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StartseiteHintergrundGeschäftsziel: maximale Rendite27.07.2011

Geschäftsziel: maximale Rendite

Finanzinvestoren haben die Krise gut überstanden

Es herrscht Feierlaune bei Beteiligungsgesellschaften. Die Private-Equity-Branche sammelt mehr Geld denn je ein - und kauft damit Firmen auf, um diese später gewinnbringend abzustoßen. Doch die ehrgeizigen Renditeziele sind ohne Einbußen für die Belegschaft nur selten zu erreichen.

Alle Größen werden mit Blick auf das zentrale Planungsziel der Rendite formuliert, sagt Wirtschaftssoziologe Klaus Dörre  (AP)
Alle Größen werden mit Blick auf das zentrale Planungsziel der Rendite formuliert, sagt Wirtschaftssoziologe Klaus Dörre (AP)
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In den Fabrikhallen der Firma Honsel in Nürnberg geht es laut zu. Der Zulieferbetrieb fertigt unter anderem Getriebeblöcke für Autobauer wie Daimler oder Audi. Dazu wird Aluminium geschmolzen und in Formen gegossen.

"Da sehen Sie das Flüssigmaterial, hier oben wird gekippt, und dann werden diese Tiegel, die Sie hier vorne sehen, befüllt."

Roland Krollikowsky ist Betriebsratsvorsitzender. In dieser Rolle kümmert er sich darum, dass die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten ordentlich geregelt sind. In den letzten Jahren musste er allerdings auch immer wieder bange Fragen der Kollegen beantworten, die wissen wollten, ob die Firma mit ihren 4000 Arbeitsplätzen überhaupt noch eine Zukunft hat. Denn Honsel hat bewegte Zeiten hinter sich.

Bis zum Jahr 1999 war der Autozulieferer im Wesentlichen in Familienbesitz. Dann wurde Honsel an eine sogenannte Private-Equity-Firma verkauft, an die Carlyle-Gruppe. An eine der Firmen, die der SPD-Politiker Franz Müntefering als "Heuschrecken" bezeichnet hat. Nach fünf Jahren hat Carlyle den Zuliefer-Betrieb an einen anderen Finanzinvestor weiterverkauft, die Ripplewood-Gruppe. Sechs weitere Jahre später, im vergangenen Herbst, war Honsel pleite. Der Grund war nicht etwa, dass es zu wenige Aufträge gegeben hätte. Vielmehr hat Ripplewood ein für die Private-Equity-Branche übliches Geschäftsmodell angewendet. Ein großer Teil des Kaufpreises wurde über Schulden finanziert. Diese Schulden wiederum musste im Wesentlichen die gekaufte Firma selbst tragen. Roland Krollikowsky, der für die Arbeitnehmerseite auch im Aufsichtsrat von Honsel sitzt, erinnert sich mit einer gewissen Bitterkeit an den Tag der Pleite:

"Nach meiner Auffassung hat eine Heuschrecke die andere über den Tisch gezogen, und das hat dazu geführt, dass die Schulden immer größer geworden sind, zum Teil die Schulden nicht mehr bedient werden konnten und am Ende die Insolvenz stand."

Die Pleite bedeutete aber keineswegs das Aus für den Zulieferer. Das Insolvenzverfahren bot vielmehr zunächst einmal die Möglichkeit, einen Teil der Schulden los zu werden. Weil die Autoindustrie in den vergangenen Monaten ihre Bestellungen zügig gesteigert hat, konnte Honsel sogar während der Insolvenz zusätzliches Personal einstellen. Und vor Kurzem hat der Insolvenzverwalter Käufer für das Unternehmen gefunden. Zur Hälfte geht Honsel an den kanadischen Autozulieferer Martinrea, die andere Hälfte übernimmt erneut eine der Firmen, die auch Roland Krollikowsky als "Heuschrecken" bezeichnet. Er bemüht sich, stets gelassen zu bleiben. Aber wenn ihn Kollegen fragen, wie sicher ihr Arbeitsplatz ist, dann legt er sich lieber nicht fest:

"Ich bin ein vorsichtiger Mensch und sage den Kollegen in der jetzigen Zeit: Bevor du ein neues Schlafzimmer kaufst, kauf dir erst mal die Matratze. Also das heißt, man muss schon in so einer Zeit versuchen sein Geld zusammenhalten und sich nicht in scheinbare oder auch tatsächliche finanzielle Abenteuer stürzen, wo am Ende eine Überschuldung stattfindet. Und ich sage den Kollegen, wenn die Zeiten wieder klarer sind, wenn das Fahrwasser ruhiger ist, dann kann man sich das überlegen."

