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StartseitePolitische Literatur (Archiv)George Soros: Die offene Gesellschaft. Für eine Reform des globalen Kapitalismus20.08.2001

George Soros: Die offene Gesellschaft. Für eine Reform des globalen Kapitalismus

Alexander Fest Verlag. Berlin 2000.

Jörg Münchenberg

Unbestritten gilt er als Finanzfachmann, Finanzmakler und Financier. Und er hat sich große Verdienste erworben als Mäzen und Stifter - der Philanthrop George Soros, einer der reichsten Männer der Welt. Sein Geld machte er als Finanzmakler der Superreichen. Seit einigen Jahren tritt der heute 71jährige nun auch auf als Weltverbesserer, engagiert sich , angelehnt an Karl Popper für eine "offene Gesellschaft". So auch der Titel seines jüngsten Buches "Die offene Gesellschaft". Ähnlich wie schon in seinem vor drei Jahren erschienenen Bestseller "Die Krise des globalen Kapitalismus" wettert der in Ungarn geborene Multi-Kapitalist auch in seinem neuen Buch gegen die Jünger des "Marktfundamentalismus".

George Soros gehört sicherlich zu den schillerndsten Figuren der internationalen Finanzjongleure. Trotz erheblicher Verluste in den letzten Jahren gilt er noch immer als der erfolgreichste Spekulant überhaupt, seine spektakulären Geschäfte auf den Finanzmärkten haben Wirtschaftsgeschichte geschrieben.

Etwa 1992, als der gebürtige Ungar mit einer gewagten Transaktion das europäische Währungssystem fast zum Wanken brachte. Soros setzte auf eine Abwertung des britischen Pfund und gewann. Der Mann, der die Bank von England sprengte, sollte es später in den Medien heißen. Am Ende musste das Pfund den Währungsmechanismus verlassen, Soros hatte binnen einer Woche die unglaubliche Summe von 1 Milliarde Dollar verdient. Für den angerichteten Schaden aber musste die britische Notenbank und damit letztlich der Steuerzahler gerade stehen.

Doch auch für den Ausbruch der Asienkrise 1997 wird der mittlerweile 71jährige mitverantwortlich gemacht, dessen Quantum Funds weltweit rund 35 Milliarden Mark verwalten. Malaysias Ministerpräsident Mahathir verlieh ihm daraufhin nach dem Absturz der Landeswährung den Titel "Staatsfeind Nummer eins". Die großen Finanzblätter rühmten dagegen seine glückliche Hand, seinen Scharfsinn für Marktentwicklungen sowie eine enorme Risikobereitschaft.

Doch längst hat sich Soros, der sich sein Studium einst als Hilfsarbeiter verdienen musste, aus dem aktiven Anlagegeschäft zurückgezogen. Aus dem Spekulanten wurde ein Philosoph, vor allem aber ein Philanthrop. Inzwischen gilt er als großzügiger Spender, der sogar mehr Geld an Mittel- und Osteuropa verschenkt hat als etwa die USA.

In rund 30 Staaten ist die Soros-Stiftung inzwischen aktiv, vor allem aber in Osteuropa. Ihr Ziel: die Förderung dessen, was der britische Philosoph und ehemalige Lehrer des Philanthropen, Karl Popper, einmal als "offene Gesellschaft" bezeichnet hat. In enger Anlehnung daran definiert Soros in seinen Büchern die offene Gesellschaft als ein anzustrebendes Ideal: mit der Bereitschaft zur ständigen Korrektur und Verbesserung ihres Handelns, ausgerichtet auf Freiheit, Demokratie, ein funktionierendes Rechtssystem, Wahrung der Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit.

Doch ausgerechnet der ehemalige Spekulant sieht die Annäherung an dieses Ideal in der Wirklichkeit vor allem durch die globalen Finanzmärkte massiv bedroht. Immer wieder hat Soros dieses Thema in seinen Büchern aufgegriffen, schließlich sieht er in den entfesselten Finanzmärkten eine der Hauptgefahren für die offene Gesellschaft.

Soros begründet seine Kassandra-Rufe mit dem Begriff des "Marktfundamentalismus": Längst hätten Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, aber auch die Politik das kapitalistische System - gleich einem Tanz um das goldene Kalb - zum alleinigen Erfolgsmodell erklärt. Man verlasse sich darauf, dass das System stabil bleibe und immer wieder sich selbst reguliere. Ein fataler Irrtum, meint der ausgewiesene Fachmann für die Eigenheiten der globalen Finanzmärkte:

"Märkte sind amoralisch und das ist im übrigen einer der Gründe, warum sie so effizient sind. Denn wenn man die Konsequenzen seines Handelns für andere bedenken müsste, dann wäre es praktisch unmöglich, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Aber wir können nicht ohne moralische Prinzipien leben, denn eine Gesellschaft ohne moralische Standards ist nicht überlebensfähig. Und das ist für mich ein starkes Argument, dass man sich nicht allein nach den Märkten ausrichten darf."

