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Geschäftsidee mit grünem Daumen

Nicht jeder kann ruhigen Gewissens in Urlaub fahren, wenn er die Pflanzen daheim nicht in guten Händen weiß. Zumindest in Berlin können Hobbygärtner nun aufatmen, denn hier haben Studierende einen Pflanzensitter-Service ins Leben gerufen.

    Die Pflanzensitter, Kracht, Hallo, Was kann ich für Sie tun..?

    Manchmal weiß Isgard Kracht nicht, welches Telefon sie zuerst abheben soll – denn ihre Kunden scheinen oft zur gleichen Zeit zu überlegen: Was machen wir bloß mit unseren Pflanzen, wenn wir die schönen Tage lieber an der See, als im heißen Berlin verbringen wollen – und dann erinnern sie sich an die dienstbaren Geister, deren Geschäftsidee eigentlich gar nicht so geplant war, wie sie sich jetzt entwickelt, denn Isgard Kracht müsste sich kurz vor ihrem Studienabschluss eigentlich mit Kunstgeschichte und Neuer Literatur beschäftigen – und nicht mit Botanik:

    Das war ein reines Zufalls- und Spaßprodukt am Küchentisch, abends bei einem Glas Rotwein, als wir an eine Freundin gedacht haben, die nie in den Urlaub gefahren ist, weil sie ihre Pflanzen nicht allein lassen möchte. Da dachten wir uns: Die braucht einen Pflanzensitter! Und da haben wir erst mal kräftig gelacht und dann dachten wir auf einmal so: Hm, nanu: Das wär eigentlich eine Geschäftsidee, mal sehen. Dann haben wir einfach mal im Internet geschaut, ob die Domain www.pflanzensitter.de frei ist, weil wir den Namen so witzig fanden und die war frei und dann dachten wir: So. die müssen wir uns sichern und das war noch einmal ein kräftiger Motivationsschub. Dann kam eins zum anderen: Dann kamen die Flyer und dann die ersten Kunden.

    Studium und Katze Bonita müssen erst einmal warten – die meiste Zeit verbringen Isgard Kracht und ihre vier Mitstreiter im Auto, statt in fremden Gärten. Die Dienste der vier Studierenden rechtzeitig zur Ferienzeit werden trotz der 15 Euro pro Tag gern genutzt – und so könnten die vier Kommilitoninnen und ihre Freunde in diesem Sommer fast schon die Konsequenzen ihrer abendlichen Idee fühlen...

    Ja, so ein bisschen schon. Ich studiere Kunstgeschichte und neuere deutsche Literatur und hatte mich eigentlich irgendwo entweder in einer Galerie, oder im Museum gesehen und nun sitz ich halt entweder auf der Terrasse, oder im Garten und sprech mit Pflanzen und genieße den Duft des Gartens und genieße es, wenn Vögel vorbei fliegen und zwitschern. Dieses Naturerlebnis tut mir sehr gut. Es macht schon Spaß und ich merke: Es ist eine andere Richtung, aber es ist eine sehr interessante Richtung, die ich mir auch vorstellen könnte, beruflich auszuleben.

    Auch wenn es nicht die Regel wird, auf diese Weise, bereits vorgezeichnete – einigen vielleicht langweilig erscheinende berufliche Geleise zu verlassen – so gewinnen die Studierenden mit der Verwirklichung ihres Nebenjobs wenigstens neue Erkenntnisse:

    Man weiß auch, dass, was man im Studium macht, ist gut für einen selbst. Da lernt man mit dem Kopf zu arbeiten. Man lernt irgendwie diesen theoretischen Überbau. Es ist sehr abstrakt, aber letztendlich kommt es im Job doch auf gewisse andere Dinge an: Da muss man lernen, wie man mit den Leuten umgeht, wie man kommuniziert, wie man sein Geschäft führt. Das sind alles Dinge, die man im Studium nicht lernt. Es ist Training! Es ist Training, "mit den Menschen zu arbeiten", diese Kommunikation zu lernen und dass man auch wirklich lernt, dass es um den Kunden geht. Man muss sich mit Service auseinander setzen: Was heißt Dienstleistung? Man muss sich damit auseinander setzten: Was heißt es eigentlich wirklich, flexibel zu sein und nicht, ob ich nun morgen ausschlafen kann, oder ob ich morgen zur Bibliothek muss und was nun wichtiger ist... Wenn man wirklich eine Geschäftsidee ernst nehmen will, dann muss man erst mal den Kunden ernst nehmen und das an erste Stelle stellen.

    Und das heißt auch schon mal die Pflanzen mit Liesbeth und Tilly anzusprechen, wie es eine Kundin verlangt. Trotz allen organisatorischen Stresses – der Job ist jetzt und bleibt für Isgard ein unverzichtbarer Ausgleich zur Uni:

    Allein schon: Wenn ich dann zurück in der Uni bin und dann im Seminar sitze, dass ich dann Grenzen ziehen kann für mich und wenn die Diskussionen ins unendliche geführt werden, dass ich mir sagen kann: So, jetzt schalt ab, lächele drüber! Später bringt mir Adorno und Horkheimer auch nicht mehr viel, da muss ich halt wirklich wissen, wie das Geschäft läuft und sonst nichts...

    Related Link: www.pflanzensitter.de