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Startseite@mediasresPop-Musikjournalismus ist "Kaput"09.04.2019

Geschäftsmodell InternetPop-Musikjournalismus ist "Kaput"

Bei "Kaput – für Insolvenz und Pop" ist der Name Programm. Das Online-Magazin bespricht aktuelle Alben, beleuchtet aber auch die Schattenseiten der eigenen Branche. Nach bald fünf Jahren "Kaput" bilanzieren seine Macher: Das große Geld wird in der Musikbranche nicht mehr mit Journalismus verdient.

Von Michael Borgers

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Die Startseite des Online-Magazins "Kaput - für Insolvenz und Pop" auf einem Computerbildschirm.  (Deutschlandfunk / Michael Borgers)
Die Macher des Online-Magazins "Kaput - für Insolvenz und Pop" wollen keinen "Hurra-Popjournalismus" machen. (Deutschlandfunk / Michael Borgers)
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Das Café des weltbekannten Museum Ludwig in Köln – ein Ort mit großer Symbolkraft für Thomas Venker und Linus Volkmann. Dass sie sich hier für Arbeitsgespräche und nicht mehr in Redaktionsräumen treffen können, empfinden beide als "große Befreiung".

"Ich hab‘ ja das Intro verlasse, und fand das so nervig, bei so einer Tätigkeit eben diesen Achtstundentag im Büro da zu reproduzieren, jede Woche, jeden Tag."

Volkmann hat über viele Jahre gemeinsam mit Venker Intro geleitet und geprägt, von 2000 an, fast anderthalb Jahrzehnte. Das Magazin wuchs in dieser Zeit parallel zur Musikindustrie. Aus dem ehemaligen Fanzine, also einem Heft für Fans, wurde das größte Gratis-Musikmagazin des Landes.

Volkmann: Kontrast setzen zum Hurra-Popjournalismus

Funktioniert habe das aber vor allem aus einem Grund, glaubt Thomas Venker heute: Einfach weil in der dazugehörigen Musikindustrie noch genügend Geld vorhanden war: "Aber in dem Moment, wo das Geld weggeht, hat man auch gesehen: Die Leute hatten eigentlich keine Ahnung, und sie hatten einfach nur wahnsinnig viel Glück auch. Das gehört natürlich auch dazu, dass Geschäftsmodelle funktionieren und nicht funktionieren."

Mit den Leuten meint Venker auch sich, Musikjournalisten, die von einer funktionierenden Industrie profitieren. Er und Volkmann suchten ihr eigenes Glück, da funktionierte das Geschäftsmodell Intro eigentlich noch. Im Jahr 2014 verließen sie Intro und gründeten gemeinsam Kaput – Magazin für Insolvenz und Pop. 

"Wir wollten einen Kontrast setzen zu diesem Hurra-Popjournalismus, der eigentlich nur die Veröffentlichungen, die gerade da sind, abfeiert, und da eigentlich auch gar keine so große Relevanz mehr mit generiert." Man habe auch die ökonomischen Zusammenhänge der Popindustrie beleuchten wollen, sagt Linus Volkmann. Was bei Intro nicht ging, zu groß waren dort die ökonomischen Zwänge. An diesem Ansatz habe sich bis heute nichts geändert.

Das eigene Gehalt wird weitgehend woanders verdient

Auf Kaput werden zwar das neue Album von Weezer und ein Buch der Beastie Boys besprochen, so wie einst bei Intro. Dazu aber auch: zahlreiche Artikel, die sich mit dem Zustand des eigenen Berufsstands beschäftigen, mit der Frage: Wie berichten über eine Musikszene, in der  fast nur noch Streaming-Dienste wie Spotify und große Label Geld verdienen? Und damit natürlich auch der Frage danach: Wie selbst über die Runden kommen? 

"Es ist ja jetzt nicht so, dass Kaput uns das Gehalt beschert. Das beschert uns einen Teil unseres Einkommens."

Und sorgt für weitere Aufträge: für beide als Autoren für Zeitungen und Zeitschriften; Venker arbeitet zudem als Moderator und Dozent, Volkmann kommentiert im Fernsehen die Musikwelt oder ist mit seinen Texten live unterwegs.

Und die eigenen Autoren? Noch immer würden angehende Musikjournalisten genauso anklopfen wie etablierte Kollegen, die für Kaput schreiben wollten, sagt Linus Volkmann. 

"Und am Anfang war es mir immer unangenehm, den Leuten auch zu sagen: Das sieht vielleicht ein bisschen größer aus, das ist ja letztlich nur ein Blog, bei dem Ihr kein Geld bekommen könnt. Aber durch den ökonomischen Regress hat sich das völlig durchgesetzt. Es erwartet auch keiner mehr, bezahlt zu werden."

Venker: Für Spex und Groove wird es ein harter Weg werden

Die Inhalte von Kaput sind frei zugänglich, das Magazin hat kein Bezahlmodell. Anders als andere Zeitschriften, wie Groove und Spex, die auf ein Abo-Modell setzen. Doch die beiden Journalisten sind skeptisch, ob das auf Dauer funktionieren kann. 

"Ich glaub nicht, dass Leute einzelne Artikel tatsächlich kaufen, oder dass sie sich wegen der Popkulturthemen die Paywall generell erclimben. Auch für Spex und Groove wird es ein harter Weg werden."

"Dass die Leser wie am Kiosk hingehen und Geld zahlen und dann das Produkt zahlen – so funktioniert es online nicht und so wird man die Leute auch nicht erziehen können." 

Menschen seien zwar noch bereit, für Musik Geld auszugeben, stellt Thomas Venker fest: aber für Live-Musik.

"Du kannst machen, was Du willst, das Ding ist das Einzige, was nicht umsonst im Netz zu finden ist. Die Musik kannst Du Dir umsonst besorgen, Du kannst die Berichterstattung darüber irgendwo umsonst anlesen, Du hast eh genug Input. Aber das Konzert ist das Konzert, und da kannst nehmen, was du willst, weil die Leute wollen rein."

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