Dienstag, 28. Juni 2022

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Gemeinsames Erinnern
Diskussionen um Antisemitismus

Die Kultusministerkonferenz und der Staat Israel wollen die Zusammenarbeit in der Schulbildung intensivieren. Sylvia Löhrmann, Schulministerin des Landes Nordrhein-Westfalen, sagte im DLF, konkrete Begegnung und konkrete Aufklärung seien das beste Gegengift gegen Vorurteile jedweder Art.

Sylvia Löhrmann im Gespräch mit Benedikt Schulz | 12.03.2015

NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann im Landtag.
Die konkrete Begegnung führt dazu, dass die deutschen Jugendlichen die israelischen besser verstehen und umgekehrt, meint Sylvia Lörmann. (picture alliance / dpa / Federico Gambarini)
Benedikt Schulz: In Leipzig ist gestern die Buchmesse gestartet, Schwerpunkt ist das Gastland Israel. Hintergrund ist natürlich das 50-jährige Bestehen diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel in diesem Jahr. In Leipzig beschäftigt sich daher auch die Kultusministerkonferenz heute mit dem Thema Israel, und da geht es um die gemeinsame Bildungsarbeit. Unter dem Titel "Erinnern für die Zukunft" will man Bilanz ziehen. Am Telefon ist jetzt Sylvia Löhrmann, Schulministerin des Landes Nordrhein-Westfalen und bis vor Kurzem auch noch KMK-Präsidentin. Ich grüße Sie!
Sylvia Löhrmann: Ja, ich grüße Sie auch, Herr Schulz!
Schulz: Wie fällt denn Ihre Bilanz aus?
Löhrmann: Wir haben im letzten Jahr ja durch die Noch-mal-Zusammenführung aller Ansätze der Länder und durch die einvernehmliche Verabschiedung der Empfehlungen, glaube ich, eine gute Aktualisierung der historisch-politischen Bildung auf den Weg gebracht, weil wir wollen, dass in all unseren Schulen neben dem klassischen Geschichtsunterricht eben auch Erinnerungsarbeit, Erinnerungskultur im umfassenden Sinne stattfindet. Das tun viele unserer Schulen, und deswegen ist das ganz schön, dass wir heute bei der Begegnung, die wir gleich mit dem israelischen Botschafter haben werden, sicher auch darüber sprechen können, wie wir diese Bildungszusammenarbeit zwischen Deutschland und Israel ganz konkret vertiefen können.
Schulen gegen Rassismus
Schulz: Ja, dann werden Sie konkret – wie kann man Sie denn vertiefen?
Löhrmann: Indem es Schüleraustausch gibt, indem Jugendliche in Deutschland sich mit der besonderen Verantwortung – ja, der deutschen Jugendlichen auch gegenüber Israel, dem Judentum, der aktuellen politischen Situation auseinandersetzen, und dass das aktuell ist, das sehen wir ja an den Diskussionen um Antisemitismus, um Rechtsradikalismus. Ganz konkret gibt es Schüleraustausch, es gibt Begegnungen, es gibt Schulen gegen Rassismus, und all diese Projekte wollen wir systematisieren und intensivieren. Und das wird von der israelischen Seite auch sehr, sehr begrüßt.
Schulz: Sie haben ja jetzt gerade den Antisemitismus angesprochen. Wir erleben auch in Deutschland wachsenden Antisemitismus, aber ist das nicht auch Versagen von Bildung?
Löhrmann: Ich glaube, einfach zu sagen, die Schule ist schuld, das mag zwar opportun sein, ich glaube, Schule und Gesellschaft spiegeln sich immer gegenseitig und hängen miteinander zusammen. Wir sind alle aufgerüttelt und wachgerüttelt, und es ist gut, dass wir als KMK diese Empfehlung auf den Weg gebracht haben, dass wir sie mit Leben füllen. Und es ist besonders gut und besonders intensiv, wenn Schulen etwa mit außerschulischen Partnern auch zusammenarbeiten, mit den Religionsgemeinschaften, wenn sie Gedenkstätten besuchen, wenn in Städten auch Austausch gepflegt wird, dann merken Jugendliche, dass das von der gesamten Gesellschaft getragen ist, und Lehrerinnen und Lehrer merken das natürlich auch, und das ist jetzt nicht nur deren Aufgabe ist.
