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Gelbe Äcker allerorten

Auf einem Achtel der gesamten Ackerfläche in Deutschland wachsen derzeit Energiepflanzen, Raps und Mais hauptsächlich. Die Landwirte sehen in der Bioenergie einen Konjunkturmotor, der Markt für Biodiesel wächst, und auch Biogas-Anlagen verbreiten sich immer mehr. Für das Landschaftsbild ist dieser Trend zwiespältig.

Von Carolin Hoffrogge |
    Durch fünfeinhalb Meter hohe Maisfelder radeln oder durch ein Meer von gelb blühenden Rapsfeldern wandern - das wird zukünftig in Deutschland mehr und mehr der Fall sein, sagt Patrick Sheridan von der Universität Gießen. Denn der Anbau von Biomassepflanzen hat ernorm zugenommen. Mais wird in kleine Teile zur so genannten Silage geschreddert, um aus dieser Grünmasse in Biogasanlagen Gas zu erzeugen. Oder die Rapsschoten werden in Mühlen kalt zu Öl gepresst, um landwirtschaftliche Maschinen mit günstigem Treibstoff zu fahren. Das sind schöne Entwicklungen, aber an unserem Auge gehen sie nicht vorbei. Allein in Niedersachsen, Hessen, Bayern und Rheinland-Pfalz wurde beispielsweise der Rapsanbau in den vergangenen zwei Jahren um 20 Prozent gesteigert.
    "Es wird bestimmte Regionen geben, in denen der Mais bei den derzeitigen Rahmenbedingungen vorzüglich ist. Das ist aber nicht flächendeckend in Deutschland zu erwarten. Aber es gibt sicherlich wie Niedersachsen, Bayern, Hessen, Rheinland-Pfalz - da ist das sicherlich eine Option. Aber wenn ich an Brandenburg oder Mecklenburg Vorpommern denke, da ist das nicht zu erwarten."

    Die Landwirte können nicht beliebig viele Mais-, Weizen- oder Rapsfelder bestellen, um die Grünmasse für ihre Biogasanlagen zu erwirtschaften. Die Natur hat das Zünglein an der Waage. So sind Niederschläge, Temperatur und die Bodenverhältnisse, aber auch der Viehbestand ausschlaggebend, wie viel Bioenergiepflanzen angebaut werden. Patrick Sheridan:

    "Für den stabilen Betrieb von Biogasanlagen braucht man meistens noch Gülle. und in einer viehlosen Region wird sich dann dieser Boom nicht so deutlich auswirken wie jetzt zum Beispiel in Niedersachsen oder in Gebieten mit intensiver Viehhaltung. Da sehe ich, dass diese Bioenergieproduktion die Nahrungsmittelproduktion verdrängen wird oder schon verdrängt hat."

    Wie Pilze schießen Biogasanlagen in vielen Regionen Deutschlands aus dem Boden, sagt Johannes Hufnagel vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung aus Brandenburg.

    "Bei uns wird jetzt eine große Anlage an der polnischen Grenze gebaut, die soll 20 Megawatt haben. Und die wollen nur Mais einsetzen, und den Mais müssen sie irgendwo produziere. Und ich denke, da wird in der Umgebung deutlich mehr Mais angebaut werden."

    Und dieser Mais ist ein Schlaraffenland für Wildschweine. Sie nehmen explosionsartig zu. Andere Tierarten hingegen werden verdrängt. Beispielsweise kämpfen Amphibien oder Singvögel ums Überleben, wenn immer mehr Monokulturen auf den Äckern wachsen.

    "Es ist jedem eingängig, das mit einer veränderten Fruchtfolge auch eine veränderte Tier- und Pflanzenwelt verbunden ist, dass in einem Maisfeld andere Tiere aufzufinden sind als in einem Getreidefeld. "

    Besondere Auswirkung werden die Monokulturen der Bioenergiepflanzen auch auf die Schädlinge haben. Besonders der Mais ist von dem so genannten Maiswurzelbohrer, einem aggressiven Schädling, bedroht. Dieser Schädling richtet in den USA jedes Jahr über eine Billion Dollar Schaden an, so Patrick Sheridan von der Uni Gießen. Eine weitere Gefahr für den hiesigen Mais: der Schädling namens Maiszünzler.

    "Was man in diesem Zusammenhang nicht vergessen darf, dass die erwünschten Ertragssteigerungen, die auch versprochen werden von den Saatgutunternehmen, muss man sich kritisch damit auseinandersetzen, ob das ohne Gentechnik überhaupt möglich sein kann. Denn gerade mit dem Maiszünzler zum Beispiel. Da ist Gentechnik ein ganz großes Thema, Maiszünzler resistenter Mais, dieser BT Mais. Da muss man sich überlegen, ob wir diesen Weg gesellschaftlich gehen wollen."

    Den entgegengesetzten Weg geht Frank Schumann mit seiner Arbeit. Der Landschaftsplaner legt so genannte Agro-Forstsysteme an. Das heißt, er pflanzt zwischen die Felder teure Bäume. Diese hochwertigen Baumarten wachsen zwar langsam, bringen aber später viel Geld ein, zum Beispiel der Landwirtin, die 15 Hektar am Schalsee in Schleswig Holstein nach dieser Methode bewirtschaftet. Frank Schumann:

    "Da werden hauptsächlich Werthölzer angepflanzt, es geht um Wertholzgewinnung. Wir haben auch noch etwas Energiehölzer angepflanzt. Als Hauptbaum ist es Berghorn oder Vogelkirsche. Als Energieholz haben wir Birke genutzt, weil der Landwirt das nicht häckseln wollte, sondern als Holzscheite verkaufen wollte, als Kaminholz."

    Schumann warnt davor, die Landschaft in Deutschland nur unter dem Aspekt des Geldes zu sehen. Aufgrund des Bioengergiebooms mahnt der Hamburger Forscher an, die Landschaftsästhetik nicht aus den Augen zu verlieren.
    "Das ist natürlich immer ein Reizwort für viele Landwirte oder Unternehmer. Was für die Agro-Forstwirtschaft nicht zutrifft, weil man ermittelt hat, dass sie 30 Prozent mehr Ertrag abwirft als eine Monokultur. Man hat die einjährige Frucht und als kapitalbildendes Element den Baum. Da kommen wesentlich höhere Deckungsbeiträge bei raus, allerdings ist es schwierig, weil man in Vorleistung gehen muss. Also ein Baum, das ist teilweise die Schwierigkeit, dass den Landwirten dann zu vermitteln, hat einen Ertrag, aber dann erst in 100 Jahren vielleicht oder 80 Jahren, je nach Baumart - dann für jede Generation, wenn es nachhaltig betrieben wird, aber einer muss erst einmal anfangen."

    Die Bauern denken mehr von heute auf morgen. Die Geduld für ein Mischsystem aus kleinen Wäldern in einem Feldsystem haben sie oftmals nicht, moniert Schumann. Deswegen ist er froh über das Geld aus den Fördertöpfen der EU, das den Anbau der Agro-Forstsysteme unterstützt. So fassen sich doch einige Landwirte ein Herz und probieren das Mischsystem aus Wald und Feld aus.