Sonntag, 02. Oktober 2022

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Gelungene Studie über Machtmissbrauch

Es gibt kaum Opern, in denen die Temperaturen zwischen eiskalter Berechnung und seelischer Überhitzung so sekundenschnell wechseln. Andreas Kriegenburg hat mit der "Tosca" sein Debüt an der Oper Frankfurt gegeben. Kirill Petrenko dirigierte seine dritte Premiere.

Von Christoph Schmitz | 17.01.2011

    Kirill Petrenko, der Dirigent der Frankfurter "Tosca", er ist der eine Star der Premiere. Bedrohlich breit, aggressiv pointiert und scharf im Blech hebt er an und bleibt doch während des ganzen Abends auf sensible Weise biegsam für das Farbspektrum der Komposition. Filigran lässt er ihre Schönheiten aufblühen, gestaltet flexibel die Veränderungen in Tempo und Dynamik, was bis ins kleinste Detail ausgearbeitet wirkt und von einem hochkonzentrierten Orchester mit Elan umgesetzt wird.

    Nur wenigen Operndirigenten gelingt es, eine Partitur so erzählerisch auszulegen. Die Bayerische Staatsoper kann sich auf ihren neuen Generalmusikdirektor in zwei Jahren freuen, auch die Bayreuther Festspiele, bei denen Petrenko den "Ring des Nibelungen" unter der Regie von Wim Wenders 2013 dirigieren wird. Der "Tosca"-Regisseur in Frankfurt, Andreas Kriegenburg, und sein Bühnenbildner Harald Thor haben für die erste Szene eine hochaufragende Kirchenfassade aus Beton mit schmallippigem Kreuzfenster dicht an den Orchestergraben gestellt. Der flüchtige Republikaner Angelotti kommt wie ein gehetzter Wirtschaftsflüchtling und illegaler Einwanderer dahergetaumelt und sucht nach Einlass in den Mauern der Festung Europa.

    Ein interessantes Motiv, das aber später leider nicht mehr aufgegriffen wird. Der Maler Mario Cavaradossi ist zu Beginn noch der ganz unpolitische Künstler. Seine Wandlung zum aktiven Streiter gegen die Willkür des autoritären Systems zeichnet Regisseur Kriegenburg sorgfältig nach. Cavaradossis Gemälde, das auf die Betonfassade projiziert wird, ist die naive Kitschvariante eines Madonnenbildnisses des Renaissance-Malers Antonello da Messina. Aleksandrs Antonenko singt den Cavaradossi mit glänzendem und spielerischer Sicherheit geführtem Tenor. Antonenko ist der zweite Star der Premiere, auch wenn er in feinen Linien über sein Kirchengemälde sinniert.

    Mit dem Auftritt von Cavaradossis Geliebter, der Sängerin Floria Tosca, kommt es zum ersten spektakulären Bühnenmoment. Cavaradossi stemmt sich gegen die Betonfassade, und die kippt vollständig nach hinten, schmettert auf den Boden, gibt den Blick frei auf den Innenraum einer modernen Kirche und wirbelt dabei Weihrauchschwaden und die wallenden roten Stoffe von Toscas Gewand auf. Selten ist die erotische und hysterische Energie dieser Frau mit einem so wuchtigen Bild eingeführt worden wie hier. Wobei sich aber widersprüchlicherweise zeigen wird, dass die Tosca des Andreas Kriegenburg gar nicht die übliche Liebesfurie ist, sondern eher ein einfacher, normaler Mensch, der sich in eine existentielle Situation geworfen sieht und sich bewähren muss und will.

    Auch dieser Entwicklung verleiht der Regisseur eine glaubwürdige Psychologie. Und Erika Sunnegardh spielt das mit ihrem zierlichen Körper und singt das mit ihrem eleganten Sopran frei von pathologischer Attitüde. Sie ist der dritte Star der Premiere.

    In der subtilen Psychologie besteht die Leistung dieser Inszenierung. Die kleinen Gesten, wenn Cavaradossi beim Gedanken an den bösen Polizeichef Scarpia in den dunkelroten Farbtopf greift, wenn Scarpia nur mit dem Zeigefinger die Wange der Tosca streift - die kleinen Gesten machen diese Arbeit zu einer gelungenen Studie über Machtmissbrauch, Sadismus und Widerstand der Opfer. Politisch und gesellschaftskritisch zwangsaktualisiert hat Kriegenburg seine "Tosca" nicht. Die Szene changiert zwischen kühler Gegenwart und finsterer Vergangenheit in einem Niemandsland. Da die Regie nicht die Frage danach stellt, wer heute die Machtverhältnisse bestimmt und ausnutzt, fällt Kriegenburg in die Kirchenkritik des 19. Jahrhunderts zurück, was dann doch etwas simpel ist.