Donnerstag, 24.09.2020
 
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Generation 2

Self-made-Internet im Gründungsfieber

Die Pflege der so genannten Community ist einer der Erfolgsfaktoren von Web-2.0-Seiten. Kurz gesagt kommen bei Web 2.0 die Inhalte vom User, vom Nutzer. Doch das Geschäft wollen andere machen.

Von Wolfgang Landmesser

Manchmal kann die Community auch langweilen. (Stock.XCHNG / Elena Buetler)
Manchmal kann die Community auch langweilen. (Stock.XCHNG / Elena Buetler)

"Also mein Lieblingsplatz ist das M 20, das ist eigentlich relativ unspektakulär. Das mag ich gern, weil die Musik sehr gut ist. Weil: Musik ist mir sehr wichtig, vor allem Alternative-Richtung, viel Gitarren, und das mag ich ganz gern, wenn ich rein komm, und das Lied ist schon toll. Und es ist da sehr entspannt ,das Publikum ist gemischt. Zwar was jünger, aber man muss sich nicht alt fühlen, wenn man über 30 ist, das mag ich ganz gern."

Im Internetportal Qype ist Silke Geuer die "Chefin". In bisher rund 30 kleinen Artikeln beschreibt sie dort ihre Lieblingsplätze in Köln - unter den Stichwörtern "Absacker", "Belgisches Viertel", "Ehrenfeld", "Frühstücken" oder "Karneval". Die anderen Qype-User können ihre Beiträge bewerten - ob "hilfreich" oder "gut geschrieben" - und eigene Kommentare dazu schreiben. Ziemlich viele finden interessant, was "Chefin" schreibt, für sie Ansporn zu weiteren Einträgen.

"Wenn jemand eine persönliche Erfahrung mit reinbringt, ist es einfach plastischer, wie es in einer Kneipe ist oder welche Situationen da zustande kommen, als wenn man ganz sachlich bestimmte Punkte abhakt: Wie ist der Service, wie sind die Preise? Das Beschreibende hilft ein bisschen mehr."

Einträge zu rund 2000 Städten finden sich bei Qype - mehrere hundert zu Köln, Hamburg oder München, ein paar Dutzend immerhin noch für Mannheim oder Münster. Das Angebot wächst: Immer mehr Nutzer beschreiben Kneipen, Kinos, Hotels, aber auch Friseure, Fahrradläden oder Kindertagesstätten in ihrer Umgebung. Eine Internetseite für die Orte, die Menschen bewegen: So etwas gab es nicht, bevor Qype letztes Jahr im Frühjahr online ging, sagt Gründer Stephan Uhrenbacher.

"Wir liefern Format und eine Plattform, wo man garantiert gelesen, beachtet wird. Das ist ein Service, den wir demjenigen bringen, der eine Meinung hat."

Die Firma Qype - das sind eine Handvoll Internetbegeisterte in einer Altbau-Etage um die Ecke des Hamburger Gänsemarktes. In den hohen Räumen steht nicht viel mehr als ein paar Tische mit Rechnern darauf, an den Wänden hängen Schwarz-Weiß-Bilder vom Hamburger Hafen. Der Chef Stephan Uhrenbacher hat in den vergangenen zehn Jahren mehrere erfolgreiche Internetseiten aufgebaut. Ende 2005 hatte er das Gefühl: Jetzt ist die Zeit, etwas ganz Neues im Netz aufzuziehen - und fing an zu planen.

"Am Grünen Tisch überlegt, was gibt es eigentlich noch nicht? Klar geworden: Wenn man in andere Stadt kommt, keine Empfehlung im Netz, der man richtig trauen kann. Angefangen Qype von Grund auf durch zudenken, angefangen mit einer Art gelbe Seiten mit Bewertung, getestet im Freundeskreis, hat nicht funktioniert, niemand wollte das nutzen, soweit umgestellt, dass es mehr um Menschen geht und deren Interessen, dass die sich wohl fühlen und darstellen können."

