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StartseiteHintergrundGekauft!02.12.2010

Gekauft!

Korruption im Sport

Korruption und Wettbetrug. Täglich werden kleine und große Fälle von Manipulationen im Sport bekannt. Von den großen Verbänden werden diese zumeist als Einzelfälle heruntergespielt. Der organisierte Sport macht Korruption leicht. Denn das Sport-Business mit seiner eigenen Rechtswelt hat strukturelle Probleme.

Von Jens Weinreich

FIFA-Präsident Joseph Blatter und der russische Premierminister Wladimir Putin (AP)
FIFA-Präsident Joseph Blatter und der russische Premierminister Wladimir Putin (AP)
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Der Ball rollt in Russland und Katar

Der Fußball-Weltverband FIFA hat heute in Zürich zwei Weltmeisterschaften vergeben: Die WM 2018 findet in Russland statt, die WM 2022 wird in Katar ausgetragen. Die Entscheidung des FIFA-Exekutivkomitees wird seit Wochen von Korruptions-Enthüllungen begleitet. Zwei bestechliche Exekutivmitglieder – Amos Adamu aus Nigeria und Reynald Temarii aus Tahiti – wurden suspendiert und durften nicht mit abstimmen. Vier weitere einflussreiche Funktionäre wurden ebenfalls gesperrt.

Doch drei andere Exekutivmitglieder, die schon vor Jahren eine zweistellige Millionensumme an Schmiergeld von der Vermarktungsagentur ISL/ISMM kassiert haben, durften mit abstimmen. Dazu gehört Ricardo Teixeira, der Präsident des brasilianischen Fußballverbandes, der auch als Chef des WM-Organisationskomitees 2014 agiert. Gegen ihn wird nun in Brasilien ermittelt. Die Veröffentlichung weiterer Namen von bestochenen Top-Funktionären versuchen FIFA-Anwälte derzeit zu verhindern.

Derlei Skandale werden von den Amtsträgern gern als Einzelfälle beschrieben. FIFA-Präsident Joseph Blatter kürzlich am Rande des DFB-Bundestages in Essen:

"Die FIFA hat 208 Verbände. Und wenn einige Individuen aus diesen 300 Millionen Teilnehmern der FIFA vielleicht korrupt sind, dann kann man nicht sagen, die ganze Familie ist korrupt. Das kann man nicht sagen."

FIFA-Präsident Joseph Blatter (AP)Nur Einzelfälle: FIFA-Präsident Joseph Blatter (AP)So kennt man Sepp Blatter. Er spricht stets von seiner "Familie", von Einzelfällen. In Wahrheit sind diese Fälle nur die Spitze des Eisberges. Korruption im Sport ist zu einem Dauerthema geworden. Das globale Geschäft mit den Olympischen Spielen oder Fußball-Weltmeisterschaften garantiert Milliardengewinne für die Sportverbände. Die Verlockung ist groß, sich dabei auch privat die Taschen zu füllen. Verbände, Funktionäre, Vermarktungsfirmen, Trainer, Betreuer, Athleten, sogar Politiker – viele Personen und Institutionen verdienen auf illegale Weise.

Täglich werden kleine und große Fälle von Manipulationen bekannt. Vom größten Korruptionsskandal der Sportgeschichte rund um die Firma ISL/ISMM, die mehr als 140 Millionen Schweizer Franken Schmiergeld gezahlt hat, sind auch Funktionäre des Internationalen Olympischen Komitees betroffen: IOC-Doyen Joao Havelange, der FIFA-Ehrenpräsident, Issa Hayatou aus Kamerun und Lamine Diack aus dem Senegal, der Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF.

Korruption folgt nicht dem klassischen Täter-Opfer-Prinzip. Es gibt nur Täter – Geber und Nehmer. Die sind sich in der Regel einig und schließen auch keine Verträge ab. Das macht die Aufklärung so schwierig. Zumal die Geschädigten anonym bleiben – meist sind es die Steuerzahler.

Kriminologen wie Britta Bannenberg, Professorin an der Universität Gießen, gehen davon aus, dass in allen Bereichen der Gesellschaft mehr als 95 Prozent der Korruptionsfälle nie öffentlich werden. Von den wenigen Fällen, die juristisch verhandelt werden, endet nur ein kleiner Prozentsatz mit einem Schuldspruch. Der Sport macht da keine Ausnahme.

