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GeisteswissenschaftenDeutsch stirbt als Wissenschaftssprache aus

Auch in den Geisteswissenschaften wird Englisch allmählich zur Wissenschaftssprache, was nicht jedem Forscher gefällt. Tassilo Schmitt, Vorsitzender des Philosophischen Fakultätentages, sagte im Deutschlandfunk, dass "Respekt vor der Mehrsprachigkeit" wichtig sei.

Tassilo Schmitt im Gespräch mit Manfred Götzke | 27.06.2014

793 Studenten sitzen am 10.04.2014 bei der Erstsemesterbegrüßung am Campus Koblenz der Universität Koblenz-Landau in Koblenz-Rheinland-Pfalz im großen Hörsaal.
Studenten bei der Erstsemesterbegrüßung am Campus Koblenz der Universität Koblenz-Landau: Auch in den Geisteswissenschaften wird zunehmend Englisch gesprochen. (picture-alliance / dpa / Thomas Frey)
Manfred Götzke: "Publish in English or Perish in German" – Publiziere auf Englisch oder verrecke auf Deutsch. Dieser fiese Satz, der kursiert zurzeit an so manchen Hochschulen, und zwar nicht nur an den naturwissenschaftlichen Fakultäten, sondern zunehmend auch bei den Geisteswissenschaftlern. Auch in Geschichte, Soziologie oder Philosophie wird Englisch mehr und mehr zur Wissenschaftssprache. Das gefällt nicht jedem Professor. Seit gestern tagen die Geisteswissenschaftler auf ihrem Philosophischen Fakultätentag in Siegen und beschäftigen sich mit eben diesem Thema: Englisch oder Deutsch als Wissenschaftssprache. Tassilo Schmitt ist Professor für Altertumswissenschaften in Bremen und Vorsitzender des Philosophischen Fakultätentages. Herr Schmitt, sprechen Sie auf Ihrem Kongress eigentlich Deutsch oder Englisch?
Tassilo Schmitt: Wir sprechen natürlich Deutsch.
Götzke: Und wenn jetzt ein paar amerikanische oder englische Kollegen vor Ort wären?
Schmitt: Es ist ja natürlich jetzt im Moment kein wissenschaftlicher Kongress, sondern es ist der Philosophische Fakultätentag, wo Delegierte der elf Fakultäten an deutschen Universitäten, die den Dr. phil. vergeben, versammelt sind, und die sprechen alle Deutsch.
Götzke: Wie handhaben Sie es denn auf wissenschaftlichen Kongressen, bei denen ja auch häufig die Situation entsteht, dass ausländische Kollegen da sind, die eben nicht so gut Deutsch sprechen können?
Respekt vor der Mehrsprachigkeit
Schmitt: Das ist, wie sich in den Diskussionen heute gezeigt hat, in den verschiedenen Fächern sehr unterschiedlich. Ich selbst komme aus den Altertumswissenschaften, in denen es ja inzwischen Jahrhunderte alter Brauch ist, dass in mehreren großen Sprachen – zu denen das Deutsche gehört, aber auch das Englische, das Französische, das Italienische und einige andere – selbstverständlich vorgetragen und Diskussionsbeiträge formuliert werden können, dass die Antworten dann aber eben auch in den jeweils anderen Sprachen kommen können. Das ist ein Respekt vor der Mehrsprachigkeit, vor den wissenschaftlichen Traditionen unterschiedlicher Länder und entspricht nach unserem Verständnis auch dem, wie europäische Wissenschaft aussehen sollte.
Götzke: Das setzt natürlich Mehrsprachigkeit der Kollegen voraus.
Schmitt: Ja, das setzt Mehrsprachigkeit der Kollegen voraus, aber es gab mal eine Zeit, in der an deutschen Gymnasien drei Sprachen als die übliche Qualifikation, die man am Ende haben sollte, vorgesehen waren. Es ist nicht so leicht einzusehen, warum auf der höchsten akademischen Ebene bei wissenschaftlichen Kongressen in Geisteswissenschaften da nicht auch mehrere Sprachen benutzt werden sollen, zumal die Traditionen der Fächer in verschiedenen Sprachen sich durchaus ausgebildet haben und miteinander interagieren.
Götzke: Nun sieht das ja in anderen Fächern anders aus, da ist die Realität ja die, dass Englisch gesprochen wird. Was geht denn verloren, wenn auf einer Tagung der Philosophen nicht Deutsch – also in einer deutschen Tagung –, sondern Englisch gesprochen wird?
Denken mit Sprache engstens verknüpft