Die Grundidee ist geblieben, aber die Seite ist ständig im Wandel. Anregungen der Nutzer greifen die Qype-Macher sofort auf. Der enge Kontakt zur so genannten Community, der Internetgemeinde, ist einer der Erfolgsfaktoren von Qype - wie bei allen Web-2.0-Seiten.

Denn Qype ist ein typisches Beispiel für die neue Generation des Internet. Kurz gesagt kommen bei Web 2.0 die Inhalte vom User, vom Nutzer: Sie stellen so genannte Blogs ins Netz, eine Art Tagebuch im Internet, sie tauschen Fotos auf FlickR, sie laden Filmchen hoch auf Youtubeoder produzieren kleine Unterhaltungssendungen.

"Willkommen zur zweiten Ausgabe der Freudenshow, dem neuen Stern am Internet-Showhimmel. Ja, was soll ich sagen: Wir haben ein ganz kleines Angebot bekommen, direkt am Montag. Google hat angerufen. Haben gesagt: 1,65 Milliarden, die Show soll uns sein. Was haben wir gesagt? Nein, kommt nicht in Frage, viel zu wenig. Da ist noch mehr drin."

Viele selbst gebastelte Angebote gibt es auch als Podcast zum Herunterladen. Die Nutzer können sie abonnieren und auf ihren MP3-Playern unterwegs abspielen.

"Die Vergessenen, das Programm für alle, die ständig was vergessen und dieses ändern wollen."

"Chicks on tour, zwei Sängerinnen am Rande des Wahnsinns ... Hallo, hier sind die Chicks, die Ricki und die Tina, wir sind noch da und wir machen ein kleines Folgerl, weil wir planen ja ein großes nächste Woche wenn wir einjähriges Jubiläum haben."

Die Internetnutzer stellen ihr eigenes Programm zusammen und sorgen selbst für immer neue Inhalte. Die Infrastruktur dafür bieten die entsprechenden Portale. Den Fortschritt im Vergleich zur ersten Internetgeneration, dem Web 1.0, macht vor allem die Technik aus, sagt Willi Schroll vom Marktforschungsunternehmen Z-Punkt.

"Der technische Aspekt gehört auch zu Web 2.0, wird nur manchmal vergessen. Nicht richtig Web 2.0 als social web abzukürzen. Man versteht auch, warum jetzt die Zeit reif ist: Wir haben ein ausgebreitetes Breitband, wir haben eine entwickelte Netzkultur, also der User ist gereift, und die Technik ist gereift. Und auf dieser Basis, dass sehr viele Menschen eine Breitband-Flatrate haben, sind ganz andere Anwendungen denkbar als noch vor zehn Jahren, als Web 1.0 noch unterwegs war."

Schneller Seitenaufbau, kurze Ladezeiten, rascher Austausch von Bildern, Videos, Tondokumenten - das schätzen Nutzer wie Moritz Sauer. Auf der Internetseite Delicious speichert er alles, was ihm auf seinen Streifzügen durch das Netz an Interessantem unter die Maus kommt.

"Was schön ist, dass die Vernetzung mit anderen gut klappt. Wenn ich delicious-Account habe, kann ich meinen Kumpels den Link empfehlen, habe Button, da drück ich drauf. Und dann bekommt der die in sein Inbox, hier Moritz empfiehlt dir so und so. Das ist ziemlich einfach."

Und steht überall auf der Welt zur Verfügung. So spiegelt sich die eigene Identität mehr und mehr im Internet. Und Web 2.0 bietet dafür viele Nischen. Auch Moritz oder "Mo" Sauer, wie er sich in der Community nennt, hat sich einem speziellen Thema verschrieben: Musiklabels im Internet. Dafür haben Mo und seine Freunde die Seite phlow.net gegründet.

"Einerseits suchen wir freie Musik im Netz, hören uns sehr viel Musik an von Netlabels, Leuten, die Musik frei veröffentlichen: Ah, das gefällt uns ganz gut und dann schreiben wir wie in klassischen Medien eine Rezension geschrieben: zeichnet sich durch hypnotische Loops aus, das Neueste ist Frank Molder, der hat auf dem Netlabel wonder.com veröffentlicht, darf das auf meiner Website und kann sich das herunterladen."