"Nein, im Gegenteil. Der Bereich des Sports ist ja noch abgeschotteter, weil es keine Kontrollstrukturen von außen gibt. Das Strafrecht zum Beispiel, das natürlich im Grundsatz bei Unternehmen und Verwaltungen einsetzbar ist, das greift im Sport ja meistens schon gar nicht. Weil nämlich Akteure gar nicht bestochen werden können. Die eigentliche Bestechung im Kern, die ist vom Strafrecht überhaupt nicht erfasst. Und auch Funktionäre, die ihre Stimme abkaufen lassen, die sind vom Strafrecht in den meisten Ländern nicht erfasst. Und dann ist auch für alles andere, was vielleicht möglich wäre, also Schadensersatzklagen, überhaupt gar kein Raum."

In der ISL-Affäre wurden nur wenige der Schmiergeldempfänger bekannt. Die FIFA zahlte sogar ein Schweigegeld von 5,5 Millionen Franken an die Justizkasse des Kantons Zug, um die Veröffentlichung weiterer Namen zu verhindern. Experten bezeichnen derlei Abmachungen als Korruptionsverdunklungs-Vertrag. Es war nicht der einzige in der ISL-Affäre.

Die ISL-Gruppe unterhielt ein ausgeklügeltes Korruptionssystem mit Dutzenden von Briefkastenfirmen, geheimen Stiftungen und Schwarzkonten in zahlreichen Ländern. Mindestens 140 Millionen Franken wurden zwischen 1989 und 2001 bis zum Konkurs der Firma bezahlt. Ein ISL-Manager, der sich vor zwei Jahren nicht etwa wegen Korruption, sondern wegen Unterschlagung vor Gericht verantworten musste, sagte damals aus, Schmiergeld an Sportfunktionäre zu zahlen sei ...

"... als wenn man Lohn bezahlen muss. Sonst wird nicht mehr gearbeitet. Sonst wären diese Verträge von der anderen Seite nicht unterschrieben worden. Diese Praxis war unerlässlich, sie gehörte zum Stil des Geschäfts."

Der organisierte Sport macht Korruption leicht. Denn das Sport-Business mit seiner eigenen Rechtswelt hat strukturelle Probleme, die von den Verantwortlichen stets geleugnet werden, sagt Britta Bannenberg:

"Es sind sehr wenige Menschen mit sehr hoher Macht in diesen Bereichen tätig. Und sie werden im Grunde auch von staatlichen Spitzen hofiert und sind dadurch fast sakrosankt. Das ist eine ganz besondere Konstellation, die ja kaum Vorstandschefs von großen Unternehmen genießen. Und dadurch stehen sie noch mehr außerhalb der staatlichen Kontrolle. Aber es gibt ja auch kaum staatliche Regelungsmechanismen. Das staatliche Strafrecht greift für sie ja nicht. Und deshalb können sie sich auch leicht zurückziehen in ihre wortgewaltigen Ankündigungen der Konsequenzen, die dann aber ohne jegliche rechtliche Relevanz sind, weil selbst ihre Selbstkontrolle oder Eigenkontrolle im Grunde überhaupt nicht ausreichend ist, aber auch nicht konsequent durchgezogen wird."

Sportverbände erfreuen sich am Prinzip der partiellen Rechtlosigkeit. Im Sport prallen drei "juristische Normwelten" aufeinander, wie Fachleute sagen:

- Die gewöhnliche Rechtswelt,
- das Recht in autonomen Sportorganisationen, also das Verbandsrecht,
- und die sogenannte rechtsfreie Spielwelt, also die Spielregeln.

Absurd an dieser Konstellation ist, dass milliardenschwere Unternehmen wie das IOC, die FIFA oder der finanzstarke Deutsche Fußball-Bund (DFB) nach dem Vereinsrecht organisiert sind. Sie operieren zwar wie internationale Konzerne, sind aber – beispielsweise – nicht von internationalen Anti-Korruptions-Konventionen erfasst, die im Bereich der Wirtschaft gelten: weder von den Abkommen der Europäischen Union, der OECD, des Europarats noch von dem der Vereinten Nationen.