Schmitt: Ergebnisse kann man in allen Sprachen austauschen, wenn derjenige, der sie spricht, da auch die nötige Sprachkompetenz beherrscht. Das ist bei Gegenständen, die sehr stark mit Bildern, Metaphern und anderem arbeiten, sicher sehr viel schwieriger als in Wissenschaften, die sehr viel klarer definierte Begrifflichkeiten haben. Insofern geht bei Übersetzungen dann nicht verloren, wenn wir Sprecher haben, die diese Sprachen sehr, sehr gut beherrschen. Aber unser Problem war, dass eben auch sehr viele Publikationen nur noch auf Englisch erscheinen sollen, und es zeigt sich, dass Denken mit Sprache engstens verknüpft ist. Die Sprachen sind ja ein Instrument des Denkens, in Sprache wird gedacht, und es gehen Traditionen, Denkmöglichkeiten, Assoziationsmöglichkeiten und so weiter verloren, wenn man zu einer Monoglossie übergeht, dass nur noch eine Sprache gepflegt werden soll.
Götzke: Der Gastgeber der Konferenz in Siegen, der Siegener Rektor, der sagte auf der Eröffnungsrede, Forscher entstellten so ihre Arbeit, wenn sie deutsch Gedachtes in englischen Worten ausdrücken.
Schmitt: Das ist natürlich eine pointierte Überspitzung gewesen. Sie entstellen dann ihre Arbeit – das war der Kontext seiner Einlassung –, wenn sie selber nicht so gut in der Sprache sind, dass sie auch alle Assoziationskontexte und alle möglichen Bedeutungsvarianten mitdenken und Fehlinterpretationen ausschließen könnten. Und es war außerdem auch eine Bemerkung im Zusammenhang damit, dass man eben empirisch vielfach feststellen kann, dass, weil viele das nicht können, sie dann ihre eigenen Ergebnisse unterkomplex darstellen und dann manchmal lächerlich, primitiv erscheinen, obwohl das, was sie gedacht und sich überlegt haben, das möglicherweise gar nicht ist oder wahrscheinlich gar nicht ist.
Götzke: Aber sollte man das nicht voraussetzen, dass Forscher, dass Geisteswissenschaftler, ich will nicht sagen perfekt, aber sehr gut Englisch sprechen?
Schmitt: Das behaupten sie alle von sich, aber wenn man die Dinge genauer anschaut, gibt es doch unterschiedliche Niveaus, die sich auch aus den verschiedenen Fachtraditionen ergeben. Und selbstverständlich müssen wir heute bei Forschern voraussetzen, dass sie Englisch verstehen können, aber hoch differenziert selbst Englisch sprechen zu können und auch nur die eigenen Gedanken so gut abgesichert Englisch formulieren zu können, können doch offensichtlich viel weniger, als man glaubt.
Götzke: Nun gibt es diesen Satz "Publish in English or Perish in German", da ist ja was dran. Können Sie nicht jeden Kollegen verstehen, der seine Texte auf Englisch publiziert, um auf größtmögliche Resonanz in der Community zu stoßen?
Schmitt: Das war eines der Probleme, über das wir geredet haben, und wir werden in einer Resolution uns genau damit auch beschäftigen, dass nämlich unsere bibliometrischen Instrumente, die dann ja auch zur Leistungsbewertung herangezogen werden, europäisch neu organisiert werden, sodass deutsche, französische, italienische, spanische, russische Publikationen, wenn sie gut sind, genauso viel zählen wie englische.
Götzke: Es geht hier um den Zitierfaktor, der höher ist bei englischen Publikationen derzeit.
"Möglichkeit, uns in einer Lingua Franca verständigen zu können, nicht geringschätzen"
Schmitt: Ja, natürlich, weil es eben nur da diese Instrumente gibt, aber man kann das Ganze ja auch als eine Hegemonialpraxis einer Sprache interpretieren, die wir so auch nicht akzeptieren wollen. Die Möglichkeit, uns in einer Lingua Franca verständigen zu können, wollen wir überhaupt nicht gering schätzen, aber die Möglichkeiten, die mit dem Denken und Formulieren in verschiedenen Sprachen verbunden sind, dürfen wir nicht aufgeben. Das ist der Hintergrund dessen, dass auch dann die Publikationen entsprechend gewertet werden sollen.
Götzke: Ist aber letztlich die wachsende Dominanz oder die bestehende Dominanz des Englischen in einer globalisierten Welt nicht irgendwie auch alternativlos?
Schmitt: Nee, also ich meine, wenn wir immer von der Alternativlosigkeit ausgehen, haben wir die Auseinandersetzung schon aufgegeben, für die wir glauben, sehr gute Argumente zu haben. Es geht sehr viel verloren, wenn die Mehrsprachigkeit verloren geht, und dafür wollen wir eintreten und auch auf europäischer Ebene werben.
Götzke: Englisch sollte nicht zur einzigen Wissenschaftssprache werden, jedenfalls nicht in den Geisteswissenschaften – das sagt Tassilo Schmitt, der Vorsitzende des Philosophischen Fakultätentages.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.