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StartseiteForschung aktuellStreit um profitables Erbgut04.02.2021

Genomsequenz-DatenbankenStreit um profitables Erbgut

Das Erbgut von Bakterien oder Pflanzen kann viel Geld wert sein - etwa, wenn damit ein neues Krebsmedikament entwickelt wird. Eigentlich sollten die Länder, aus denen die Organismen stammen, am Gewinn beteiligt werden. Das klappt aber bisher nicht. Jetzt droht der Streit darüber, zu eskalieren.

Von Claudia Doyle

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Eine Amazonas Lanzenotter wickelt sich um einen Baum im Regenwald von Ecuador.  (IMAGO / imagebroker)
Nach dem Vorbild des Gifts der Jaracara-Lanzenotter wurde ein Medikament gegen Bluthochdruck entwickelt (IMAGO / imagebroker)
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Jeder Wissenschaftler und jede Wissenschaftlerin, die heute eine neue Entdeckung machen, bauen dabei auf all dem Wissen auf, was in der Vergangenheit angehäuft worden ist. Oft wird dafür auch die Metapher vom Zwerg, der auf den Schultern eines Riesen steht, bemüht. So ist es auch in den Biowissenschaften. Der Nobelpreis für Chemie beispielsweise ging dieses Jahr an zwei Forscherinnen, die eine bahnbrechende Methode entwickelt haben, mit der sich die Gene jedes beliebigen Organismus präzise ändern lassen. Von CRISPR/Cas hat inzwischen jeder schon mal gehört.

Eine computerbasierte Darstellung der Genschere Crispr. (imago/Science Photo Library) (imago/Science Photo Library)CRISPR-Cas9 - Warum die Genschere Biologie und Medizin revolutioniert 
Die Genschere CRISPR-Cas9 gilt als Wunderwaffe der Molekularbiologie. Mit dem Verfahren können DNA-Bestandteile umgebaut oder entfernt werden, das macht es zum Hoffnungsträger.

"Ursprünglich, das ist ja verrückt, Crispr-Cas entsteht aus dem Immunsystem, wenn man so will, von Bakterien. Weil die wollen sich gegen Bakteriophagen, also Viren, verteidigen und haben eine coole enzymatische Maschinerie dafür", sagt Amber Scholz vom Leibniz-Institut DSMZ, der Deutschen Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen GmbH in Braunschweig.

"Und das konnte man damals, als diese komischen Gene entdeckt wurden, gar nicht erkennen. Die wurden in Datenbanken hochgeladen. Und dann haben die Nobelpreisträger jetzt die gesehen und dann weiter erforscht und dann coole Insights damit gehabt."

Regelung nur auf dem Papier

Als die Bakterien einst sequenziert wurden, war niemandem klar, welcher Schatz sich in ihren Genen verbirgt. Und das ist nur ein Beispiel von vielen. In den Genen von Pflanzen oder Mikroorganismen verstecken sich mitunter auch Informationen für die Entwicklung neuer Medikamente oder anderer kommerziell erfolgreicher Produkte. Laut dem internationalen Übereinkommen für die biologische Vielfalt, soll ein Teil der Profite, die damit erzielt werden, in jene Länder fließen, aus denen diese Organismen stammen. Details regelt das Nagoya-Protokoll.

Amber Scholz erklärt es so: "Das heißt, wenn jemand aus einem kommerziellen Unternehmen in Ihre Grenzen kommt und will etwas aus dem Regenwald holen und vielleicht ist das auch ein super Wirkstoff für Krebs irgendwann, dann sollten sie erstmal das Land fragen: 'Darf ich das haben?' Und einen Vertrag abschließen und sagen: 'Also wenn da ein wunderschönes Krebsmittel daraus entsteht, dann kriegt ihr so ein Prozent oder fünf Prozent von den Einnahmen'."