Der Austausch mit Freunden über abgefahrene Musik hat etwas Spielerisches. Bei der erfolgreichsten deutschen Web-2.0-Geschichte geht es dagegen hauptsächlich um das Geschäft: Open BC oder neuerdings Xing- die Kontaktbörse für Job und Karriere im Internet. Die Idee: Wer mit anderen vernetzt ist, kommt schneller an die richtigen Kontakte und ist letztlich erfolgreicher im Beruf. Der größte Netzwerker ist der Gründer selbst, Lars Hinrichs.

"Ich manage selber 1600 Kontakte. Alles Leute, die persönlich kennen gelernt habe, Kontakte entsprechen auch 80 Prozent meiner Kontakte in Outlook. Ein Großteil meiner Bekannten sind Mitglied. Großer Wert, dass ich automatisch die jeweiligen Adressen bekomme, dass ich mitkriege, wenn jemand den Job wechselt, ich kann keine 1600 Leute manuell managen, gerade dafür habe ich das System aufgebaut."

Über eine Million Mitglieder haben ein Profil bei Xing angelegt: Studium, beruflicher Werdegang, Fachgebiete. Dann gehen viele auf Kontaktjagd und schauen, wer von den Kollegen und Freunden sonst noch auf der Seite vertreten ist. Die eigene Eitelkeit zu pflegen sei aber höchstens ein Nebeneffekt, sagt der Firmenchef, gerade mal 30 Jahre alt.

""Wir bekommen täglich success storys geliefert von Nutzern, die darüber Geschäft gemacht haben, das geht vom Firmenkauf bis hin zu: Ich habe Leute wieder gefunden, die ich verloren hatte."

Inzwischen ist Xing an der Börse notiert, und der junge Vorstandsvorsitzende hat Expansionspläne. In China hat die Firma bereits einen Ableger gegründet, in den USA und Europa will die Internetkontaktbörse Konkurrenten schlucken. Die Zeichen stehen auf Wachstum - gut für die Börsenstory. Als Lars Hinrichs das Unternehmen gründete, hätte niemand auf einen solchen Erfolg gewettet.

"Ich hab 2003 angefangen, war sicherlich der nukleare Winter nach der new economy, wenn es drum ging neue Internetgeschichte zu starten und die Hälfte meiner Kontakte hat gesagt, das ist irre, jetzt zu starten, wir haben doch gerade gesehen, dass es nicht funktioniert. Und die andere Hälfte hat gesagt, ja, da bin ich dabei."

Den Start finanzierte Hinrichs mit eigenem Geld, dann beteiligten sich erfahrene Unternehmen und schließlich stiegen auch Risikokapitalgesellschaften ein. Internet-Startups brauchen dieses venture capital, damals wie heute. Der Unterschied zum ersten Internetboom: Nach dem Scheitern vieler hochfliegender Projekte ist bei den Investoren Nüchternheit eingekehrt, sagt Andreas Bitterer vom Marktforschungsunternehmen Gartner.

"Die Venture-Kapitalisten sind nicht mehr so freigiebig mit ihrem Geld. Bisher war es ja so, dass jeder mit einem Pferdeschwanz, der eine Website bauen konnte, hat sofort ein paar Millionen in den Hals gestopft bekommen. Das ist heute nicht mehr so. Das Geld ist immer noch da, und es wird auch weiterhin von den Venture-Kapitalisten in den Markt gestreut, allerdings nicht mehr an jeden, der eine Website bauen kann."

Eine Internetblase wie um das Jahr 2000 wird es nicht mehr geben, ist der Marktbeobachter sicher. Und doch gibt es Beispiele, die an die Euphorie von damals erinnern.

Schauplatz des neuen Hype sind vor allem die USA, wo auch die neue Web-Bewegung startete. Für umgerechnet 1,6 Milliarden Dollar kaufte die Suchmaschine Google im vergangenen Jahr Youtube, das weltweit größte Portal für kleine Filmchen, und Medienunternehmer Rupert Murdoch war die Seite My Space rund 450 Millionen Euro wert. Solche Erfolgsstorys gibt es inzwischen auch in Deutschland.