Soros nennt für diese allerdings wenig spektakuläre These auch Beispiele: etwa die gesellschaftlichen Auflösungserscheinungen in Russland nach dem Zerfall der Sowjetunion, ebenso die Asienkrise Ende der 90er Jahre. Wie schon in seinem Bestseller "Die Krise des globalen Kapitalismus" fordert der Philanthrop auch in seinem neuen Buch ein staatliches Korrektiv zum herrschenden Marktfundamentalismus, andernfalls - und da stimmt pikanterweise der erfolgreiche Börsenspekulant mit der Argumentation der Globalisierungsgegner fast überein - drohe gar die Ökonomisierung ganzer Gesellschaften und damit die Zurückdrängung von sozialer Gerechtigkeit, Werten und Moral:

"Ich bin kein Sozialist. Nur weil ein System nicht funktioniert, heißt noch lange nicht, dass das Gegenteil die Lösung sein muss. Ich glaube, wir müssen einfach ein Gleichgewicht finden, einen Mittelweg. Also, ich plädiere keinesfalls für eine Abschaffung der Märkte oder gar für eine Abschaffung des Kapitalismus. Aber ich glaube, dass der Kapitalismus reformiert werden muss, seine Exzesse müssen korrigiert werden. Und das wird das System auch stabiler machen."

Die Lösungsvorschläge, die Soros auch in seinem jüngsten Buch offeriert, bleiben dennoch seltsam vage. Dem Ziel, die offene Gesellschaft überall in der Welt grundsätzlich zu fördern, kann man sicherlich bedenkenlos zustimmen. Wer aber diese Aufgabe in welcher Form übernehmen soll und welche Rolle dabei auch die internationalen Organisationen wie Weltbank, der internationale Währungsfonds, die Vereinten Nationen und nicht zuletzt die Nato als funktionierende Wertegemeinschaft übernehmen sollen, bleibt unklar, auch wenn der Autor einige konkrete Vorschläge zur stärkeren Regulierung der Finanzmärkte offeriert.

Insgesamt zählt gerade das letzte Kapitel, in dem sich Soros Gedanken über ein Bündnis für eine offene Gesellschaft macht, sicherlich zu den schwächsten des ganzen Buches. Da ist viel von ideellen Vorstellungen zu lesen, beispielsweise von einer Allianz aller demokratischen Staaten für eine offene Weltgesellschaft, von einer verstärkten äußeren Einmischung in innere Angelegenheiten. Plausible Forderungen zwar, denen es aber leider an der nötigen Verwurzelung in der von Macht- und Interessenpolitik geprägten Gegenwart fehlt - ein Mangel, den Soros jedoch freimütig eingesteht.

Auch die Warnung vor einer blinden Marktgläubigkeit kann letztlich nicht überzeugen. Gerade in den westlichen Demokratien sind allein schon durch die Politik starke Regulative gegenüber den freien Kräften des Kapitalismus eingesetzt worden, ganz abgesehen davon, dass hierzulande nicht einmal Kleinanleger an das freie und funktionierende Spiel der Märkte glauben. Überträgt man dagegen Kritik und Warnungen des Autors lediglich auf die Schwellen- und Entwicklungsländer, dann ist ihm sicherlich in vielen Punkten recht zu geben. Denn dort genießt der Kapitalismus einen anderen, oftmals einseitig positiven Stellenwert.

Fazit: Soros hat ein Buch geschrieben, das sich phasenweise spannend liest, vor allem dann, wenn es um konkrete Beschreibungen wie etwa die Ursachen der Asienkrise oder den Verfasser selbst geht. Andererseits aber können zentrale Thesen und Forderungen nicht so recht überzeugen - ganz abgesehen davon, dass gerade die ersten Kapitel nur mühsam zu bewältigen sind. Das dort beschriebene, eigene Theoriekonzept von Soros lässt sich in der Regel auf wenige, dann aber recht gewöhnliche Aussagen reduzieren. Insofern dürften wohl die meisten das Buch "Die offene Gesellschaft" weniger wegen seines Inhalts als vielmehr aufgrund des berühmten Autors lesen.

Jörg Münchenberg über das neue Buch von George Soros: Die offene Gesellschaft. Für eine Reform des globalen Kapitalismus. Erschienen ist es im Alexander Fest Verlag, Berlin 2001. Es ist 400 Seiten dick und kostet 39 Mark 80.

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