Rund 50 internationale Sportverbände residieren in der Schweiz und genießen vielfältige Sonderregeln wie Steuerbefreiungen und werden nicht einmal vom Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb tangiert. Das hat der Bundesrat, die Regierung der Schweiz, so beschlossen. Zwar gibt es nun, ausgelöst durch die jüngsten Enthüllungen zum FIFA-Sumpf, zaghafte Diskussionen darüber, ob diese Sonderregelungen gerechtfertigt sind, doch ob Schweizer Politiker den Worten Taten folgen lassen und die Korruptionsregeln auf Sportkonzerne und deren Amtsträger ausweiten, steht in den Sternen.

Jörg Schild war lange Jahre Staatsanwalt im Drogendezernat. Heute ist er ehrenamtlicher Sportfunktionär und Präsident des Nationalen Olympischen Komitees Swiss Olympic. Auch er befürwortet eine Gesetzesverschärfung.

"Der Sport hatte in den vergangenen Jahren genügend Möglichkeiten zu beweisen, dass er die Probleme selbst lösen kann. Ich meine, der Sport hat diese Chance nicht genutzt. Und jetzt müssen wir diese Diskussion führen."

Logo München 2018 (Bewerbungsgesellschaft München)Logo München 2018 - das Bundeskabinett machte jüngst rund 50 Zusagen, die finanzielle Konsequenzen haben (Bewerbungsgesellschaft München)Aktuelle Initiativen zur Korruptionsbekämpfung im Sport sind auch aus Deutschland nicht bekannt. Im Gegenteil: Wann immer sich Deutschland um Sport-Großereignisse bewirbt, werden Institutionen wie FIFA oder IOC Steuerbefreiungen, Sondergesetze und allerlei Vergünstigungen garantiert. So auch in der laufenden Bewerbung Münchens für die Olympischen Winterspiele 2018. Das Bundeskabinett machte jüngst rund 50 Zusagen, die finanzielle Konsequenzen haben. Zum Beispiel: eine Ausfallbürgschaft und auch die Zusage, für eventuelle Verluste des Organisations-Komitees geradezustehen.

Dieser Großzügigkeit der Gastgeberländer großer Sportevents stehen häufig Sportfunktionäre gegenüber, die skrupellos Selbstbedienung betreiben.

Doch wo beginnt Korruption, was genau verbirgt sich hinter diesem Begriff? Es gibt verschiedene Korruptionsbegriffe, juristische, theologische, wirtschaftswissenschaftliche, sozialwissenschaftliche, politikwissenschaftliche – und moralische. Die Nichtregierungsorganisation Transparency International verwendet diese schlichte, aber einprägsame Definition:

"Korruption ist der Missbrauch von anvertrauter Macht zum privaten Nutzen oder Vorteil."

Im vergangenen Jahr hat Bayerns Justizministerin Beate Merk einen Entwurf für ein deutsches "Gesetz zur Bekämpfung des Dopings und der Korruption im Sport" vorgelegt. Sie scheiterte am Widerstand der Sportverbände und zahlreicher Politiker. Selbst in ihrer eigenen Partei fand die CSU-Politikerin dafür keine Mehrheit. Während der Olympiabewerbung Münchens ist erst recht nicht damit zu rechnen, dass der Straftatbestand Sportbetrug eingeführt und damit Doping sowie Bestechlichkeit und Bestechung generell unter Strafe gestellt werden.

Der einzige Sportpolitiker aus dem Bundestag, der sich stets für einen Straftatbestand Sportbetrug eingesetzt hat, ist der Bündnisgrüne Sportsprecher Winfried Hermann. Selbst er stellt fest ...

"... dass eigentlich das Thema Korruption im Sport mindestens genauso wichtig ist wie das Thema Doping. Dass aber, im Unterschied etwa zur Bekämpfung des Dopings, wir bei der Korruptionsbekämpfung im Sport ganz am Anfang stehen, und es eigentlich kaum Strukturen und kaum Maßnahmen gibt, um Korruption im Sport aufzudecken. Und schon gar nicht gibt es Strukturen, die das sozusagen wirksam verhindern."

Die Kriminologin Britta Bannenberg kämpft seit Langem für einen Straftatbestand Sportbetrug.