Während bei Honsel die Stimmung eher gedämpft ist, herrscht in der Branche der Finanzinvestoren gute Laune. Die Wirtschaftszeitung "Handelsblatt" hat vor einigen Wochen in München zum Branchen-Jahrestreffen "Private Equity 2011" eingeladen. Das Resümee der Fachzeitung danach war euphorisch:

"Die deutschen Beteiligungsgesellschaften befinden sich in Feierlaune. Nach einem guten Start zu Jahresbeginn sind die Private-Equity-Manager optimistisch gestimmt für das zweite Halbjahr. Die Branche knüpft an die Zeit vor der Finanzkrise an. Sie verkauft sanierte Unternehmen zu hohen Preisen und schwimmt im Geld."

Bei einer Umfrage, die die Wirtschaftsberatungsgesellschaft PriceWaterhouseCoopers vor Kurzem unter Private Equity Firmen durchgeführt hat, gaben 82 Prozent der befragten Gesellschaften an, dass sie mit der Entwicklung in Deutschland "zufrieden" sind oder gar "sehr zufrieden". Von Selbstzweifeln ist dementsprechend kaum etwas zu spüren, wenn man mit Vertretern der Finanzinvestoren-Branche spricht. Stephan Illenberger beispielsweise, der Deutschland-Chef von AXA Private Equity, berichtet von Renditen, von denen andere Wirtschaftszweige nur träumen können:

"Große Portfolios, die breit diversifiziert sind, älter als zehn Jahre sind, haben Renditen von etwa 15 Prozent, netto-netto."

Die Finanzinvestoren sammeln mehr Geld denn je ein - von sogenannten institutionellen Anlegern, wie Versicherungen oder Pensionsfonds, ebenso wie von vermögenden Privatleuten. Um noch schlagkräftiger beim Aufkaufen von Firmen agieren zu können, nehmen die Finanzinvestoren meistens noch zusätzlich Kredite auf. So schaffen sie es, beispielsweise mit hundert Millionen Euro, die sie selbst eingesammelt haben, Aufkäufe mit einem Volumen von dreihundert oder auch vierhundert Millionen Euro zu tätigen. Nach einer Frist von in der Regel fünf bis sechs Jahren stoßen die Finanzinvestoren die von ihnen übernommenen Firmen dann entweder als Ganzes oder in Einzelteile zerlegt, wieder ab. Oder sie versuchen, sie an die Börse zu bringen. Der Wirtschaftssoziologe Professor Klaus Dörre von der Universität Jena, der die Branche immer wieder kritisch untersucht, räumt ein, dass es dabei eine Menge Erfolgsgeschichten gibt – auf den ersten Blick zumindest.

"Das kann bis zu einem gewissen Grade tatsächlich positiv wirken, wenn also Private Equity Fonds einem angeschlagenen Unternehmen kurzfristig ermöglichen, mit Finanzhilfen über die Runden zu kommen."

Firmen wie beispielsweise der Bad-Armaturen-Hersteller Grohe oder auch der Autozulieferer Honsel, bei denen die Übernahme durch Finanzinvestoren Schlagzeilen gemacht hat, waren auch unter den neuen Eigentümern durchaus erfolgreich – mitunter sogar mit höheren Umsätzen und besseren Renditen als früher. Die Vorstellung, dass gekaufte Firmen vernichtet werden, wie sie im Bild von der gefräßigen Heuschrecke steckt, sei irreführend, meint Dörre. Zumal Private-Equity-Firmen in manchen Fällen auch langfristige Minderheitsbeteiligungen kaufen. So hat sich etwa der US-Finanzinvestor Blackstone 4,5 Prozent der Aktien der Telekom gekauft und ist dort damit - nach dem deutschen Staat - zweitgrößter Einzelaktionär. Der Wirtschaftssoziologe Dörre sieht das Hauptproblem woanders. Wenn die Private-Equity-Branche Jahresrenditen von 10 oder 15 Prozent verspreche, dann liege das weit über dem, was ein normaler Betrieb leisten könne, stellt er fest.

"Wenn Sie sich vor Augen führen, dass Sie glücklich sein müssen, wenn Sie in einem Betrieb, in einem Unternehmen flächendeckend eine Steigerung der Arbeitsproduktivität um ein, zwei Prozent im Jahr haben, und sich dann mit solchen Renditeansprüchen konfrontiert sehen, dann wird Ihnen vor Augen geführt, dass Ihnen seitens dieser Anleger Ansprüche an die Realökonomie generiert werden, die diese letztendlich gar nicht erfüllen kann."

