Forschung aktuell / Archiv 09.05.2012

Gekappte VerbindungStaudammprojekte in den Zuflüssen gefährden die Ökologie des AmazonasVon Lucian Haas

Blick auf das Amazonasbecken (AP Archiv)Blick auf das Amazonasbecken (AP Archiv)

Am Amazonas gibt es von den Quellgebieten bis zur Mündung keine großen Staudämme. Das könnte sich in Zukunft ändern. Länder wie Bolivien, Peru, Ecuador und Kolumbien wollen verstärkt die Wasserkraft der Andenflüsse nutzen. US-Forscher warnen vor massiven ökologischen Folgen für das Amazonasgebiet.

Sie heißen Caqueta, Madeira, Napo, Marañon, Putumayo und Ucayali. Sechs große Zuflüsse speisen den Amazonas aus der Ostflanke der Anden heraus. Sie bringen viele Sedimente und Nährstoffe mit sich, die dem Regenwald in der Ebene zugutekommen. In der Gegenrichtung wandern viele Fische aus dem Amazonas die Zuflüsse hinauf, weil sich ihre Laichgründe in deren Oberlauf befinden. Diese ungestörte Verbindung zwischen den Anden und dem Amazonasbecken ist von enormer ökologischer Bedeutung. Doch sie gerät in Gefahr.

"Wir haben die strategischen Langfristplanungen von allen Andenländern unter die Lupe genommen. Dabei ist uns aufgefallen, dass beim Thema Energieversorgung stets der Bau von neuen Wasserkraftwerken in den Zuflüssen des Amazonas aus den Anden im Fokus steht. Wir fragten uns: Wie wird sich der Bau dieser vielen Staudämme auf den Amazonas auswirken?"

Matt Finer ist Ökologe am Zentrum für internationales Umweltrecht in Washington. In detektivischer Kleinarbeit hat er erstmals alle verfügbaren Informationen über neue Dammbauprojekte in den Anrainerstaaten der Amazonaszuflüsse gesammelt. Es geht um Bolivien, Peru, Ecuador, Kolumbien und Brasilien. Nimmt man sie alle zusammen, könnte der Region ein wahrer Staudamm-Boom bevorstehen.

"Wir haben Pläne für mehr als 150 Dämme gefunden. Wir sprechen also nicht von einem oder zwei, sondern von Dutzenden neuer Staudämme. In der Summe wird sich das sicher auf das Tiefland des Amazonasbeckens auswirken, weil durch diese Dämme etwas abgeschnitten wird."

Abgeschnitten werden zum Beispiel die Wanderwege der Fische, aber auch Sedimente und Nährstoffe bleiben an Staustufen gewissermaßen hängen. Angesichts der Größe des Einzugsgebietes des Amazonas stellen einzelne Staudammprojekte noch keine dramatischen Einschnitte dar. Es ist die Menge der Bauten, die Matt Finer Sorgen bereitet.

"Schon jetzt stehen zwei große Staudämme am Madeirafluss vor der Fertigstellung. Es bleiben also nur noch fünf freifließende Flüsse. Wenn es nun so weiter geht wie geplant, könnten es bald nur noch vier oder drei sein. Und bevor man sich versieht, bleibt vielleicht nur noch eine Wasserverbindung, die völlig unbehindert fließt."

Das Problem ist: Die ökologischen Folgen dieser gesamten Entwicklung für den Amazonas haben die Planer bisher überhaupt nicht im Blick.

"Aktuell werden die Projekte nur sehr eingeschränkt allein auf der Projekt-Ebene analysiert. Wir müssen aber das große Ganze in den Blick nehmen. Es muss einen strategischen Plan geben, wie die durchgehende Verbindung von den Bergen zum Amazonas erhalten werden kann. Das Problem dabei ist, dass wir es mit fünf Ländern und mehreren Wasserstraßen zu tun haben. Hier muss zielstrebig eine Organisation geschaffen werden, die das koordiniert."

Matt Finer hat im Rahmen seiner Studie alle gefundenen Staudammprojekte in drei Klassen eingeteilt - je nachdem, ob mit ihrem Bau geringe, mittlere oder große negative ökologische Effekte zu erwarten sind. Relevant ist dafür nicht nur das Aufstauen der Flüsse. Wenn für einen Damm auch neue Straßen und Stromtrassen gebaut werden müssen, fördert das die Abholzung der Regenwälder. 80 Prozent der Projekte stufte Matt Finer als stark umweltgefährdend ein. Er empfiehlt den Ländern, beim Ausbau der Wasserkraft vor allem auf die ökologisch verträglicheren Lösungen setzen.

"Wir sagen ja nicht, Wasserkraft ist schlecht. Wir sagen: Analysiert die Staudammprojekte viel strategischer als bisher. Bevorzugt umweltfreundliche Lösungen und versucht alles in eurer Macht stehende zu tun, um den Bau der Dämme mit den größten Umweltfolgen zu verhindern."

Matt Finer will es nicht nur bei der Studie belassen. Er wird bald selbst nach Peru reisen, um seine Ergebnisse und Vorschläge den lokalen Behörden zu präsentieren.

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