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StartseiteDlf-MagazinMieter kämpfen um Zugang zu Hannibal01.02.2018

Geräumter Wohnblock in DortmundMieter kämpfen um Zugang zu Hannibal

Die Stadt Dortmund hat den Wohnblock Hannibal 2 im September wegen Brandschutzmängeln räumen lassen. Viele Bewohner haben noch immer keine neue Bleibe gefunden, ihr Hab und Gut lagert in den alten Wohnungen. Der Eigentümer will das Gebäude abriegeln lassen - die Mieter fürchten um ihr Eigentum.

Von Claudia Hennen

Das Hannibal-Hochhaus im Dortmunder Stadtteil Dorstfeld (imago / Hans Blossey)
Das Hannibal-Hochhaus im Dortmunder Stadtteil Dorstfeld (imago / Hans Blossey)
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Die Wut steht Dariusz Czarkowski ins Gesicht geschrieben: "Ich habe meine Heimat verloren. Ich bin fast da geboren, kann man sagen. Seit ich 16 Jahre bin. Immer Hannibal. Und jetzt verschwindet das. Heute ist letzter Tag. Für Post, für alles. Das Schlimmste ist: Briefe liegen unten, Unordnung, Ratten, Müll alles. Wo ist das Ordnungsamt. Keiner kommt, interessiert doch keinen."

Monate nach der Räumung von Hannibal 2 hat der gebürtige Pole noch immer keine neue Wohnung. "Wir haben alle zusammen im Hannibal gewohnt. Meine Eltern, mein Sohn. Nach der Evakuierung waren wir alle raus. Ich war in einer Unterkunft in Mengede, meine Mutter war in einer Zweizimmerwohnung bei meiner Ex-Frau, da haben zehn Personen drin geschlafen, und mein Sohn, der ist bei Bekannten gelandet." 

Drei Wochen ging das so. Mittlerweile ist der 52-Jährige zu seinen Eltern gezogen, die eine kleine Wohnung gefunden haben. Franziska Hesse, alleinerziehende Mutter, hat Ähnliches erlebt. Sie landete mit ihren drei Kindern zunächst in einer Notunterkunft am anderen Ende der Stadt. Zwei Wochen lang ging sie täglich aufs Sozialamt, bat – schließlich mit Erfolg – um eine Notunterkunft in ihrem Viertel: 

"Ich konnte das nicht vereinbaren, von Wickede immer eine Stunde herzufahren, das war immer eine Stunde Fahrtzeit – pro Tour. Die Kinder in den Kindergarten zu bringen, das war ja erst nicht möglich. Ich dachte, das ist ein schlechter Film. Ich hab es nicht für möglich gehalten, dass so etwas in Deutschland geht." 

Zugang nur noch fürs Kistenpacken

Etwa 200 Betroffene sind an diesem Mittwochabend zur Mieterversammlung gekommen – auf Einladung des Dortmunder Mietervereins. 270 der rund 800 Hannibal-Bewohner haben noch keine neue Bleibe, befinden sich in städtischen Notunterkünften oder Ersatzwohnungen. Bislang konnten sie das Gebäude täglich betreten, mit Sicherheitsdienst. Ab heute sollen Mieter nur noch für den Auszug in das Gebäude gelassen werden.  

Das hat der Eigentümer, die in Berlin ansässige Intown Property Management GmbH, den Mietern vor eineinhalb Wochen in einem Schreiben mitgeteilt. Unzulässig sei das, sagt Tobias Scholz, wohnungspolitischer Sprecher des Mietervereins: 

"Nach unserer Rechtsauffassung ist das nicht rechtens. Mieter, die noch einen Mietvertrag haben, haben das Recht, in das Gebäude zu gehen. Es gibt zwar eine Nutzungsuntersagung zu Wohnzwecken von der Stadt Dortmund aufgrund der Brandschutzmängel. Es gibt aber eine Erlaubnis, dass das Gebäude für solche Erledigungen wie Dinge holen, für eine halbe Stunde oder beim Umzug, beim Packen auch länger betreten werden kann, wenn entsprechende Brandwachen bereitstehen. Aus unserer Sicht gilt das weiterhin und gibt es keinen Grund, warum Intown das jetzt innerhalb weniger Wochen Knall auf Fall beenden will und die Leute unter Druck setzt." 

