Sonntag, 04. Dezember 2022

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Generation Maybe
Sag niemals Ja, sag niemals Nein

Eine große deutsche Tageszeitung titelte vor einigen Tagen: "Die Jugendlichen von heute sind wie Zombies. Sie sind orientierungslos und ziemlich gleichgültig". Das ist die böse Definition einer Generation, an der sich Journalisten wie Wissenschaftler die Zähne ausbeißen – weil sie sich eben nicht packen lässt.

Von Martin Becker | 22.09.2014

    Ein junger Mann trägt große Kopfhörer um den Hals.
    Cool und abgeklärt: die Generation Maybe (picture-alliance/ dpa / Angelika Warmuth)
    "Man hat schon Pläne, aber die sind alle offen. Die können auch immer verändert werden. Die laufen halt so. Aber die sind nicht so ganz konkret, vielleicht auch."
    In meiner inoffiziellen Gebrauchsanweisung für das "Maybetum" heißt es: Regel Nummer eins: Sag niemals "Ja", sag niemals "Nein", sag immer nur "Vielleicht". Regel Nummer zwei: Sei ironisch, ständig. Regel Nummer drei: Wenn Du nicht weiter weißt, dann werde nicht panisch, sondern folge einfach Regel Nummer eins.
    "Wenn ich meine Freunde angucke, die machen einfach, aber die denken vielleicht auch gar nicht so weit in die Zukunft, dass es überhaupt zu Angstzuständen kommt."
    So sind sie also. Die Leute zwischen 20 und 30. Permanent unterwegs, permanent ungebunden, permanent ironisch. Platt gesagt: Sie probieren alles aus, aber machen nichts so richtig richtig. Sie sammeln Erfahrungen wie Facebookfreunde und sind dabei: total cool und abgeklärt. Und damit machen sie mich wahnsinnig. Obwohl ich doch selbst, sagt mein Wikipedia-Artikel, gerade mal Anfang 30 bin. Und somit noch kein Opa, der sich über die eigene Generation wundern sollte.
    "Also, diese Illusion, dass es heutzutage einfacher ist, ist einfach völliger Quatsch. Weil, um so mehr Möglichkeiten du hast, um so mehr musst du dich mit dir selbst beschäftigen, wer du bist, was du bist, wo du hinwillst, und du hast ständig die Angst, dass du die falsche Entscheidung triffst, weil wir immer das Gefühl haben, wir dürften keine Fehler machen, obwohl das völliger Quatsch ist."
    Dass wir heute einen Sammelbegriff für Leute haben, die im bürgerlichen Leben Hanna, Bill oder Rafael heißen, ist eigentlich das Verdienst eines Tabakkonzerns. Der warb 2012 auf Plakaten mit dem Spruch: "Don't be a maybe". Die Kampagne wurde verboten. Aber die Maybes wussten plötzlich, was sie sind. Soziologen behaupten, dass die Vielleicht-Sager gar nicht anders können. Dass sie ein Resultat unserer Multi-Options-Gesellschaft sind, in der es schlichtweg viel zu viele Möglichkeiten gibt.
    "Weil einem auch niemand hilft, niemand zeigt einem eigentlich, was die wirklich wichtigen Sachen sind, wie wir mit uns selbst umgehen, wie gewisse Dinge funktionieren. Es ist immer nur so simpel gehalten irgendwie. Mach was! Mach dies, so..."
    Irgendwann habe ich mich gefragt, was mit diesen Leuten eigentlich los ist. Und warum sie im Gegensatz zu mir mit Anfang 20 schon zehn Mal auf allen Kontinenten der Erde gebackpacked haben, während sich meine Reiseerfahrung in diesem Alter auf das Nordseebad Dangast am Jadebusen beschränkte. Irgendwann habe ich mir Beistand gesucht. Ich habe mich auf die Couch gelegt, gewissermaßen.
    "Die sind ja voll anders"
    "Dass das einen suchthaften Charakter hat - also speziell das Reisen, das Immer-Neue-Leute-Kennenlernen-Müssen und das Kommunizieren-Müssen. Da frage ich mich, was würde denn sein, wenn du jetzt einen Tag lang nicht deine ganzen Mails und Chatkontakte pflegen würdest."
    Markus Kuchnicak ist Psychologe und Coach. Er hat mit Maybes zu tun, im Praxisalltag sogar. Noch dazu in Berlin. Und: Er hat einen Neffen, der 24 Jahre alt ist, mit dem er viel unternimmt. Und dabei auch immer wieder merkt: Die sind ja voll anders.
    "Wenn das eine nicht schmeckt, dann probiert man noch fünf andere, aber der Wohlgeschmack stellt sich vielleicht nie ein. Und das ist das Lebensgefühl. Da ist nicht die große Befriedigung, sondern da bleibt das Versprechen da: irgendwann wird's richtig knallen und rocken und toll sein und du wirst die tollen Leute kennenlernen und die Musik wird toll sein."
    Einmal, erzählt Markus Kuchnicak, hatte er ein Schlüsselerlebnis. Er sah junge Leute, die nachts an der Spree standen. Keine Musik, keine Getränke, nichts. Sie standen einfach nur da, hatten ihre Smartphones in der Hand und schrien sich gegenseitig an. Irgendwie euphorisch, irgendwie auf irgendwas wartend, irgendwie Maybe eben.
    "Ich glaube, dass das auch Hoffnung ist, auf eine ganz altertümliche, fast religiöse Weise. Denn die Hoffnungen, die Religionen stiften, lösen sich ja zu Lebenszeiten, auch meistens nicht ein. Doch zu hoffen, irgendwann wird die große erlösende Party kommen, das ist ein pseudo-religiöses Ding. Früher wären die ergriffen in der Kirche gesessen, heute stehen die am Spreeufer und schreien."
    Warum ich sie so unbedingt verstehen will? Weil sie die Leute sind, mit denen ich tagtäglich zu tun habe. Weil sie die Leute sind, die ich mag. Mein bester Kumpel Rafael beispielsweise – er ist doch nur wenige Jahre jünger als ich. Rafael, entschuldige, dass ich Dich jetzt im Deutschlandfunk einfach "Maybe" nenne, er macht auf Festivals Musik. Und neulich stand er auf einer Wiese in der Pampa vor einer Bühne, und da merkte er plötzlich, dass sich seit vielen, vielen Jahren nichts geändert hat, dass die Leute noch genau so unentschieden sind und dieselben Dinge erzählen und genau so durch das Leben umhertaumeln wie früher. Nur, dass sie einige Falten mehr im Gesicht haben.
    "Ich meinte halt zu einem Bekannten, ja, krass, wir sind schon so lange dabei, und so wirklich hat sich nichts geändert. Und er meinte dann auch, ja, wir sind alle irgendwie so Berufsjugendliche."