Doch dieser finanzielle Vorteilsausgleich funktioniert nur in der Theorie. In der Praxis hingegen scheitert er. Das liegt gleich an mehreren Schwachstellen. Zum einen ist es die Bürokratie, die viele Forscherinnen und Forscher davon abschreckt, überhaupt in anderen Ländern um Erlaubnis für die Nutzung von biologischem Material zu fragen.

"Danke, wir melden uns."

Amber Scholz hat das selbst erlebt. " Wir haben jedes Land angeschrieben, also alle 200, und gefragt: Wie können wir dann rechtsverbindlich korrekt eine Probe aus ihrem Land bei uns in der Sammlung aufnehmen? Und von ungefähr der Hälfte haben wir bisher keine Antwort bekommen. Und wenn man eine Antwort bekommen hat, hieß es von ungefähr der Hälfte: 'Danke für Ihre E-Mail, wir melden uns gleich'."

Der zweite Schwachpunkt ist, dass es inzwischen oft gar nicht mehr nötig ist, in ein Land zu reisen und beispielsweise eine wertvolle Pflanze aus dem Regenwald zu holen. Oft genug findet sich die genetische Sequenz bereits im Internet und ist damit für jeden zugänglich - auch für Unternehmen mit kommerziellen Interessen. Das weckt Begehrlichkeiten. Einige der sogenannten mega-biodiversen Länder, zu denen Brasilien, Peru, Ecuador, Indonesien aber auch Länder in Sub-Sahara-Afrika gehören, pochen jetzt auf eine finanzielle Gegenleistung. Ihre Drohung: Sollten sie nicht für Sequenzdaten, die aus ihrem Land stammen, entlohnt werden, dann werden sie den im Jahr 2021 neu zu verhandelnden Biodiversitätszielen nicht zustimmen. Das wäre fatal für den Schutz der Artenvielfalt – und für die Freiheit der Forschung.

Herkunftsländer könnten am meisten darunter leiden

"Da sind mehrere Konsequenzen vorherzusehen", sagt die Wissenschaftlerin Scholz. "Also erstens, dass die Wissenschaftler dort in den sogenannten Geberländern eigentlich mehr darunter leiden würden als wir hier in Deutschland, weil irgendwann würde doch die DFG oder das BMBF die Mittel dafür finden, dass wir diese Paywallzugänge finden. Aber ob das dann in Peru gelingen wird oder nicht, das weiß ich nicht. Es kann gut sein, dass sie dann gerade ihre eigenen Wissenschaftler aus diesen Datenbanken ausschließen."

Ein Team aus europäischen Wissenschaftlern hat deshalb fünf Vorschläge erarbeitet, wie ein monetärer Vorteilsausgleich aussehen könnte. Eine Idee ist, auf jedes Produkt, dass man im Labor für die Erzeugung einer genetischen Sequenz braucht, einen winzigen Aufschlag zu erheben. In der Summe wäre das viel Geld, das dann an die Ursprungsländer verteilt werden könnte. Eine andere Idee sind jährliche Mitgliedsgebühren für die Nutzung von digitalen Sequenzinformationen – allerdings nur, sofern das daraus generierte Einkommen eine bestimmte Schwelle überschreitet.

Vorschläge als Stimme der Wissenschaft

Amber Scholz plädiert für eine konstruktive Herangehensweise: "Aber wir sehen auch dass es gut möglich ist, dass ein Deal gemacht wird, auch wenn uns das nicht gefällt und wir versuchen da ein bisschen proaktiv einzusteigen und zu sagen: 'Okay, hier sind denkbare Möglichkeiten. Das sind alles Kompromisse wir finden Sie alle nicht toll.' Die Idee ist einfach, diese Optionen als Stimme der Wissenschaft anzubieten, um zu sagen: 'Wir denken mit. Wir wollen nicht, dass das Worst-Case-Szenario zustande kommt. Sondern wir wollen irgendeinen Mittelweg anstoßen, sodass mindestens der offene Zugang zu den Daten behalten werden kann'."

Ob die Vorschläge auf fruchtbaren Boden fallen und verhindern können, dass sich die Fehler der letzten Verhandlungen wiederholen, bleibt abzuwarten.

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