Dienstag, 24. Mai 2022

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Gerd Koenen: Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution.

Der Publizist Gerd Koenen hat sich seit Anfang der neunziger Jahre einen guten Namen gemacht, wenn es darum ging, Mythen und Mythenbildung des Kommunismus unaufgeregt und ohne Aufrechnungs-Attitüden zu analysieren. Schon sein Debüt über die Verehrung kommunistischer Diktatoren durch Intellektuelle in Ost und West war eine gleichermaßen interessante wie inhaltlich erschreckende Fleißarbeit, 1998 folgte mit "Utopie der Säuberung" eine bemerkenswerte Ursachenforschung nach den Wurzeln und Motivationen des stalinistischen Terrors. Wie schon "Utopie der Säuberungen" , das in der Zeit der Schwarzbuch-Debatte erschien, so kommt auch Koenens neuestes Buch genau zur rechten Zeit. Denn sein Sujet ist "Das rote Jahrzehnt", die innenpolitisch durch SDS, APO und schließlich auch durch den Terrorismus geprägten Jahre 1967 - 1977, die in der Bundesrepublik lange nicht mehr so intensiv diskutiert wurden wie gerade jetzt.

Günter Müchler | 21.05.2001

Um vorweg zu sagen, was das Buch nicht ist: Es ist keine weinerliche Zivilbeichte nach dem Motto: Weshalb ich gefehlt habe. Auch wird enttäuscht, wer etwa die eifernde Anklage eines Renegaten an seine ehemaligen Weggenossen erwartet. Koenen kettet die Achtundsechziger nicht an den Schandpfahl, er stellt sie auf die Bühne. Und siehe da: Mit ihren Sprüchen, ihrem Zelotentum, ihrem Habitus sind sie auf einmal nicht mehr die aufregenden Bürgerschrecken von ehedem, sondern sie wirken nur noch wie Comicfiguren, vom Hauch des Tragischen umwandelt, weil ihren Ernst heute keiner mehr versteht.

Koenen begibt sich mit seinem Versuch, Historiker der eigenen Lebensgeschichte zu sein, auf Glatteis. Er weiß um die Gefahr und er entgeht ihr, indem er den Akt der "Selbstaufklärung", den er sich und seinen Nachkommen schuldig zu sein glaubt, gleichermaßen mit sachlicher Strenge und milde-ironischer Nachsicht vollführt. Sein Erkenntnisinteresse lässt sich in einer einzigen Frage ausdrücken:

"Was genau hat so viele damals motiviert, sich eine Zeitlang als Akteure einer chimärischen Weltrevolution zu fühlen, und das mit einer Konsequenz, die manchen so weit hinausgetrieben hat?"

Für eine glaubwürdige Zeugenschaft bringt Gerd Koenen reichlich mit. Ihn selbst hatte es weit hinausgetrieben. Jahrgang 1944, durchlief der Geschichts- und Politikstudent in Tübingen und Frankfurt/Main alle Verpuppungen der sogenannten Studentenrevolte, bis er es zum hauptamtlichen Funktionär des Kommunistischen Bundes Westdeutschland (KBW) brachte. Heute muss man erklären, was der KBW war oder sein wollte: eine aus vorwiegend maoistischen Quellen gespeisten Kaderpartei, die Ende der siebziger Jahre vielleicht die schlagkräftigste der vielen revolutionären Gruppierungen war, Gruppierungen, die sich in Frankfurt, West-Berlin oder Heidelberg daran machten, die Fackel der Weltrevolution zu entzünden. Den zeitlichen Rahmen des Buches bilden die Jahre von 1967 bis 1977, wie es im Untertitel heißt, in einem eigentlichen Sinne aber die siebziger Jahre.

"Also was die siebziger Jahre betrifft, kann ich mich kurz fassen... Widerstandslos im Großen und Ganzen, haben sie sich selbst verschluckt... Dass irgendwer ihrer mit Nachsicht gedächte, wäre zuviel verlangt."

Dieses mürrisch-wegwerfende Urteil Enzensbergers hat Koenen dem ersten Kapitel vorangestellt, nicht unbedingt als Leitmotiv. Denn natürlich hält er die siebziger Jahre für der Beschäftigung wert. Sie sind für ihn das "Schwarze Loch" - nicht nur in der Biographie vieler alter Kämpfer, sondern auch der öffentlichen Erinnerung. Eben deshalb beschäftigt er sich damit.