Sprich: Wenn die Finanzinvestoren Renditen erzielen wollen, die allein durch Umsatzsteigerung nicht realisierbar sind, dann muss das Geld woanders herkommen. Was das in der Praxis bedeutet, dazu hat Roland Krollikowsky Erfahrungen gesammelt. Als Betriebsrat beim Autozulieferer Honsel hatte er in den vergangenen Jahren mit drei verschiedenen Finanzinvestoren zu tun. Und die Begegnungen seien nicht immer angenehm gewesen, erzählt er:

"Deswegen ist es ja auch so schwierig, weil man davon ausgehen kann, die haben kein strategisches Konzept. Außer dass man Geld macht."

Eines der Konzepte, um Geld zu machen, wie Roland Krollikowsky es nennt, besteht darin, die Arbeitskosten zu senken. Bei Honsel musste sich der Betriebsrats-Chef von den Eigentümern aus der Private-Equity-Branche dazu auch schon mal Kommentare wie diesen anhören:

"Dass man sagte, um mal so einen Spruch zu nehmen, dann müssen halt die Arbeitnehmer mal ein Jahr lang nur Sauerkraut mit irgendwas essen, oder so. Also da kommt auch ne bestimmte Haltung gegenüber Arbeitnehmern zum Vorschein."

Allzu grobe Einbußen hätten die Beschäftigten bei Honsel abgewehrt, sagt Krollikowsky – allerdings haben sie vor zwei Jahren einem Gehaltsverzicht in Höhe von 4,5 Prozent zugestimmt. Und Professor Klaus Dörre von der Uni Jena hält Honsel für keinen Einzelfall.

"Es entsteht ein für deutsche Verhältnisse lange Zeit unbekannter Unsicherheitsfaktor. Weil das Management plötzlich unberechenbar wird, weil die Forderungen, die früher an das Management, an die Unternehmensleitung delegiert wurden, jetzt gewissermaßen von Investoren kontrolliert oder bewertet werden, die letztlich keinen Mitbestimmungsregeln unterliegen und es entstehen dann eben immer Befürchtungen. Ob es zu einem Prozess der Filetierung von Unternehmen, von Betrieben kommt, was natürlich immer auch mit Entlassungen verbunden ist, Unsicherheit, ob man den eigenen Job behalten kann, mit der Furcht vor harten Sanierungsschnitten und so weiter."

Dörre sitzt auch im Vorstand des "Instituts Solidarische Moderne" – eine Einrichtung, die sich selbst als "Programmwerkstatt" bezeichnet, die "politische Alternativen zum Neoliberalismus" entwickeln will. Das, was er selbst als "Neoliberalismus" bezeichnet, also der Vorrang der Regeln des Marktes gegenüber den Regeln der Politik, sei ungebrochen, meint Dörre. Und er ist überzeugt, dass die Private-Equity-Branche mit ihren ehrgeizigen Renditezielen zum Schrittmacher für die gesamte Wirtschaft geworden sei. Aus den Management-Etagen werden zwar laufend Schlagworte wie "Nachhaltigkeit" und "soziale Verantwortung" verbreitet – doch die innere Logik der meisten Firmen sei inzwischen eine andere.

"Die Rendite ist gewissermaßen das zentrale Planungsziel. Und alle anderen Größen werden mit Blick auf dieses Ziel formuliert. Das ist ein System, das trotz Krise und trotz verbalen Abrückens vieler Unternehmen von der Shareholder-Value-Steuerung überhaupt nicht gebrochen ist. Ich glaube, dass das das eigentliche Kernproblem ist, das weit über das Problem Private-Equity-Fonds hinausgeht."

Dörre mag zwar die Wortwahl nicht, die der SPD-Politiker Franz Müntefering benutzt hat, als er vor sechs Jahren die sogenannte Heuschrecken-Debatte anstieß. Aber er hält es für gut, dass diese Debatte in Gang gekommen ist:

"Und deshalb glaube ich, dass Müntefering schon einen wichtigen Grund getroffen hat. Allerdings macht er die Private Equity Fonds zum Sündenbock und übersieht dabei, dass dieses System – Soziologen würden es Finanzmarktkapitalismus nennen – viel verzweigter ist, viel mehr Akteure kennt, und man kann nicht alle Probleme quasi auf einen Akteur, die Private Equity Fonds, konzentrieren."

Überall, wo heute Geld eingesetzt wird, nicht um damit die Produktion von Waren oder Dienstleistungen zu finanzieren – sondern um einfach nur zusätzlichen Gewinn zu schaffen – überall dort komme es zu den gleichen Problemen, sagt Dörre: Die Finanzkreisläufe befeuern sich selbst. Ein Beispiel dafür seien auch die Anreizsysteme bei der Bezahlung von Managern: Sie profitieren in der Regel selbst ganz wesentlich davon, wenn es ihnen gelingt, Renditen kurzfristig zu steigern. Das zeige sich auch im Auseinanderdriften der Verdienstmöglichkeiten von Spitzenmanagern und anderer Fachkräfte, sagt Dörre.

