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Geschäft mit den Flüchtlingen

Seit Jahren kämpft die zypriotische Regierung dafür, dass Asylsuchende innerhalb der Europäischen Union besser verteilt werden, um nicht ganz so schwer unter dieser Last zu tragen. Doch die Flüchtlinge sind nicht nur ein Verlustgeschäft: Längst hat sich die Vermittlung legaler und illegaler Einwanderer als Wirtschaftszweig etabliert - zu fragwürdigen Konditionen werden sie an private Haushalte vermittelt und leben dort in einem rechtsfreien Raum.

Von Christiane Sternberg | 23.06.2009
    Vielsprachiges Stimmengewirr schallt durch den kleinen Park. Sonntags ist der Palmengarten von Nikosia ein Multikulti-Treffpunkt. Feingemacht genießen hier asiatische und afrikanische Migranten ihren einzigen freien Tag in der Woche. Sie picknicken auf dem Rasen, machen Spiele oder treffen sich zum Bibelkreis.

    Die philippinischen und srilankischen Frauen in dem kleinen Gospelchor gehören zu dem Heer der 26.000 Dienstmädchen, die den größten Anteil der ausländischen Arbeitskräfte in der Republik Zypern stellen. Sie leben als universell einsetzbare Hausangestellte in den Familien ihrer Arbeitgeber. Putzen, Kinder hüten, greise Eltern pflegen, Hunde Gassi führen - für ihren Allroundjob, den sie offiziell 48 Stunden pro Woche ausüben, bekommen sie 300 Euro im Monat plus Kost und Logis. Ins Land gebracht werden sie von privaten Arbeitsagenturen, deren Verträge sie vier Jahre an einen Haushalt binden.

    "Laut Arbeitsvertrag müssen sie alle Anweisungen ihres Arbeitgebers befolgen, aktive politische Betätigung ist verboten und von ihrem Recht, Probleme zu melden, steht nichts darin. Sie müssen diesen Arbeitsvertrag unterschreiben, sonst dürfen sie das Land gar nicht erst betreten."

    Doros Polycarpou, Chef von KISA, der Aktionseinheit für Gleichheit, Unterstützung und Antirassismus, ist einer der wenigen, die sich für die Rechte von Migranten auf Zypern einsetzen. Aber gegen die täglichen Schikanen, wie sie die 53-jährige Priscilla berichtet, kann auch er nichts ausrichten:

    "Meine Madame beobachtet mich ständig, ob ich nicht zu viel Spülmittel benutze. Ich hab' ihr gesagt, es ist doch nur ein Tropfen, Ma'am!"

    Für ihren Ungehorsam wurde Priscilla gefeuert. Jetzt droht ihr die Abschiebung zurück auf die Philippinen.

    Für die rund 65.000 Gastarbeiter, die in den Haushalten, auf dem Bau, in der Landwirtschaft oder als so genannte "Künstlerinnen" in den Nachtbars arbeiten, gibt es keine Chance auf langfristiges Bleiberecht. Statt auszureisen, tauchen deshalb etliche von ihnen nach den erlaubten vier Arbeitsjahren unter und reihen sich ein in das Heer der geschätzten 40.000 Illegalen.

    Auch Khan aus Pakistan war ein Illegaler. Der heute 30-Jährige kam vor sechs Jahren als politischer Flüchtling über den türkisch-zyprischen Norden ins Land:

    "Ein Mann schmuggelte mich in seinem Auto für 500 Dollar über die Grenze und ich beantragte im Süden Asyl. Offiziell durfte ich nicht arbeiten, aber bei keinem meiner Jobs musste ich meine Papiere vorzeigen. Nur durch Zufall erfuhr ich voriges Jahr, dass mein Asylantrag längst abgelehnt wurde. Angerufen hat mich niemand. Aber das ist inzwischen egal, ich bin jetzt mit einer Europäerin verheiratet."
    Das EU-Mitglied Zypern ist für politische und Wirtschafsflüchtlinge aus Asien und Afrika das östlichste Fenster nach Europa. Agenturen, Anwälte und korrupte Beamte verdienen an deren verzweifelter Lage kräftig mit, sagt KISA-Chef Doros Polycarpou:

    "Der neue Trend ist: Für 5000 bis 6000 Euro werden Ehen mit EU-Staatsbürgern vermittelt. So bekommt man eine Aufenthaltserlaubnis und kann bleiben. Das gibt es in jedem Land, allerdings nicht in diesem Umfang und so durch organisiert wie hier."

    In der Republik Zypern sind 22 Prozent der Bevölkerung Ausländer. Zieht man Europäer und den russischen Geldadel ab, bleiben die "Mavro", die Schwarzen, wie sie genannt werden. Es gibt für die ungeliebten Hilfsarbeiten keine bessere und billigere Alternative als sie. Dennoch sind sie als Mitbürger nicht willkommen. Die Antipathie der Gesellschaft reicht von latenter Feindseligkeit bis hin zu rassistischen Übergriffen. Daran, sagt Doros Polycarpou, ist nicht zuletzt der rechtsfreie Raum Schuld, der die Einwanderer in Zypern umgibt. Der Gesellschaft werde das Bild vermittelt, dass Migranten aus Drittländern Menschen zweiter Klasse sind.