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StartseiteForschung aktuellDie Erdgeschichte hat neue Kapitel24.07.2018

Geologe zum MeghalayumDie Erdgeschichte hat neue Kapitel

Seit dem Ende der letzten Eiszeit vor 11.700 Jahren ist viel passiert auf der Welt. Deshalb haben Geologen die Erdgeschichte neu eingeteilt. Greenlandium, Northgrippium und Meghalayum heißen die letzten drei Phasen nun. Die Änderung sei überfällig, sagte der Geologe Reinhold Leinfelder im Dlf.

Reinhold Leinfelder im Gespräch mit Ralf Krauter

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Die Erde im Weltall, aufgenommen am 26.7.1971 (picture-alliance / dpa / NASA)
Die Geschichte der Erde, so wie Geologen sie erzählen, hat seit kurzem drei neue Kapitel (picture-alliance / dpa / NASA)
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Ralf Krauter: Die internationale Kommission für Stratigraphie ist eine Art höchste Instanz für Geologen. Denn sie bestimmt, wie die verschiedenen Epochen der Erdgeschichte bezeichnet werden. Dass wir aktuell im 'Holozän' leben, das vor knapp 12.000 Jahren begann, haben wir also ebenso diesem Gremium zu verdanken, wie die Tatsache, dass dieses Holozän jetzt in drei Scheibchen unterteilt wurde. Sie heißen Greenlandium, Northgrippium und Meghalayum. Und weil das Meghalayum die jüngste Phase der Erdgeschichte ist, heißt das im Klartext, dass wir ab sofort alle im Meghalayum leben - und nicht etwa schon im Anthropozän. Ich habe den Geologieprofessor Reinhold Leinfelder von der FU Berlin vorhin gefragt, ob ihm die neuen geologischen Zeitmarken schon gut über die Lippen kommen.

Reinhold Leinfelder: Nein, noch nicht so ganz. Ich muss mich auch erst dran gewöhnen, obwohl sie natürlich schon lange jetzt in Diskussion sind. Es ist eigentlich ein ganz normales Vorgehen. Wir untergliedern die Erdgeschichte so eng wie möglich, damit wir möglichst gute Zeitlinien haben und uns gegenseitig verstehen, von was wir denn eigentlich reden. Und es war tatsächlich überfällig, hier in diesem Holozän, also in der Zeit nach der letzten Eiszeit, die bis heute reicht, das genauer zu definieren. Denn bislang sprach man so von einem unteren, mittleren, oberen Holozän und jeder hat so ein bisschen was anderes darunter verstanden. Deswegen begrüße ich das sehr, dass das nun genau definiert wurde.

"Nicht Äpfel mit Birnen vergleichen"

Krauter: Die Epoche des Holozän begann ja mit dem Ende der letzten Eiszeit so vor 11.700 Jahren. Das jetzt einfach noch mal weiter zu untergliedern, das liefert sozusagen zusätzliche Schubladen, die es den Forschern ermöglichen, die Dinge präziser beim Namen zu nennen?

Leinfelder: Ja, es geht wirklich darum, dass die Kollegin in China und der Kollege in Südamerika dasselbe unter einem bestimmten Zeitbegriff versteht wie ich auch hier, sodass wir nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Und wir versuchen immer, hier eine möglichst hohe Zeitauflösung zu bekommen. Das Ziel ist natürlich, so etwas nach Möglichkeit weltweit synchron definieren zu können. Und dazu sucht man sich eine bestmögliche Lokation und eine Möglichkeit, wo man dann ein sogenanntes Standardprofil definiert, was auch zugänglich sein muss für alle Forscherinnen und Forscher, wo man dann also quasi die Hauptkriterien hier immer wieder nachschauen kann.

Krauter: Was heißt das konkret? Ìch habe gelesen, im Fall des Meghalayums, das ja bis heute reicht, spielte da ein Tropfstein aus Indien eine wichtige Rolle?

Leinfelder: Ja, das ist richtig. Also bislang hat man im Quartär eigentlich vor allem Eiskerne genommen, die tiefgekühlt quasi in einer Eiskernsammlung liegen, sodass man die auch wissenschaftlich sich immer wieder anschauen kann. Das ist nun neu, dass man hier nun für das Meghalayum, also die jüngste Zeit des Holozän, einen Tropfstein genommen hat. Es wird schon lange diskutiert, dass die auch sehr gut die Unterschiede etwa im Klima aufzeichnen. Und mit sogenannten Isotopenmethoden kann man das dann nun entschlüsseln, ähnlich wie man das aber auch etwa in Korallenskeletten machen kann oder in den Jahresringen von Bäumen. Und es gibt so Hilfsprofile, auch gerade für diese Zeit, wo etwa Bäume eine große Rolle spielen.

Krauter: Das heißt, man hat also dieses versteinerte Archiv, aber wo zieht man jetzt die Grenzlinie? Also warum beginnt das Meghalayum vor 4.200 Jahren - so wurde das jetzt festgelegt - und nicht zum Beispiel schon 500 Jahre früher?

