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StartseiteCampus & KarriereGeisteswissenschaften gut im Rennen08.04.2005

Geisteswissenschaften gut im Rennen

Interview mit Volker Meyer-Guckel, Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft

Die Einführung der neuen Studienabschlüsse Bachelor und Master läuft nach Ansicht des stellvertretenden Generalsekretär des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft, Volker Meyer-Guckel, bei den Geisteswissenschaften sehr gut. Meyer-Guckel tritt auch dem Vorurteil entgegen, Sozial- und Geisteswissenschaftler hätten per se schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Durch den Wandel von der Industriegesellschaft zu einer Kommunikations- und Wissensgesellschaft seien die Qualifikationen von Geisteswissenschaftler besonders gefragt.

Moderation: Kate Maleike

Volker Meyer-Guckel, stellvertretender Generalsekretär  des Stifterverbandes (Stifterverband)
Volker Meyer-Guckel, stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbandes (Stifterverband)
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Kate Maleike: An der Uni Bayreuth ist gerade eine Konferenz zu Ende gegangen, bei der ganz explizit mal der Bachelor in den Geistes- und Sozialwissenschaften im Mittelpunkt stand. Auf Einladung des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft wurde zwei Tage über Berufsbefähigung, Karrierechancen und Qualitätssicherung diskutiert. Dr. Volker Meyer-Guckel, der stellvertretende Generalsekretär des Stifterverbandes ist jetzt am Telefon. Sie haben noch vor wenigen Minuten eine Podiumsdiskussion beendet, die den Titel hatte "Die Zukunft des Bachelor in Ausbildung und Beruf". Welche Zukunft hat denn der Bachelor für Geistes- und Sozialwissenschaften?

Volker Meyer-Guckel: Nun ja, er ist erst mal ein politisches Faktum, das bis 2010 realisiert werden wird. Die Geistes- und Sozialwissenschaften marschieren da gut mit, insgesamt sind ja zirka 25 Prozent der Studiengänge in Deutschland umgestellt auf die neuen Studienabschlüsse und bei den Geistes- und Sozialwissenschaften sind es nahezu 30 Prozent, das heißt, sie sind eigentlich in dieser Bewegung ganz vorne dabei. Das hat möglicherweise natürlich auch mit dem erhöhten Leidensdruck zu tun, den diese Fächer in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten erfahren mussten - Stichwort: Überlast, Stichwort: mangelnde Strukturierung, hohe Abbrecherquoten und damit natürlich auch eigentlich eine hohe Ressourcenverschwendung.

Maleike: Jetzt ist ja gerade der Begriff "Berufsbefähigung" für Geistes- und Sozialwissenschaftler ein bisschen problematisch, weil ja klassischerweise nicht auf ein bestimmtes Berufsbild studiert wird, anders als zum Beispiel bei den Naturwissenschaften oder den Technikern. Riskiert man mit dem Bachelor-Abschluss nicht dann noch eine Verschlechterung der Jobchancen für die Absolventen? Sie haben den Leidensdruck ja schon angesprochen.

Meyer-Guckel: Also dem würde ich entschieden widersprechen. Es ist erst mal ein Mythos zu glauben, Sozial- und Geisteswissenschaftler hätten per se schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosenquote unter den Absolventen in diesen Fächern ist ja nicht größer als diejenige unter den Informatikern oder den Ingenieuren. Das heißt, diese Fächern haben es schon in den letzten 20 Jahren hervorragend geschafft, sich ihren Arbeitsmarkt zu schaffen. Und das liegt einfach daran, dass sich eine Gesellschaft von einer Industriegesellschaft zu einer Kommunikations- und Wissensgesellschaft wandelt und auch schon gewandelt hat. Und damit passen die Qualifikationen, die ein Geisteswissenschaftler mitbringt, eigentlich perfekt in das, was Unternehmen erwarten, das ist nämlich nicht mehr eng fachlich zugeschnitten - Stichwort: Schlüsselqualifikation, das wird ja von Unternehmen immer wieder ins Feld gebracht. Und das sind eigentlich die Dinge - intellektuelle Neugier, die Fähigkeit, sich in Unbekanntes einzuarbeiten -, die die Geisteswissenschaftler mitbringen und immer schon mitgebracht haben. Das Problem ist nur, dass sie dieses Licht auch immer sehr unter den Scheffel gestellt haben und dass sie nicht offensiv über die Qualitäten und die methodischen Fertigkeiten in der Öffentlichkeit berichtet haben, die sie tatsächlich dann auch mitbringen.