StudiVZ, das Internetportal speziell für Studenten, hat nach eigenen Angaben in kürzester Zeit die Hälfte der Zielgruppe angezogen - auch mit dem Gruschelsong. Gruscheln, das ist StudiVZ-Slang für den Austausch auf der Seite. Dort geht es meist nicht um graue Studieninhalte geht, sondern vor allem um Zwischenmenschliches.

Keinen Cent wirft das Internetportal bisher ab. Dennoch sind die Gründer seit Anfang des Jahres Millionäre. Zwischen 50 und 100 Millionen Euro hat der Holtzbrinck-Verlag für StudiVZ bezahlt. Der Grund: Die Zielgruppe hat Potenzial. Mit auf Studenten zugeschnittener Werbung - zum Beispiel speziellen Reise- oder Kreditangeboten - soll StudiVZ in ein bis zwei Jahren profitabel sein. Vorbild ist die amerikanische Studentengemeinde Facebook: Die Seite macht mit Werbung bereits Riesenumsätze.

Nicht gerade kreativ. Denn auch bei der ersten Internet-Gründungswelle sollte das Geld vor allem über Werbung fließen, sagt Willi Schroll, Analyst von Zukunftsmärkten bei der Marktforschungsfirma Z-Punkt.

"Letztlich Kuchen immer gleich groß, alle werbebasierten Konzepte basieren auf Verschiebung von Werbung und sind kein innovatives Geschäftsmodell. Aufmerksamkeit kann nicht beliebig geteilt werden, User schaut immer weniger nach Werbeeinblendungen, Geschäftsmodelle basieren insofern auf Web 1.0. Interessant wird es aber, wenn das soziale Kapital, die Kreativität der User genutzt wird."

Das heißt: Über die Stichworte, die Nutzer selbst für ihre Einträge vergeben - die so genannten Tags - erfahren die Firmen viel über Interessen und Vorlieben. So lässt sich Werbung gezielter schalten, die Streuverluste sind geringer. Zum Beispiel, wenn sich ein Nutzer als Liebhaber von Frühstücksflocken outet oder seine Leidenschaft für schnelle Autos preisgibt.

Auch das Geschäftsmodell von Qype funktioniert über Werbeeinnahmen. Schon heute verdient die Seite Geld mit Einblendungen der Suchmaschine Google und einem Buchungsservice für Hotels. In einigen Wochen will der alternative Stadtführer im Internet auch Werbeflächen an lokale Unternehmen verkaufen. Bei der ständig wachsenden Nutzerzahl ein aussichtsreiches, aber auch mühsames Geschäft, sagt Firmengründer Stephan Uhrenbacher.

"Gott sei dank Finanzierung gewählt, wo wir Zeit haben bis 2008 um profitabel zu sein. Braucht man auch in dem Bereich, weil werbebasiertes Geschäft im Bereich der lokalen Suche bei weitem nicht so entwickelt ist wie typisches Geschäft wie ebay oder DVD-Player-Kauf im Internet. Lokale Werbung am Anfang, traditionell eher über gelbe Seiten. Dauert sicher, bis man das richtig rund hat."

Richtig Geld verdienen lässt sich nur über die Masse der Anzeigen. Die Geldmaschine im Hintergrund von Web 2.0 kommt gerade erst in Gang. Auch Internetaktivisten nutzen die Möglichkeiten, um ihre Seiten zu finanzieren. So kassiert Mo Sauer einen kleinen Betrag, wenn Besucher seiner Seite plow.net auf die dort platzierten Google-Anzeigen klicken. Und auch mit Amazon, der Internet-Buch- und Musikhandlung, gibt es Geschäftbeziehungen. Ein Beispiel:

"Ich hab vor drei Jahren interessanten Song gefunden, von einem dicken hawaianischen Sänger über Somewhere over the rainbow. Ich hab kurz was drüber geschrieben, das findet ihr da und da und hab's liegen lassen, und die Leute suchen Song im Internet. Über Google landet man auf meiner Seite, habe Artikel online gelassen und habe Werbung von Amazon drunter geschaltet, Konto angelegt. Und die Leute wollen das bei Amazon kaufen, klicken drauf - ach das kommt von Moritz Sauer. Ich krieg eine Provision, dass ich diesen Aufmerksamkeitsstrom zu Amazon rübergeleitet habe."

