Mittwoch, 30. November 2022

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Germanwings-Maschine
"Eines der Arbeitspferde der Luftfahrt"

Der Luftfahrtexperte Elmar Giemulla hält nichts davon, andere A 320-Flugzeuge nach dem Absturz der Germanwings-Maschine am Boden zu lassen. Die Maschinen der Baureihe seien höchst zuverlässig - zumal, wenn sie unter deutscher Aufsicht gewartet würden, sagte er im DLF.

Elmar Giemulla im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann | 25.03.2015

    Ein Germanwings Airbus A320, hier am Köln-Bonner Flughafen
    Ein Germanwings Airbus A320, hier am Köln-Bonner Flughafen (dpa/Oliver Berg)
    Tobias Armbrüster: Der Absturz gestern in den französischen Alpen, dieser Flugzeugabsturz hat vor allem an den beiden betroffenen Flughäfen für dramatische Szenen gesorgt. An den Terminals in Düsseldorf und in Barcelona standen Dutzende von Angehörigen unter Schock, als sie von der Katastrophe erfahren haben. Sofort waren dort Seelsorger zur Stelle, die sich um diese angehörigen gekümmert haben. Auch am Abend war die Anspannung noch groß.
    Über die Hintergründe und über mögliche Ursachen dieser Katastrophe macht sich auch Elmar Giemulla seine Gedanken. Er ist Luftfahrtexperte an der Technischen Universität Berlin. Mein Kollege Dirk-Oliver Heckmann hat gestern Abend mit ihm gesprochen. Wichtigste Frage natürlich: Wie ist der rätselhafte minutenlange Sinkflug vor dem Absturz zu erklären?
    Elmar Giemulla: Dafür gibt es zurzeit jedenfalls keine Erklärung. Wir werden abwarten müssen, was die Ergebnisse der Auswertung des Cockpit Voice Recorders zeigen. Über den Alpen in einen Sinkflug hineinzugehen, zumal in einen sehr schnellen zügigen Sinkflug, ohne dass es irgendein Ziel gab, dafür gibt es im Moment überhaupt keine Erklärung.
    Dirk-Oliver Heckmann: Bei einem Vorfall, bei einem Flug von Bilbao nach München war es in der Vergangenheit zu einem Zwischenfall gekommen mit einem Airbus. Die Sensoren, die meldeten Dinge, die nicht der Realität entsprachen, und den Piloten war es gelungen, die Elektronik abzuschalten. Könnte ein Fehler der Elektronik zum Absturz beigetragen haben auch in diesem Fall?
    Giemulla: Das ist eine Möglichkeit, die natürlich sich jetzt bald herausstellen wird. Allerdings muss man sehen, dass nach diesem Vorfall, dem Bilbao-Vorfall, exakt diese Maschine, um die es jetzt geht, geändert worden ist. Das heißt, hier ist dieser mögliche Fehler aus dem Computersystem rausgenommen worden. Da können wir davon ausgehen, dass das mit höchster Wahrscheinlichkeit jetzt nicht dazu beigetragen hat.
    "Was hätte in der konkreten Situation ein Notruf nutzen können?"
    Heckmann: Zunächst hieß es ja den Tag über, es habe einen Notruf gegeben der Piloten. Später dann die Meldung: Nein, es hat keinen gegeben. Worauf deutet das hin?
    Giemulla: Was die unterschiedlichen Aussagen von welchen Stellen auch immer anbelangt, da müssen die eine Erklärung dafür haben. De facto, wenn ich davon ausgehe, dass kein Notruf abgegeben worden ist, dann ist das, sage ich mal, nichts in dem Sinne, was auf irgendwelche finsteren Dinge hindeutet, denn erstens waren die Piloten ja wahrscheinlich damit beschäftigt, die Maschine wieder in eine vernünftige Fluglage zu bringen. Zweitens hätte ein Notruf sie ja nur davon abgehalten und die Frage wäre ja auch gewesen, was hätte in der konkreten Situation ein Notruf nutzen können, denn Hilfe von außen wäre nicht möglich gewesen und hätte auch gar keinen Effekt gehabt.
    Heckmann: Der Pilot, der das Flugzeug geflogen hat, das war ein erfahrener Pilot. Der hat keine Freigabe für einen Sinkflug verlangt. Was kann man daraus schließen? Kann man daraus etwas schließen?
    Giemulla: Schlussfolgerungen, dass er sicherlich nicht sinken wollte, dass er nicht bewusst in diese Fluglage hineingehen wollte, was ja auch völlig sinnlos war in dieser Situation. Eine Freigabe für einen Sinkflug, das ist ja ein Teil eines geplanten operativen Prozesses, nämlich wenn ich landen will, und das wäre hier ohnehin in den Alpen völlig abwegig gewesen. Wenn es nicht um diesen Prozess ging, um dieses Verfahren ging, dann ist es natürlich klar, dass auch keine Landefreigabe oder keine Sinkflugfreigabe beantragt wurde.
    Germanwings-Maschinen werden "minutiös gewartet"
    Heckmann: Der Airbus war 24 Jahre alt. Könnte das ein Aspekt gewesen sein?
    Giemulla: Das ist auszuschließen, und zwar deswegen, weil Luftfahrzeuge, zumal von Germanwings und unter deutscher Aufsicht, minutiös gewartet werden nach minutiösen Programmen. Es werden die Teile, die verschleißen, ausgetauscht nach einem vorgegebenen Programm, sodass ein Luftfahrzeug nach einigen Jahren gar nicht mehr das Ursprungsluftfahrzeug ist, jedenfalls was die technischen Abläufe anbelangt. Im Grunde wird ein Luftfahrzeug durch den ständigen Austausch der sensiblen Teile immer auf einem neuesten Stand gehalten, sodass das Altern eines Luftfahrzeuges eigentlich eine sehr sekundäre Frage ist.
    Heckmann: Ein Terroranschlag ist definitiv ausgeschlossen aus Ihrer Sicht?
    Giemulla: Heutzutage, muss man sagen, ist gar nichts ausgeschlossen, auch das natürlich nicht. Im Moment haben wir darauf keine Hinweise. Aber auch das verspreche ich mir, die Aufklärung dafür, aus der Auswertung des hoffentlich bald aufgefundenen Cockpit Voice Recorders, denn natürlich ist klar, dass die letzten Minuten vor dem Crash nicht ganz ohne Unterhaltung stattgefunden haben. Das heißt, hier werden wir sehen, wer mit wem über was gesprochen hat und was dann womöglich auch in die Richtung eines Terroranschlags deutet.
    Heckmann: Das heißt, Sie sehen jetzt auch keinen Anlass dafür, diese Baureihe erst einmal am Boden zu lassen?
    Giemulla: Nein, auf gar keinen Fall, denn das ist eines der Arbeitspferde der Luftfahrt, arbeitet grundsätzlich sehr zuverlässig. Technologie kann versagen, das ist nun mal Teil von Technologie. Das ist hier offensichtlich geschehen. Aber grundsätzlich, muss man sagen, geht es hier um eine sehr zuverlässige Maschine.
    Armbrüster: Elmar Giemulla, Luftfahrtexperte an der Technischen Universität Berlin, gestern Abend im Gespräch mit meinem Kollegen Dirk-Oliver Heckmann.
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.