"Also, im Grunde müsste die gesamte Strafbarkeit im Bereich der Wettbewerbsverstöße und der Bestechungsdelikte ausgeweitet werden auf Verantwortliche des Sports. Das heißt auf der einen Seite auf Sportfunktionäre, auf der anderen Seite aber auch auf Akteure im sportlichen Wettbewerb. Das sind zwei unterschiedliche Ebenen, aber die sind bisher nicht erfasst. Und damit fehlt oft jeglicher Ansatzpunkt für die staatliche strafrechtliche Kontrolle."

Auf der politischen Ebene bleibt das Thema also vernachlässigt. Und dies, obwohl der Sport jedes Jahr mit Millionensummen aus den öffentlichen Haushalten gefördert wird.

Die Strukturen der Korruption im Sportbusiness unterscheiden sich kaum von jenen, die in anderen gesellschaftlichen Bereichen greifen. Der Sport bietet perfekte Schnittmengen von Wirtschaft, Medien und Politik und offeriert eine Grauzone, in der sich trefflich ungeschützt kungeln lässt. Es gibt Korruption in allen Schattierungen und Größenordnungen. Im Grunde kann unterschieden werden zwischen:

1. Korruption in der Ausübung bzw. Durchführung des reinen sportlichen Wettkampfes: Geber und Nehmer sind Sportler und Offizielle. Dazu zählen Doping, Spielabsprachen, Manipulationen von Kampf- und Schiedsrichtern.

2. Korruption in Verbänden und bei der Organisation von Wettbewerben: Geber und Nehmer sind zumeist Offizielle. Beispiele sind die Vergabe von Ämtern, Marketingrechten oder Großveranstaltungen wie Olympischen Spielen und Fußball-Weltmeisterschaften.

3. Korruption außerhalb des eigentlichen Wettbewerbs: Geber und Nehmer kommen aus Sport, Politik, Wirtschaft. Hierzu zählt letztlich auch der Missbrauch des Sports zu politischen Zwecken. Und natürlich Formen der organisierten Kriminalität wie Drogenhandel, Menschenhandel, Geldwäsche, die im Sportbusiness akut zunehmen.

Im Winter 1998/99 erlebte das IOC fast sein Waterloo. Die Abkürzung steht für International Olympic Committee. Für Verbrechensbekämpfer bedeutet das Kürzel IOC auch: International Organized Crime. Im Bestechungsskandal um die Olympiabewerbung von Salt Lake City wurden sechs Mitglieder ausgeschlossen, vier weitere traten zurück, etliche wurden verwarnt. Auch damals lautete die offizielle Sprachreglung: Es handele sich um bedauerliche Einzelfälle. Von systematischer Korruption könne keine Rede sein. Andere Bewerbungen um die Austragung von Olympischen Spielen hat die hausinterne Prüfungskommission gar nicht erst untersucht.

Auf dem IOC-Gipfeltreffen Ende Oktober dieses Jahres in Acapulco, wo sich unter anderem Vertreter von 130 Sportministerien trafen, stand Korruptionsbekämpfung nicht auf der Tagesordnung. Der belgische IOC-Präsident Jacques Rogge betonte zwar, er begrüße die jüngsten Maßnahmen der FIFA, sechs Funktionäre zu suspendieren. Grundlegende Schritte aber hält Rogge nicht für erforderlich: Auch nicht die Gründung einer Welt-Anti-Korruptions-Agentur analog zur Welt-Anti-Doping-Agentur, über die seit einiger Zeit debattiert wird.

Die größte Gefahr macht Rogge derzeit im organisierten Wettbetrug aus.

"Das IOC beschäftigt sich seit drei Jahren intensiv mit der Frage der illegalen Wetten. Wir haben von Beginn an mit den Weltverbänden gearbeitet, die am ärgsten betroffen waren: Cricket, Tennis, Reiten - jenen Verbänden also, die schon etwas getan hatten. Wir haben diese Zusammenarbeit dann auf den gesamten olympischen Bereich ausgeweitet und haben während der Sommerspiele 2008 in Peking erstmals ein weltweites Warnsystem installiert. Es gab absolut keinen Hinweis auf Wettmanipulationen. Auch nicht 2010 bei den Winterspielen in Vancouver. Aber das bedeutet nicht, dass das nicht passieren könnte. Besonders nach unseren Erfahrungen mit dem Korruptionsskandal um Salt Lake City sage ich natürlich: Sag niemals nie!"