In Zukunft könnte viel am Internetmusikhändler Amazon vorbeilaufen, wenn die User selbst zu kleinen Musikhändlern werden. So will der Provider AOL - damals Pionier bei Web 1.0 - ein neues Forum für das Mitmach-Internet aufbauen. Der Internetanbieter stellt Platz zur Verfügung, zum Beispiel für die Liste mit den Lieblingssongs und sorgt dafür, dass der Austausch von Titeln funktioniert, wie AOL-Geschäftsführer Torsten Ahlers erklärt.

"Plattform nutzen, um kommerziell Playlists zu verkaufen, Texte oder Songs. starke Demokratisierung: nicht auf Label angewiesen, Songs auf eigene Website draufpacken, Infrastruktur, um es zu distribuieren und Inkasso zu tätigen."

Wer im Internet für seinen coolen Musikgeschmack bekannt ist, könnte also davon profitieren, genauso wie der Web 2.0-Anbieter und die Musikindustrie. Denn bei ausgefallenen Musiktiteln sind die Margen viel höher als bei den Songs aus den Charts.

"Gern bereit für Song, auf den Sie heiß sind, durch die Gegend zu surfen. Wenn Sie ihn gefunden haben, dann wollen Sie ihn auch runterladen. Mensch, der kostet jetzt nicht 75 Cent, sondern 1,80 Euro. Ist zwar ein bisschen teurer, aber zahle ich."

Bei anderen Nischenprodukten funktioniert das Modell schon. Beispiel spreadshirt.de - ein Shop für T-Shirts im Internet. Hier kann jeder T-Shirt-Entwürfe ins Netz stellen: Das Ratzinger-Konterfei mit dem Spruch "Ich bin so was von Papst", der bluttriefende Slogan "Welcome to Guantanamo bay" oder der Nonsens-Spruch "Wir sind kein Land der Föhnfrisur". Den Druck der Hemden und die Lieferung übernimmt spreadshirt. Auch für ausgefallene Angebote einen Markt schaffen, das war die Geschäftsidee von Gründer Lukasz Gadowski.

"Bei uns kann jeder ein T-Shirt machen zu jedem Thema - und selbst kleine Nischenthemen, wo nur fünf T-Shirts pro Jahr verkauft werden, finden trotzdem ihre Nutzer. Würde niemand anfangen zu überlegen: Wie druck ich's, wie bring ich's in die Läden und so weiter. Über das Internet geht das."

Rund 200.000 kleine und kleinste T-Shirt-Anbieter gibt es inzwischen bei Spreadshirt. Mehr als 90 Prozent des Umsatzes macht der T-Shirt-Anbieter mit dem so genannten long tail, dem "langen Ende" - also keine Mainstream-Angebote, sondern Spezialinteressen, die sich über den klassischen Handel nur schwer an den Mann oder die Frau bringen lassen.

Reale und virtuelle Welten werden in Zukunft immer weniger voneinander zu trennen sein, prophezeien Willi Schroll und seine Kollegen in einem Report über Web 2.0. Stichwort: Second life. Auf dieser Internetseite können sich können die Besucher ein eigenes digitales Plätzchen basteln. Als so genannte Avatare bewegen sie sich durch selbst gestaltete Räume, treffen sich mit anderen virtuellen Gestalten zum Konzert, in der Kneipe - oder gehen eben shoppen. Schon heute sind Unternehmen wie Adidas oder Vodafone mit Läden in Second life vertreten.

