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Georgien - Außenseiter im Bologna-Prozess

Studenten waren die treibende Kraft, die die so genannte Rosenrevolution in Georgien mit angestoßen haben. Sie waren unzufrieden mit der Situation an den Universitäten und protestierten gegen überkommene Studieninhalte. Seit zweieinhalb Jahren hat Georgien eine neue Regierung. Als einen der ersten Schritte in der Bildungspolitik hat sie sich im Mai 2005 dem Bologna-Prozess angeschlossen.

Von Gesine Dornblüth |
    Nino Ruchadze sitzt im Büro der Studentenvertretung der Staatlichen Dschawachischwili-Universität von Tiflis. Dass es überhaupt eine studentische Vertretung gibt, ist bereits ein Ergebnis des Reformprozesses an den georgischen Universitäten. Die Anglistikstudentin glaubt fest daran, dass es mit den Hochschulen in ihrem Land bergauf geht:

    "An der Uni hat sich viel geändert. Wir haben jetzt andere Prüfungen, andere Vorlesungen, neue Bücher. Wir können unsere Tests in Cambridge und in Harvard einreichen. Das ist ein Projekt an unserer Fakultät. Die Reformen sind gut für uns. Aber sie sind auch eine große Herausforderung. Ich war letztes Jahr bei einem Seminar in Italien. Da habe ich viele Studenten aus anderen Ländern getroffen. Sie sind progressiver als wir. Außer vielleicht im Englischen. Englisch können wir auch gut."
    Der Bologna-Prozess schreibt vor, dass die Hochschulen in den beteiligten Ländern ihre Studiengänge akkreditieren lassen. Die müssen dazu bestimmte Qualitätskriterien erfüllen. In Georgien war das ein schmerzhafter Prozess. Von ursprünglich 237 Hochschulen im Land fielen 205 schon in der ersten Runde durchs Raster. Die Gebäude und die Forschungszentren waren in einem zu katastrophalen Zustand. Die verbleibenden 32 Hochschulen haben gute Chancen, die europäischen Lizenzen zu erhalten, sagt Nino Tschubinidze. Sie leitet das Nationale Akkreditierungszentrum in Georgien:

    "Das Hauptproblem sind IT-Technologien, Bibliotheken und die Qualifikation unserer Lehrkräfte. Das ist unser wunder Punkt. Wir müssen unsere Lehrkräfte fortbilden. Wir brauchen mehr akademische Austausch- und Partnerschaftsprogramme mit anderen Universitäten."
    Oliver Reisner beeindruckt vor allem das Tempo, mit dem die Georgier begonnen haben, ihre Universitäten auf Vordermann zu bringen. Reisner ist seit zwei Jahren für die Europäische Union in Georgien und betreut dort Bildungsprojekte. Im letzten Jahr gab es erstmals landesweite Aufnahmeverfahren. Ein riesiger Fortschritt, findet Reisner.

    "Vorher konnten die Eltern, vor allem die, die aus betuchteren Kreisen kamen, eben ihre Kinder in die Uni einkaufen. In diesen Aufnahmeprüfungen sind zum ersten mal Schüler aus den Regionen stärker zum Zug gekommen."
    Vom Unterricht selbst ist der Deutsche dagegen noch nicht überzeugt.

    "Es ist alles sehr frontal, Frontalunterricht, es gibt eigentlich nur Vorlesungen, es gibt kaum etwas so wie wir als Seminare haben, wo die Studenten selber Vorträge halten müssen, Referate halten müssen, das heißt, die Studenten müssen lernen, dass sie nicht nur das aufschreiben, was ihnen die Professoren ins Notizheft diktieren, sondern dass sie selbständiges Lernen lernen. Und das wird noch eine große Herausforderung sein."
    Darüber hinaus sind viele technische Studiengänge in Georgien praxisfern. Georgien will sich mit dem Bologna-Prozess als Bildungsland profilieren. Reisner von der EU:

    "Vielleicht für Studenten aus dem Iran oder Pakistan oder in dieser Richtung vielleicht."

    Georgien kann noch keine Bildungskunden aus den westlichen Industrienationen gewinnen, aber es ist sich immerhin des Wertes von Bildung auch für eine internationale Vermarktung bewusst.

    "Wenn ich mir das deutsche Hochschulsystem angucke, ist da noch nicht so viel Bewusstsein. Dass Bildung auch einen Markt darstellt in einer globalisierten Welt, dessen ist man sich hier unter einer neoliberalen Regierung bewusster."


    Ende der Woche treffen sich in London Minister aus 45 Staaten, um zum vierten Mal eine Bestandsaufnahme des Bologna-Prozesses vorzunehmen. Hermann Kokenge, Rektor der Technischen Universität Dresden, blickte im Interview voraus, MP3-Audio .