Auftritte in TV-Shows erreichte er weltweit Kultstatus.

Wir beginnen unsere Spurensuche an der Stelle, wo Popcorns Arbeitsgerätschaften endeten: Nämlich im Museum of Appalachia in Clinton Tennessee, ganz in der Nähe des Cumberland Trails, wo wir Elaine Meyer treffen. Elaine ist die Tochter des bekannten Autors John Rice Irwin, der das Museum gründete.

"Er besuchte uns häufig hier im Museum und bot uns Teile von unterschiedlichen Distillen an. Eine der beiden baute er hier selbst auf. Wir haben in jedem Fall die letzte Distille, die er vor seinem Tod benutzte. Insgesamt sind es zwei seiner Distillen."

Popcorns Geschichte endete leider tragisch. Um nicht letztendlich für seine Schwarzbrennerei ins Gefängnis zu müssen, setzte er seinem Leben selbst ein Ende. Wir folgen nun etwas den Spuren von Popcorn. In seiner Videoproduktion" Last dam run of Likker" tuckert Popcorn in seinem alten Oldtimer-Truck den Berg hinauf und erzählt von seinem letzten Arztbesuch.

"Ich war beim Doktor und er sagte: 'Ich habe schlechte Nachrichten für dich, Popcorn'. Und ich fragte ihn: 'Und was ist das?' Er meinte: 'Du hast den schlechtesten Rücken, den ich je gesehen habe, du solltest damit aufhören, deinen Likker zu brennen.'"

Geheime Destillen in wilden und unzugänglichen Bergzügen

Die wilden und unzugänglichen Bergzüge der Appalachen mit ihren vielen klaren Bergbächen waren und sind ein ideales Gelände für die versteckten Distillen der Schwarzbrenner. Popcorn nannte sein Destilat "Likker". Wir treffen Mark Ramsey und Digger Manes, die damals Popcorns enge Freunde und Helfer waren. Heute sind die beiden Teil der erfolgreichen Fernsehserie "Moonshiner". Mark erinnert sich.

"Ich war oft dabei, als er seinen Likker destillierte. Er erzählt dabei nicht viel, er erwartet, dass man durch Zuschauen mit Mitarbeit verstand, worauf es ankam. Um ehrlich zu sein, es ist kein Hexenwerk, Moonshine zu produzieren. Es ist harte Arbeit, und man braucht Geduld. Und offen gesprochen: Geduld war manchmal nicht Popcorns Stärke. Egal, wir hatten eine großartige Beziehung."

Digger, der natürlich die obligatorische Latzhose trägt, stemmt die Daumen in die Hosenträger und zeigt ein breites Lächeln.

"Popcorns Persönlichkeit war unglaublich. Zeitweilig war er richtig nett, dann konnte er aber auch ein kleiner Teufel sein. Er war zwar von Statur aus klein, konnte aber mitunter ein recht lockeres Mundwerk haben. Die Leute fragten uns oft: 'Vermisst ihr ihn?' Wir sagten dann: 'Ja, natürlich, aber nicht immer.' Er konnte sich manchmal ohne Grund in einer Sache verbeißen. Aber sein Herz, das war so groß wie die Vereinigten Staaten. Wenn jemand in Not war, schenkte er ihm einige Flaschen von seinem Likker und sagte: 'Hier, damit kannst Du etwas Geld verdienen.'"

Immer wieder neue Whiskey-Rezepte

Mark und Digger entwickeln in ihrer Moonshiner-TV-Show immer wieder neue Rezepte, und die werden ganz legal in Gatlinburg gebrannt, wo die Besucher in der Sugarlands Distille live erleben können, wie der Moonshine produziert wird, erzählt Travis West.

"Wir haben zwei von Mark und Diggers eigenen Rezepten, die wir hier produzieren, einen Haselnuss-Rum und einen Apfelkorn-Whiskey. Die beiden sind sehr nette Kerle und bei unserem Publikum unglaublich beliebt. Ich liebe es immer, wenn sie mal hier reinschauen."

