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StartseiteCorsoGenial, aber pleite12.01.2013

Genial, aber pleite

Das harte Los der Musik-Virtuosen

In wirtschaftlich harten Zeiten hat künstlerische Virtuosität einfach keinen Platz mehr. Plattenfirmen setzen lieber das schnelle Geld und Beliebigkeit. Und so spielen einst als Gitarrengötter verehrte Musiker heute in kleinen Klubs oder verdienen ihr Geld als Taktgeber für Rihanna und Co.

Von Tim Hannes Schauen

Van Halen gilt als Virtuose auf der Gitarre. (picture alliance / dpa/Landov Todd Sumlin)
Van Halen gilt als Virtuose auf der Gitarre. (picture alliance / dpa/Landov Todd Sumlin)
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Speedtapping-Orgien des Gitarristen Eddie Van Halen. Er ist einer der Urväter der ultraschnellen Truppe, mit ihm begann vielleicht das Zeitalter eines spieltechnischen Eskapismus. Er legte neue Geschwindigkeitsrekorde in der Sechs-Saiten-Disziplin vor, vor allem aber dürfte er als einer der letzten erfolgreichen Virtuosen dastehen: Van Halen hat die Rockgitarre vorangebracht und hatte mit seiner Band van Halen bis in die 90er veritable Hits. Die Kombination aus beidem ist zuletzt äußerst selten geworden.

Auf Weltruhm und Welttournee folgte bei van Halen der Weltschmerz: Eddie van Halen galt lange als alkoholkrank. Den Japan-Teil ihrer Comeback-Tournee musste die Band wegen gesundheitlicher Probleme Eddie van Halens kürzlich verschieben.
Versierte Musiker, Innovatoren, Frickler – es gibt sie immer noch zahlreich, doch leider sind sie ohne Marktmacht, ohne Hits: Sie spielen kurze Konzertreisen in kleinen Klubs, man trifft sie auf den wichtigsten Musikmessen oder direkt auf den Bühnen der Musikalienhändler. Dort bleibt man unter sich: die Musiker, die Musik für Musiker machen und ihr kleines, handverlesenes Publikum, das echte Virtuosität noch zu schätzen weiß.

Anderes Instrument, anderes Genre: Nichts gegen Michael Hirte, doch die Spieltechnik von Jason Ricci aus Portland, Maine, befindet sich in einer anderen Liga - sofern es sich überhaupt noch um denselben Sport handelt.

"Bluesharp" umschreibt das, was Jason Ricci mit seinen Mundharmonikas anzustellen vermag, nur unzureichend. Jason Ricci spielt exzessiv das sogenannte Overblowing – eine Spieltechnik, die ansatzlos gebeugte Töne erzeugt, ohne dazu den Umweg über den Ausgangston nehmen zu müssen. Virtuose? Bei der Frage grinst Ricci durch den Rauch seiner süßlich riechenden Zigarette.

"Danke, aber in den USA ist es hart, denn dort gibt es eine Menge großartiger Harmonikaspieler. Eine Riesenmenge! Und nur wenn hinter einem Künstler genug Geld steckt, viel Geld – ich rede hier nicht über DeltaGroove-Money oder Aligator-Records-Money, sondern zum Beispiel das Geld eines Konzerns wie Sony - dann kannst du erfolgreich sein. Egal wie du klingst."

Natürlich geht es im Blues, dem Jason Ricci mit seiner Musik größtenteils verpflichtet ist, finanziell kleinteiliger zu – und gerade im Mutterland des Genres ist die Konkurrenz größer. Aber das, was Jason Ricci zu leisten imstande ist, ist wirklich einzigartig. Bloß ist er gerade mal wieder ohne Plattenvertrag. Er spielt also weiter in amerikanischen Klubs, gibt hier und dort Unterricht. Der Rest der Welt wird weiterhin auf die Kunst dieses Extrakönners verzichten müssen.