Im Vorfeld der Sommerspiele 2012 in London soll die Zusammenarbeit mit Interpol und anderen Ermittlungsbehörden ausgebaut werden – aber eben nur auf dem Sektor der Wett-Manipulationen.

Multifunktionär Thomas Bach ist Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes und Chef der Juristischen Kommission des IOC. Er hat ebenfalls ausschließlich den Wettbetrug im Fokus:

"Der Wettbetrug und die daraus folgende Korruption im Sport, die Manipulation von sportlichen Ereignissen, erfordert ganz eigene Maßnahmen, weil das vollzieht sich alles außerhalb des Sports. Hier hat der Sport keinen Einflussbereich, keine Überwachungsmöglichkeiten, im Gegensatz zu anderen Fällen wie Doping oder auch Korruption - das vollzieht sich innerhalb der Organisation. Deshalb brauchen wir dort verstärkt die Hilfe von Staaten, Regierungen und Gesetzen."

Der Sport, der stets auf seine Unabhängigkeit pocht, kooperiert im Wettbereich auch deshalb mit staatlichen Institutionen, weil die Einnahmen aus einem florierenden Geschäft mit Sportwetten und im Wett-Sponsoring überlebenswichtig sind. Sonst aber verbitten sich Funktionäre und Verbände gern externe Einmischung und verweisen auf die angebliche Unabhängigkeit.

Die Kriminologin Britta Bannenberg hält nicht viel von selbst ernannten Ethik-Kommissionen und Ethik-Richtlinien, die von Personen bestimmt werden, die selbst im Zentrum der Kritik stehen. Sie zieht Parallelen zu anderen Korruptions-Sphären.

"Allein ist das völlig nutzlos. Das hatten wir alles schon im Bereich der Wirtschaft aber auch der öffentlichen Verwaltungen. Als die ersten Skandale in Deutschland bekannt wurden, das war in den späten achtziger und in frühen neunziger Jahren, da war die erste Reaktion: Wir verabschieden Ethik-Richtlinien und wir verabschieden Selbstverpflichtungen. Und das allein hat überhaupt gar nichts gebracht."

Die strukturellen Probleme geht der Sport aus guten Gründen nicht an. Das System basiert auf vielfältigen Verflechtungen und Mitwisserschaft. Das Geben und Nehmen darf als Aggregatzustand der Branche bezeichnet werden. Oft werden diejenigen geächtet, bestraft und ihrer Ämter enthoben, die sich um Transparenz bemühen, die Vorgänge aufdecken und als sogenannte Whistleblower eigentlich geschützt werden müssten. Britta Bannenberg:

"Denn letztlich hat man ja die Erfahrung, dass Trainer, Manager, Betreuer, bis hin zu Funktionären eine Einheit bilden, die diese Mauer des Schweigens immer aufrecht erhalten, und die auch einzelne Sportler immer wieder ins Geschehen ziehen. Also, zum Teil ist da ein umfassender Personalaustausch von Doping- und korruptionserprobten Menschen unabdingbar. Mit denen geht es nicht. Setzt man weiterhin auf Selbstkontrolle durch die Verbände, dann wird sich nicht viel ändern."

Gegen derlei Parallelgesellschaften empfiehlt die Juristin knallharte juristische Maßnahmen. Gesetze, die in einigen großen Korruptionsfällen – etwa bei Siemens oder Daimler – durchaus Wirkung hinterließen.

"Der wirkliche Druck entstand im Grunde erst dadurch, dass insbesondere das amerikanische Strafrecht weltweit zur Anwendung kam. Das hat halt ein paar Besonderheiten. Und dieses scharfe Schwert bedeutet, dass man die ganze Organisation, das gesamte Unternehmen als Täter ansehen kann. Und wenn man das auf die großen Wirtschaftsunternehmen der Sportverbände, die weltweit natürlich riesige Geschäfte machen, übertragen würde, dann hätten wir die Lösung."

Mit anderen Worten: Eine Lösung ist nicht in Sicht. Denn in der Spezialdemokratie Sport gelten weiterhin andere Gesetze.

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