Schulz: Auf die Lehrer will ich trotzdem kurz zu sprechen kommen. Es geht ja auch um Lehrerfortbildung, hat ja auch die KMK-Präsidentin Brunhild Kurt noch gesagt heute. Passiert denn da genug im Bereich Lehrerfortbildung im Bereich Vermittlung des Holocaust. Oder werden die Lehrer ein bisschen alleingelassen damit?
Löhrmann: Wir haben jetzt, im Anschluss an die Empfehlungen haben wir Ende April noch mal eine zweitägige Fachtagung, die die KMK gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung durchführt. Dort sind alle relevanten Akteure werden da noch mal vernetzt und haben noch mal die Gelegenheit, sich auszutauschen. Und ich habe manchmal den Eindruck, es ist gar nicht die Frage der Menge des Materials, sondern es ist manchmal vielleicht sogar zu viel Material auf dem Markt, und es kommt darauf an, das Material zu systematisieren und gut zugänglich zu machen, und da hat die Bundeszentrale für politische Bildung ausdrücklich gemacht, dass sie gerne daran mitarbeitet, dass es gute, aktualisierte, passgenaue Materialien auch für die Kolleginnen und Kollegen gibt, damit sie eben ohne Zusatzaufwand gut das in ihren Unterricht oder in die Arbeit von Projekttagen einbinden und einbetten können.
Eine dauernde Aufgabe für Deutschland
Schulz: Also weniger ist möglicherweise mehr. Es geht ja heute auch um eine deutsch-israelische Handreichung für Lehrer. Die ist allerdings nur 20 Seiten lang. Ist das nicht dann fast schon zu wenig?
Löhrmann: Na, wir haben heute noch mal ganz aktuell die Dinge zusammengeführt, einzelne Projektbeispiele in einer kleinen Broschüre, die die Empfehlung noch mal dokumentiert, die aber auch Hinweise gibt, wo man sich weiter informieren kann, um an diesem Tag noch mal die Verabredung mit der israelischen Seite vorzunehmen, um ein Kommuniqué zu unterzeichnen, und das ist sozusagen ein Mittel, was aber doch noch mal ganz schön und anschaulich macht, wie wir uns das vorstellen, in welche Richtung es gehen soll und dass das eine dauernde Aufgabe für Deutschland ist und dass da kein Schlussstrich ansteht. Und dass wir die Gedenktage, die es auch in diesem Jahr wieder gibt, nutzen müssen, um insgesamt hier unserem Bildungsauftrag gerecht zu werden.
Schulz: Ich möchte noch auf etwas anderes zu sprechen kommen. Wie sieht denn die Bildungszusammenarbeit aufseiten Israels aus? Oder was sollten Ihrer Meinung nach junge Israelis über Deutschland lernen und über die deutsche Gesellschaft lernen?
Löhrmann: Ich glaube, sie können und sollten lernen, dass es in Deutschland so etwas wie eine Staatsräson gibt, die auch eindeutig und klar ist und ja politisch unumstritten, erfreulicherweise auch auf allen staatlichen Ebenen, dass es dann aber immer drauf ankommt, sich konkret zu begegnen, konkrete Begegnung und konkrete Aufklärung sind, glaube ich, das beste Gegengift gegen Vorurteile jedweder Art. Und vielfach wird, also habe ich zumindest den Eindruck, dass die konkrete Begegnung auch dazu führt, dass sich Menschen eben verstehen, dass die deutschen Jugendlichen die israelischen besser verstehen und umgekehrt. Und daran müssen wir dauerhaft weiter arbeiten.
Schulz: Sylvia Löhrmann, NRW-Schulministerin, über die deutsch-israelische Bildungszusammenarbeit. Die ist heute Thema auf der Sitzung der Kultusministerkonferenz in Leipzig. Ganz herzlichen Dank!
Löhrmann: Gerne!
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.