Es ist eine lohnende Beschäftigung. Denn soviel Literatur über die Achtundsechziger der Anfänge existiert und so hoch der Bücherberg über die RAF ist, so apokryph ist die dazwischen liegende Zeit, sind die Häutungen der Bewegung, bis sie sich verläuft in Resignation oder übergeht in den Marsch durch die Institutionen, der dann irgendwann im Dezernentenzimmer endet, auf Abgeordnetenbänken oder gar auf Ministersesseln. Die Gründe, die diese Ausblendung bewirkt haben, findet Koenen vor allem in einer psychischen Klemme, dem Unwillen der Akteure, sich

"die eigenen Motive noch einmal zu vergegenwärtigen und zu fragen, woher diese über alle lebendigen Erfahrungen und Interessen weit hinausschießende, abstrakte Theorie- und Organisationswut, diese jede Zeit abrufbare Militanz und Empfänglichkeit für weltrevolutionäre Phraseologien damals eigentlich kamen. Und da man sich das selbst nicht mehr recht aufklären konnte, verdrängte oder verklärte man diese Geschichte."

Den Wendepunkt sieht Koenen in der Auflösung des SDS 1970. Von da an verwandelt sich die APO in eine Vielzahl einander oftmals bekämpfender Gruppen. Das spekulativ-antiautoritäre Moment tritt, ohne ganz zu verwehen, hinter einem Zug zum Dogmatismus zurück. Zugleich wachsen Militanz und Manpower. Kam das Kernpotential der Jugendrevolte von Achtundsechzig kaum über 20.000 Engagierte hinaus, beziffert Koenen die Mitglieder der diversen überwiegend kommunistisch geprägten Organisationen das ganze siebziger Jahrzehnt hindurch auf etwa 80 bis 100.000. Das ist, gemessen an den hochfliegenden Zielen, ein schlappes Aufgebot, eine beachtliche Zahl jedoch, bedenkt man, dass die Hingabe an die Sache in den meisten Fällen die völlige Herauslösung aus der bürgerlichen Existenz bedeutete.

Woher nahmen die jungen Rebellen dazu die Kraft? Die Frage stellen, heißt, sich jenem Phänomen zuzuwenden, das aus dem Apo-Jahrzehnt ein rotes Jahrzehnt machte. Es ist ja keineswegs einleuchtend, dass eine Bewegung, die modern sein wollte, sich ausgerechnet der hochbetagten Ideologie des Marxismus-Leninismus zuwandte. Dem "elementaren Drang zurück zu den Quellen" lag, laut Koenen, "ein tieferes psychisches Bedürfnis" zugrunde:

"Man musste sich irgendwo in der Welt verankern. Wenn man schon in der eigenen Gesellschaft keinen festen Boden und keine gesicherte Tradition mehr vorfand, an die man anknüpfen konnte, und wenn auch die Berufung auf revolutionäre Vorbilder in der Dritten Welt keinen sicheren Halt mehr boten, dann bedurfte es zumindest der Bestätigung durch eine Position, die einen historischen Moment lang irgendwo praktisch geworden war... Die Geschichte ist bekanntlich die beste Utopie."

Diese Verankerung führte zu merkwürdigen Allianzen. Man schickte Delegationen nach Kuba, vielleicht noch verständlich, aber auch ins abweisende Albanien. Man weiß nicht recht, ob man lachen oder weinen soll, liest man, wie die Gruppen unterschiedlicher marxistischer Orthodoxie um die Sympathie des herben Enver Hodscha buhlten, oder, in Pnom Phen, um die Gunst des Massenmörders Pol Pot. Natürlich herrschte auch reger Verkehr in Richtung Ost-Berlin, gab es diskrete Berichte und Konnexionen. Dabei hatten die spießigen SED-Funktionäre doch wenig zu bieten, was den bohèmehaften Gästen hätte imponieren können; aber hier und da fielen doch ein paar Devisen ab oder wenigstens ein paar Bauarbeiterhelme, die man für West-Berliner Demos brauchte. Strauß' damalige Behauptung, die Finanziers der Studenten-Rebellen säßen in Ost-Berlin, war übertrieben; ganz falsch war sie nicht.