Leinfelder: Also die Paläoklimaforscher haben schon lange diese Zeiten genauer untersucht und haben festgestellt, dass es hier so einen Peak gibt, wo das Klima etwas kühler und vor allem arider wird, den man nun in verschiedenen Regionen der Welt unterschiedlich stark nachweisen kann. Das hat man nun genommen, um zu sagen: Wir definieren das dort, wo wir es besonders gut sehen. Es betrifft vor allem eben die niederen Breiten, deswegen ist man hier nach Indien gegangen und hat diesen Tropfstein genommen. Da kann man es besonders gut packen. Wir können aber auch anders wohin gehen, auf der ganzen Welt - etwa mit der Pollen- und Sporenverteilung, oder mit Isotopen in anderen Gesteinen können wir das auch sehr gut nachvollziehen.

"Wir haben so etwas wie eine UN der Geologen"

Krauter: Das heißt, der Startschuss für das Meghalayum wurde gegeben durch eine lang anhaltende Dürre, die dann aber auch global Folgen hatte für die Zivilisation damals?

Leinfelder: Ja. Also es ist interessant, dass hier im Wesentlichen natürliche Klimaschwankungen und Umweltschwankungen ganz offensichtlich einen doch sehr großen Einfluss auch auf die damaligen Menschen gehabt haben. Und es ist eben spannend, dass je jünger die Erdgeschichte wird, dass wir immer mehr und immer besser eben dann auch mit Archäologen zusammenarbeiten und mit Anthropologen. Sodass man eben hier versucht, von verschiedenen Seiten sich diesem tollen Archiv der Erdgeschichte, was nun alles Mögliche aufzeichnet, was wir wieder entschlüsseln können, sich gemeinsam zu nähern. Aber die Geologen und die sogenannten Stratigraphen, die formalisieren das eben schon seit sehr langer, langer Zeit. Das hat mit dem Quartär, zu dem ja auch das Holozän  gehört, übrigens über 100 Jahre gedauert. Dann hat man das mal wieder abgeschafft, und dann war es plötzlich wieder da. Und das sind also, man darf schon sagen, bürokratische Prozesse, die relativ kompliziert sind. Wir haben so etwas wie eine UN der Geologen. Da gibt es keine Gesetze, dass man sich da zwingend dran halten muss. Aber es gibt eben doch ein Einverständnis, wenn einmal nun im Gemeinsinn etwas definiert wird, dass man sich am besten daran hält, damit man sich auch versteht.

Krauter: Nun gab es ja aber seit einigen Jahren auch schon Bemühungen, die Epoche des Anthropozän auszurufen, die so um 1950 begonnen haben soll, weil ab da die Hinterlassenschaften der Menschheit letztlich die Geologie des Planeten maßgeblich prägen. Es gibt sogar eine internationale Arbeitsgruppe zum Anthropozän, der Sie auch angehören. Torpediert diese Neuklassifizierung dieser UNO der Geologen denn jetzt Ihre Bemühungen oder spielt Ihnen das sogar in die Hände?

Leinfelder: Das spielt uns sogar in die Hände. Es gibt eine Arbeit der zuständigen Arbeitsgruppe, die nun dieses Holozän, diesen Vorschlag erarbeitet hat, um das nun so, wie es nun geschehen ist, eben zu unterteilen, und da wird das Anthropozän schon erwähnt. Allerdings ist diese Arbeitsgruppe des Holozäns eben schon sehr, sehr viel länger an der Arbeit, und es gab dann einen quasi-formalen Vorschlag 2012. Und es hat eben jetzt noch bis heute gedauert, bis das nun formalisiert wurde. Man muss wissen, dass wir für diese erdgeschichtlichen Einheiten immer nur die Untergrenze definieren: Es beginnt immer mit etwas, was wir nachweisen können. Und dann die nächste Einheit, die darüber kommt, die beginnt auch wieder mit etwas. Also es gibt keine Obergrenzen in diesem Sinne. Das heißt natürlich, wenn wir nun unseren Vorschlag weiter ausarbeiten, wo es Sinn machen würde, nun ein Anthropozän zu definieren als eine allerjüngste erdgeschichtliche Einheit, dann beißt sich das überhaupt nicht. Dann wird ein kleines bisschen von der letzten Einheit, von dem Meghalayum abgezwackt, etwa bei 1950, so ist der derzeitige Diskussionsstand hier, und es würde dann dort das Anthropozän beginnen.

Krauter: Das heißt, Sie nehmen das gelassen, was da jetzt verkündet wurde ganz offiziell.

Leinfelder: Wir nehmen das absolut gelassen hin. Und der große Unterschied zum Anthropozän wäre eben, dass es hier zwar implizit Auswirkungen auf den Menschen gibt, aber dass es damals im Holozän noch im Wesentlichen natürliche Klima- und Umweltschwankungen waren. Wohingegen das Anthropozän ja so definiert wurde, dass die Menschheit eben derartige Auswirkungen auf das Erdsystem nun hat, dass wir das eben auch geologisch sehen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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