Maleike: Herr Meyer-Guckel, in diesen Tagen wird viel über Elite-Förderung und Spitzenforschung gesprochen. Glauben Sie, dass die Geistes- und Sozialwissenschaften im Wettbewerb mit den anderen Disziplinen, die ich schon genannt habe, mithalten können und bei den Förderungen wirklich entsprechend berücksichtigt werden?

Meyer-Guckel: Aber natürlich. Es gibt ja auch Spitzenforschung in den Geisteswissenschaften. Die Frage ist, wie die Hochschulleitungen in ihren Profilbildungsstrategien mit dieser Spitzenforschung umgehen. Und da muss man zum Beispiel mal nach Amerika schauen - das wird ja immer als mahnendes Beispiel hingestellt: Gerade die privat organisierten Hochschulen, die also sehr viel Drittmittel von privater Seite bekommen, haben ja starke Geisteswissenschaften. Die wissen genau, warum. Weil sie nämlich nur so als vollwertige Hochschule, als exzellente Hochschule in der Landschaft dastehen. Bei den Geisteswissenschaften zu kürzen in dem Bereich, ist für viele Hochschulen fatal. Das heißt nicht, dass man sozusagen gärtnerische Beschneidungen hier und da vornehmen muss, wenn man sich profilieren will.

Maleike: Kommen wir noch mal zurück zur Elite: Die Ministerpräsidenten wollen ja in der kommenden Woche "den Deckel drauf machen", sage ich mal salopp, also das entsprechende Programm verabschieden. Allerdings hat Hessens Ministerpräsident Koch heute noch mal bekräftigt, dass er mit dem vorliegenden Konzept nicht einverstanden ist, weil er nämlich befürchtet, dass die Universitäten dann in zwei Klassen geteilt werden, also in die, die gefördert werden und die, die nicht gefördert werden. Koch sagte heute morgen im Interview mit dem Deutschlandfunk:

Ich glaube, dass man dazu kommen kann, dass alle Forschung auch in Zukunft sich projektbezogen abwickelt, also mit der Hoffnung etwa der Forschungsgemeinschaft, die das zu bewerten hat, ob ein bestimmtes wissenschaftliches Projekt einer Universität eine international wichtige Zukunft hat, deshalb gefördert werden soll oder nicht. Die Mittel müssen projektbezogen eingesetzt werden und nicht prämieren, wie Universitäten organisiert sind. Darin liegt der Streit und das ist eine wichtige Frage. Wenn man die einmal falsch entscheidet, wird man auch in Deutschland Universitäten erster und zweiter Klasse haben. Das kann man fast nicht mehr rückgängig machen und deshalb ist dieser Punkt auch den Streit wert.

Halten Sie die Befürchtungen von Herrn Koch für berechtigt?

Meyer-Guckel: Ich verstehe Herrn Koch nicht ganz in dieser Hinsicht, denn auch er hatte sich ja deutlich für eine Differenzierung der Hochschullandschaft ausgesprochen, für eine "Stärkung der Stärken", und das kann man nicht erreichen, indem man dann wieder davon spricht, dass dann möglicherweise eine Zweiklassengesellschaft eintritt. Natürlich wird es gute und gut ausgestattete Universitäten in Zukunft geben und etwas weniger ausgestattete, die dann ihr eigenes Profil, ihre Nischen suchen. Und die Gefahr, die besteht, wenn man Herrn Kochs Argumentation folgt, nur noch forschungsprojektbezogen die Mittel zu verteilen - dieses Argument übersieht, dass man natürlich auch den Hochschulen für ihre Universitäts-, also Hochschulentwicklung Gelder zur Verfügung stellen muss. Es gibt auch den Effekt, dass die Universitäten an ihren Erfolgen bei der Drittmitteleinwerbung in der Forschung zugrunde gehen, weil die nämlich nur die reinen Forschungsprojekte finanzieren und dann ist eben zu wenig Geld für die Universitätsentwicklung da, für Overheads, für Managementfragen. Und das soll ja gerade mit der Exzellenz-Initiative, auf die man sich nun zumindest unter den Wissenschaftsministern geeinigt hat, in Gang gesetzt werden. Und ich halte das für ein ganz wichtiges Projekt, das keineswegs nun wieder an föderalen Streitigkeiten scheitern darf. Wir haben jetzt seit einem Jahr diskutiert, es ist nichts passiert und jetzt müssen wir es auf die Wege bringen. Und wir werden auch vonseiten des Stifterverbandes noch einmal einen Anlauf nehmen, um Herrn Koch und die CDU-Ministerpräsidenten insgesamt davon zu überzeugen, dass das eine sinnvolle Initiative ist, die nun umgesetzt werden muss.

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