Insgesamt markiert der revolutionäre Internationalismus der selbsternannten Berufsrevolutionäre ein erstaunliches und überwiegend peinliches Kapitel der Bewegung, und mit am erstaunlichsten waren die vielgestaltigen Kontakte zur PLO, an die sich der Bundesaußenminister verständlicherweise nur noch lückenhaft erinnern möchte. Nicht nur, dass einige Apo-Sprösslinge in palästinensischen Lagern die Kunst des Tötens lernten, es gab auch dies: Am 9. November 1969, passend zum Jahrestag der Reichskristallnacht, führte ein Anschlag auf das jüdische Gemeindezentrum von West-Berlin nur deshalb nicht zu den erhofften Verwüstungen, weil die Bombe vorzeitig entdeckt wurde, sehr zum Bedauern des Kommunarden Kunzelmann. Antisemitismus der klassischen Form war das wohl nicht, und doch hätte man nichts dagegen gehabt, den Kampf gegen den Weltzionismus im Geiste der Fedayin auch dorthin zu tragen, wo einmal die Vernichtung des europäischen Judentums beschlossen worden war. Wer die Zeit miterlebt hat, findet auf den 500 Seiten des Buches lauter Déjà-vues: Die Sit-ins, Teach-ins, Fahrpreisstreiks und Verkehrsblockaden; die Weiberräte, Kommunen und Kinderläden; die Anbetung der Organisation, die nervtötenden Vollversammlungen und die krankhafte Lust an der Produktion von Papier. Und man stolpert über wildwuchernde Widersprüchlichkeiten: den aufrichtigen Idealismus und den menschenverachtenden Zynismus. Selbst das Antiautoritäre, das rückblickend zum Eigentlichen der Kulturrevolution verklärt wird, war keineswegs eindeutig.

"Wenn ein unbefangener Beobachter die Photos so mancher 68-er Demonstration anschaute, dieser zeremoniellen Umzüge mit den Ikonen von Marx und Engels, Liebknecht und Luxemburg, Thälmann und Bakunin, Lenin und Trotzki, Ho und Kim, Mao und Enver, Fidel und Che, dann würde er kaum dahinter eine antiautoritäre Kundgebung vermuten. Es waren Heroen- und Führerkulte durchaus älteren Stils..."

In summa: Es lohnt sich, das gescheite, stilistisch brillante Buch Koenens zu lesen. Zwar liefert es nur ein fragmentarisches Bild der Protestbewegung - das ist der Preis des biographischen Ansatzes. Sein Lohn sind tiefe Einblicke in die hermetischen Denk- und Handlungsräume der Bewegung, wie sie nur ein Insider verschaffen kann; Einblicke in eine impressive Phase der Zeitgeschichte, die ohne solche Bücher der Legendenbildung vollends anheimfallen würde. Interessenten der Legendenbildung gibt es genug. In einem nachdenkenswerten Vergleich weist Koenen dezent darauf hin:

"Richtig ist, dass diese Geschichte - gemeint ist das rote Jahrzehnt - sich von selbst erledigt hat, kaum weniger gründlich als die der DDR. Dabei ist allerdings mit sehr unterschiedlichen moralisch-historischen Maßen gemessen worden. Man konnte noch im Jahr 1999 nicht Pressesprecherin der SPD werden, wenn man als FDJ-Studentin in den siebziger Jahren der Stasi ein paar belanglose Pflichtberichte nach Auslandsreisen geschrieben hatte. Aber man konnte ohne weiteres Vizepräsidentin des Bundestages, Vizekanzler, Minister oder Staatssekretär werden, wenn man eine erhebliche Strecke seiner Jugend als Aktivist oder Aktivistin einer der vielen revolutionären Organisationen dieser Zeit zugebracht hatte. Dort das kategorische Postulat des Aufarbeitens..., hier der augenzwinkernde Einbau in die individuelle Karriere als ein bloßer walk on the wild side."

Gerd Koenen: Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution. Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, Köln, 560 Seiten zum Preis von 49,90 DM.