"Neue Geschäftsmodelle sind bereits keimhaft zu erkennen. Das ist eine Entwicklung, die langfristig großes Potenzial hat, wenn auch erst in drei, vier Jahren; Cybersourcing, wenn die Wertschöpfung beginnt sich umzustrukturieren."

Cybersourcing bedeutet, dass die Geschäfte im virtuellen Raum gemacht werden. So sprechen die Kunden eines Reiseveranstalters nicht mehr mit einem Mitarbeiter eines Callcenters. Stattdessen zeigt ihnen ein Tourismus-Avatar die Schönheiten des Urlaubsziels in Second life.

Wie gesagt Zukunftsmusik: Die aktuellen Probleme der Web-2.0-Anbieter sind profaner. Sie müssen dafür sorgen, dass die Nutzer nicht abwandern. Vor allem, wenn viele junge, hippe Leute auf der Seite unterwegs sind.

"Da kann es sehr schnell uncool werden, eine Website bei Myspace zu haben oder Videos bei youtube zu schauen. Da muss es den Betreibern gelingen auf die Dauer Coolness zu erzeugen."

Zu viel Werbung und Kommerzialisierung schreckt solche Nutzer ab. Völlig ohne Werbeerlöse kommt dagegen Xing aus. Vielen Geschäftsleuten ist der intensive Austausch einen monatlichen Obolus wert. 5,95 Euro kostet es, anderen Mitglieder im Netzwerk zu mailen oder detaillierter nach Kontakten suchen zu können. Ein spezielles Plätzchen im Netz lassen sich die Nutzer etwas kosten, ist auch Thorsten Ahlers überzeugt: Die Mischung macht's.

"Für sicheren Speicherplatz bereit mehr Geld zu zahlen. Viele Applikationen: mehr Storage, spezielle features, wo der Nutzer bereit ist, kleinere Beträge zu bezahlen, die sich aber zusammen häufen, plus die Werbung. Idealerweise wird sich das die Waage halten. Ziel: 50 Prozent über paid services, andere 50 Prozent über Werbung."

Viel Platz für neue profitable Seiten ist jedenfalls nicht mehr in der deutschen Web-2.0-Szene. Auch wenn die Entwicklung hierzulande den USA hinterherhinkt und die Erlöse erfolgreicher Startups keine schwindelnden Höhen erreichen wie beim Kauf von Youtube durch Google: Die Platzhirsche sind schon auf dem Markt, sagt Willi Schroll vom Marktforschungsunternehmen Z-Punkt.

"Wenn wir die typischen Web 2.0-Portale sehen, flickR, youtube et cetera dann haben wir für die verschiedenen Kanäle Entsprechungen in Deutschland, und damit ist die Landschaft in Deutschland eigentlich schon weitgehend gesättigt und ich erwarte da keine weiteren Neuheiten."

Letztendlich geht es vielfach darum, mit für die Nutzer attraktiven Angeboten auch Geld zu verdienen - wie bei Qype. In England und Frankreich sollen erste Qype-Ableger entstehen. Damit irgendwann richtig Geld fließt, braucht Seite viele tausend Nutzer und Nutzerinnen wie "Chefin". Die hält weiter Ausschau nach skurrilen Orten in Köln und anderswo.

"Wenn mir was Spaß macht, dann bleibe ich da auch, ich bin eine treue Seele, ich werde das auch weiter machen. Kann dann gut sein, dass ich wenn ich in zwei Wochen nach Berlin fahre, dass ich was zu Berlin schreibe."

Und auch in ihrem Kölner Viertel Ehrenfeld mangelt es ihr nicht an Ideen für die nächsten Einträge. Web 2.0, das Mitmachinternet, lebt.

"Das Connection ist hier in der Marienstraße eine ganz kleine, verqualmte Kneipe, die viele auch als ihr Wohnzimmer bezeichnen, und so eine Kleinkunstveranstaltung, die heißt: Ich lade mir gern Gäste ein, ist jeden letzten Samstag. Und die ist toll, da stellen sich dann Menschen auf die Bühne und singen was, neulich gab es da so eine Rammstein-Parodie, das war großartig."

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