"Im Moment ist es sehr schwer, von der Musik leben zu können, selbst wenn man ständig auf Tour ist. Die Unkosten, also Benzin und Hotels werden immer größer. Ich wundere mich immer wieder: Man arbeitet 60 Tage hintereinander, hat dazwischen nur fünf, vielleicht sechs Tage frei, und am Ende der 60 Tage einer Tour bleibt nicht genug hängen, um die Miete zu bezahlen. Du arbeitest hart, hast das Gefühl, alles richtig zu machen – aber am Ende ist es leider einfach noch nicht genug."

In wirtschaftlich harten Zeiten hat künstlerischer Eskapismus vielleicht einfach keinen Platz mehr. Nach dem technokratischen Trend der Nullerjahre geht die musikalische Entwicklung vor allem der Rockmusik größtenteils immer mehr zum Reduktionistischen, zum Vintage. Weniger ist mehr.

Oder: Der Trend geht zum Beliebigen, die großen Plattenfirmen haben kleinere Budgets, sie produzieren mit erheblich weniger bis: gar keinem Risiko – und für Virtuosen bleibt vom kleinen Markt nichts übrig. Außer Anerkennung. Oder die Möglichkeit, sich in der Nische zu arrangieren.

Wie gesagt: Van Halen ist lange her. Aber: ist Shredding jetzt Virtuosität oder bloß noch eine Spieltechnik? Und so kommt es, dass es ziemlich viele ziemlich gute Musiker gibt, aber die meisten bleiben doch eben bloß Insidern bekannt.

Nächster Kunde, nächstes Instrument: der Bassist Doug Johns. Johns ist ein Meister des Slapbass'-Spiels, er ist schnell, funky, er groovt – aber: Wie lange möchte man das hören?

Wann hatte der letzte Virtuose einen großen Hit? Nuno Bettencourt war mit "Extreme " und "More Than Words" eine Zeit lang in aller Munde, dabei sind die allermeisten Stücke auf den fünf Studioalben der Band durchweg härterer Gangart.

Nuno Bettencourt also ist ein glänzender, ja virtuoser Gitarrist, doch die große Comeback-Tour von Extreme vor Jahresfrist verpuffte einigermaßen kleinlaut.
Jetzt muss er mit Rihanna spielen. Dort steht er dann, wie früher, vor seinem Full-Stack-Verstärkerturm – natürlich dem Nuno Bettencourt-Signature-Modell! - bloß kann man ihn in den überproduzierten Rihanna-Shows kaum hören.
Er spielt seinen eigenen Avatar.

Neulich war einer der letzten Musiker in Deutschland zu Besuch, der als Artist anerkannt ist und auch monetär in der Weltliga spielen dürfte: der Gitarrist Steve Vai. 1980 hat er Frank Zappa beeindruckt und war schnell dessen "Stunt-Gitarrist". Auf dieser Welle hat sich Vai in den vergangenen Jahrzehnten gleichermaßen fachliche Reputation und Weltruhm ersurft. Und er hat – laut eigener Aussage – mehr als 15 Millionen Platten abgesetzt! Einer der letzten Helden mit gutem Einkommen?

"Historisch gesehen ist ein Virtuose jemand, der totale Kontrolle über sein Instrument hat, die totale Macht und eine umwerfende Intonation. Als Virtuose bezeichnet zu werden ist eine große Ehre, und ich versuche, das zu leben und auf der Gitarre das Beste aus mir herauszuholen. Virtuosität ist ein Beispiel für das, was Menschen erreichen können, und wenn Du jemanden siehst, der gerade so etwas schafft, dann fühlt es sich so an, als ob auch du es erreicht hast."

Das Zeitalter des Eskapismus – für Steve Vai jedenfalls ist es nicht beendet.

"Nun darüber zu urteilen, welche Art Virtuosität gerade in oder out ist - das ist Blödsinn, es ist immer en vogue, immer cool und immer überlegen, ein Instrument richtig spielen zu können. Dafür wird es immer einen Markt geben. Denn wir alle sind empfänglich für Großartigkeit!"

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