Wenn in Popcorns selbstgebauter Distille die Maische zu kochen begann, so erzählt Digger, dann war ein lautes Blubbern zu hören. Popcorn liebte dieses rythmische Geräusch und begann zu tänzeln. Gute Kumpel, Bluegrass auf der Veranda seiner kleinen Waldhütte bei der Distille, einen Krug voll "Home made Pride" oder Likker - das war alles, was er brauchte.

"Jemand hatte eine Fiddle, ein anderer die Gitarre und sein Kumpel ein Banjo oder eine Mandoline - dann ging's los und sie machten Musik. So war das hier. Kaum konnten die Kinder ein paar Schritte laufen, begannen sie schon zu tranzen. Popcorn liebte Bluegrass-Musik. Er glaubte auch, er sei ein großartiger Banjo-Spieler."

Die Story von Popcorn und seinem goldenen Banjo

Das Banjo - davon kann auch Pam erzählen, die sich zu uns gesellt hat. Pam ist Popcorns Witwe und sie hatte ihn in einem kleinen Cafe in Parrotsville kennengelernt, wo Popcorn hartnäckig um sie warb.

"Er hatte sich ein Banjo gekauft, ein vergoldetes Banjo. Er spielte gerne damit rum - und je mehr er trank, desto mehr glaubte er, dass es besser klingen würde. Aber, bei Gott, er konnte wirklich kein Banjo spielen. Natürlich, er liebte Bluegrass-Musik. Ja, er tanzte auch gerne zu diesem Rhythmus, was dann mitunter lustig aussah. Je mehr er getrunken hatte, desto mehr glaubte er, er könne perfekt tanzen und spielen."

Mark und Digger sind sich einig, Popcorn war kein guter Banjo Picker, aber ein genialer Distiller, so rudimentär auch seine selbstgebauten Distillen aussahen. Da fragt man sich einen Moment, ob Popcorn mit diesem Wissen nicht eine tolle Karriere in einer professionellen Whiskey-Brennerei möglicherweise hätte machen können, das sind viele Konjunktive.

"Popcorn würde nie, nie, niemals ein legaler Distiller sein. Er hatte nicht das Temperament, nicht die Geduld, das wollte er auf keinen Fall - stimmt das, Pam?"

Pam schüttelt heftig ihren Kopf und meint: "Never ever".

Falscher Freund wurde zu Popcorns Verhängnis

Doch dann wird Pam nachdenklich und erinnert sich, wie sich das Unheil über Popcorn zusammenbraute. Ein seltsamer Kerl tauchte auf.

"Er sah wie ein Biker aus: Ketten, die typischen Klamotten. Er kam und sagte: 'Bist Du Popcorn Sutten?' Er sagte: 'Ja das bin ich'. Er fuhr fort: 'Ich habe vor Jahren Deinen Schnaps gekauft, hast du noch welchen?' Er kam dann immer wieder ins Haus. Popcorn begann ihm zu vertrauen und nahm ihn dann zum ersten Mal mit zu seinen Distillen. Am Tag danach, wurde Popcorn verhaftet. Dieser Biker war offensichtlich ein Undercover-Agent."

Mark schüttelt den Kopf und meint: "Dieser Mann war Popcorns Sargnagel."

"Ich habe Popcorn einmal gefragt, warum er diesen Biker so weit in seine Welt ließ. Er sagte: 'Mark, der erschlich sich einfach mein Vertrauen.' Ich sagte: 'Genauso machen sie das.' Letzendlich war das der große Schlußstrich. Popcorn hoffte noch, dass er nur Hausarrest bekam, aber der Richter spielt nicht mit. Für Popcorn war das der Punkt für den letzten Akt. Er tat immer was er wollte, davon konnte ihn niemand abbringen, es war seine Entscheidung, so war es einfach."

Die 15. Generation der Moonshiner

Genau, wie es Frank Sinatra besang.

"Oh ja, zur Hölle ja, es war sein Weg, und ehrlich, es gab keinen anderen Weg. Da gabs auch keine Diskussion, es war sein Weg, darüber haben wir nie gestritten."