Der Mieterverein hat Intown-Vertreter auch an diesem Abend eingeladen. Wie bei vergangenen Versammlungen ist aber niemand erschienen. Zur Situation ihrer Mieter äußert sich die Firma – ein undurchsichtiges Geflecht zahlreicher Immobiliengesellschaften – auf Anfrage des Deutschlandfunks nicht.

Der Mieterverein hat nun für drei Mieter einstweilige Verfügungen beim Amtsgericht Dortmund beantragt, um ihnen den Zugang zu ihren Wohnungen zu sichern. Eine Zutrittsregelung wurde bereits erlassen, es sollen weitere folgen, mit dem Ziel, die Stilllegung abzuwenden. Tobias Scholz: 

"Die Hoffnung ist, dass Intown auf diesem Weg einsieht, dass sie das mit den Mietern nicht so machen können. Aktuell gibt es kein Einlenken von Intown und das würde dazu führen, dass alle Mieter, die ihren Zugang sichern wollen, zum Amtsgericht müssen und ihre Rechte gerichtlich durchsetzen müssen."  

Die meisten Hannibal-Bewohner beziehen Sozialhilfe

Ludger Wilde leitet den Krisenstab der Stadt Dortmund. Der hilft den Mietern bei der Suche nach neuen Wohnungen. Das sei aber nicht so einfach, die meisten Hannibal-Bewohner beziehen Sozialhilfe, einige haben einen Schufa-Eintrag.  

"Der Wohnungsmarkt in Dortmund ist sehr angespannt. Es gibt sicher auch einige Haushalte, die aufgrund der weniger guten Zahlungsfähigkeit nicht von jedem Vermieter genommen werden. Von Seiten der Stadt leisten wir da Hilfestellung. Wir lassen niemanden obdachlos werden. Wir haben ja Wohnungen angemietet, und die, die nicht sofort vermittelbar sind, werden auch zunächst mal in diesen Wohnungen weiter bleiben können." 

Die Stadt muss sich bis heute für die Räumung rechtfertigen. Bei einer Brandschutzbegehung Ende September wurden erhebliche Mängel entdeckt, letztlich ausschlaggebend aber war ein Zufallsfund: Leitungsschächte, die ohne Genehmigung quer durch alle Wohnungen verlegt worden waren. Ludger Wilde: 

"Jeder Brand hätte zu einem kompletten Verrauchen des Gebäudes führen können, wo dann auch eine erhebliche Anzahl von Mietern wirklich einer akuten Gefahr ausgesetzt wären. Von daher sahen wir uns gezwungen, kurzfristig dann zu räumen."  

Eigentümer hat noch kein Sanierungskonzept vorgelegt

Bis heute hat Intown die Brandschutzmängel weder bewertet noch ein Sanierungskonzept vorgelegt. Stattdessen hat die Gesellschaft die Stadt Dortmund wegen der Räumung verklagt. Die wiederum klagt auf Schadensersatz. Das Verfahren vor dem Verwaltungsgericht kann sich über Jahre hinziehen.  

Daher befürchtet der Mieterverein Dortmund, dass Hannibal 2 zur Ruine verkommt. Es wäre nicht der einzige Fall dieser Art. In der Kiehlstraße steht seit Jahren ein Hochhaus leer, die Dortmunder nennen es das "Horrorhaus".  

Und so fürchtet Noch-Mieterin Franziska Hesse um ihr Eigentum. Vor wenigen Tagen hat sie endlich eine neue Wohnung gefunden, die Umzugskisten stehen in der alten Wohnung im Hannibal zur Abholung bereit. Aber sie fragt sich, ob der Sicherheitsdienst noch darauf aufpasst: 

"Ich habe Angst. Denn ich glaube, die Security weiß noch nicht, ob sie es weiter bewachen soll. Die Sachen stehen da und die Plünderer sind schon da, wühlen da schon den Müll durch. Und ich hab Angst, wenn die Security weg sind, dass die da einsteigen!"

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