Megan, Digger, Pam, Darrell (v.l.n.r.) auf der Veranda (Deutschlandfunk / Rudi und Rita Schneider)Whiskey-Moonshiner: Megan, Digger, Pam, Darrell (v.l.n.r.) auf der Veranda (Deutschlandfunk / Rudi und Rita Schneider)

Moonshiner haben, so lernen wir von Pam, Mark und Digger, eine sehr lange Tradition in den Appalachen. Um diesen Spuren weiter zu folgen, machen wir uns auf den Weg nach Hartford. Dort an den Füßen der Smokies gleich am Ufer des Pigeon River haben wir uns mit Darrell Miller verabredet. Darrell ist in der sage und schreibe fünfzehnten Generation Moonshiner, und diese Legende lässt sich noch toppen. Seine erste Generation wanderte nachweislich auf der Mayflower 1620 in Amerika ein.

"Wir fanden heraus, sie wohnten in England, kamen aber aus Schottland. Der Name des Gentlemans war William Mullins. Um auf die Mayflower zu kommen, brauchten sie für die Passage ein Dokument, in dem steht, dass sie Schuster- und Elixiermacher waren. Sie mussten auch bestätigen, dass sie keine Angehörigen einer religiösen Sekte waren. So steht es im Passage-Dokument."

Elixiermacher - die Vorfahren verstanden sich offensichtlich schon damals aufs Destillieren. Darrell ist von stattlicher Statur, und mit einer lockeren Handbewegung zeigt er auf den Bergrücken, der oberhalb des Flusses den Smokies alle Ehre macht, denn wabernde Dunstschwaden steigen sanft in den Morgenhimmel.

"Es gibt immer noch zwei Distillen gleich hier oben in den Bergen, die mein Großvater betrieb. Eine Viertelmeile von hier geht's rauf. Die sind da noch immer da, man muss nur richtig tief in den Wald, dort kannst du sie sehen."

Tradition des Moonshine Whiskey lebt fort 

Von seinem Großvater - wir erinnern uns, 13. Generation nach der Mayflower - hat Darrell offensichtlich vieles rund um die Moonshine-Produktion hier oben in den Bergen erfahren.

"Da gibt es zwei wichtige Sachen, die ich von meinem Großvater lernte: Er suchte immer Wasser an der Nordseite des Berges. Und er sagte: 'Das Wasser darf nie die Sonne gesehen haben' - er konnte das schmecken. Als ich jung war, habe ich den Unterschied nicht wahrgenommen, mittlerweile kann ich den Geschmack aber auch unterscheiden. Eine gute und absolut unbelastete Wasserquelle ist sehr wichtig - und die haben wir hier im Nationalpark, keine Fremdstoffe, das Wasser ist wirklich gut."

All diese Dinge rund um den Moonshine sind immer noch wohlgehütete Familiengeheimnisse. Darrell hat seinen Moonshine vor einigen Jahre legalisiert und eine Micro-Distillen-Lizenz erworben - übrigens nicht zur Freude anderer Moonshiner in der Gegend. Wie auch immer, in Darrells Familie lebt der Spaß am Destillieren weiter. Nicht ohne Stolz in den Augen stellt er uns seine Tochter Megan vor. Megan ist die derzeit jüngste legale Distillerin in den Vereinigten Staaten.

"Wir haben das hier vor sechs oder sieben Jahren eröffnet. Mein Vater macht das ja schon sein ganzes Leben lang. Er bringt mir alles bei und ich bin bereit, die Distille zu übernehmen, wenn die Zeit kommt. Es stimmt, man braucht lange, bis man alles gelernt und verstanden hat."

Familiensinn und Tradition. Übrigens, als wir Darrell und Megan in Hartford besuchten, waren auch Pam Sutton und Digger Manes nochmal mit ihrem Pickup-Truck gekommen, und wir saßen noch lange auf der Front Porch beisammen und lauschten unglaublichen Geschichten rund um den Moonshine.

Und um unsere Moonshine-Spurensuche würdig abzurunden, lauschen wir noch einen Moment dem Song von Ali Randoph, den Sie zu Ehren Popcorns geschrieben hat und den sie traditionell auf der "Popcorn Sutton Memorial Jam" in Newport singt. In diesem Jahr waren es unglaubliche 3.000 Besucher, die von Gottweißwo kamen. Pam veranstaltet dieses Festival zusammen mit ihrer Schwester seit nunmehr neun Jahren. Die Gäste kamen sogar aus Kanada und Österreich.

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