"Die Tatsache, dass wir vor noch vor etwa 20 Jahren noch ein Verhältnis hatten beim Einkommen Facharbeiter-Topmanager von eins zu 18 und das mittlerweile eins zu 58 beträgt, das ist ein Ausdruck dieser Bereicherungsmentalität, die auf dieser Ebene Einzug gehalten hat - immer mit dem Argument, dass in den USA der Abstand noch größer ist - das ist ein Beispiel, dass dieses Steuerungsinstrument nicht funktioniert."

Mit der Einschätzung, dass sich im Denken der Private-Equity-Branche auch während der Finanzkrise wenig geändert hat, steht der Professor aus Jena nicht alleine da. Auch die Financial Times Deutschland, die den Geschäftsmodellen der Branche grundsätzlich aufgeschlossen gegenübersteht, schrieb kürzlich nach einer Fachtagung:

Private Equity übertreibt schon wieder.

Erneut würden bei Übernahmen Preise gezahlt, die oftmals nicht den Gewinnen der jeweiligen Firma entsprächen, analysierte die Financial Times Deutschland. Eine gewisse Resistenz gegenüber Mahnungen von außen ließ sich auch vor einigen Wochen beobachten, als das "Handelsblatt" zur Fachtagung "Private Equity 2011" nach München eingeladen hatte. Bayerns Finanzminister Georg Fahrenschon, der als Gastredner auftrat, warb bei seinen Zuhörern für etwas mehr Nachdenklichkeit. Auch die Manager von Private-Equity-Firmen müssten sich überlegen, welche Rolle sie in der Gesellschaft spielen wollen:

"Die Branche muss sich klar sein, dass sie, wenn sie es quasi als Ritterschlag versteht, in den Festzelten und Großveranstaltungen der politischen Parteien als Raubtiere oder im Grunde gefräßige Insekten abqualifiziert zu werden, dass das ein verheerendes Signal ist."

Und der bayerische Finanzminister warnte die Private-Equity-Branche davor, sich davon abzukoppeln, was die Mehrzahl der Bürger vom Wirtschaftssystem erwartet: Nicht nur Gewinnmaximierung, sondern auch sichere Arbeitsplätze und planbare Lebensläufe. Stephan Illenberger vom Finanzinvestor Axa Private Equity kann gar nicht verstehen, warum seiner Branche immer wieder vorgeworfen wird, sie sei nur auf kurzfristige Gewinne aus. Schließlich behalten Private-Equity-Unternehmen die Firmen, die sie kaufen, in der Regel rund fünf Jahre lang, bevor sie sie wieder abstoßen, erklärt er:

"Wenn man eine Haltedauer von durchschnittlich fünf Jahren hat, dann sehe ich das nicht für schnell an. In Deutschland wird das, glaube ich, falsch kommuniziert, insbesondere durch bestimmte Politiker vielleicht."

In der Tat spielen in Deutschland Private-Equity-Firmen immer noch nicht die Rolle wie beispielsweise in Großbritannien, wo ihr Geschäftsvolumen um rund das Dreifache höher liegt. Und amerikanische Finanzinvestoren wie der weltweite Branchenführer BlackRock verwalten Summen, die der Wirtschaftsleistung ganzer Volkswirtschaften entsprechen. Bei BlackRock waren es zuletzt rund zweieinhalb Billionen Euro - das ist ziemlich genau die Summe, die die gesamte deutsche Volkswirtschaft innerhalb eines Jahres als Bruttoinlandsprodukt hervorbringt, mit sämtlichen Firmen und Arbeitnehmern. Der Wirtschaftssoziologe Klaus Dörre sieht bei den großen Finanzinvestoren daher eine gewaltige Verantwortung – und er sieht sie in der Rolle "öffentlicher Institutionen".

"Öffentliche Institutionen brauchen aber auch einen Kollektivwillen, der sie reguliert, und der sie eigentlich auf die lange Frist ausrichtet. Der nicht Wettbewerbsvorteile negiert, aber der sozusagen dieses kurzfristige Reagieren und das Verlagern von Unsicherheit auf die Belegschaften, der dem einen Riegel vorschieben würde."

Dass dieser Kollektivwillen, von dem der Professor von der Uni Jena spricht, in weitreichende politische Maßnahmen mündet, ist derzeit allerdings wenig wahrscheinlich. Die Lockerungen der sogenannten Finanzmarktgesetze, mit denen unter der Regierung von Gerhard Schröder Investoren weit größere Spielräume eingeräumt wurden, stellt derzeit kaum ein Politiker grundlegend infrage. Und auch die sogenannte "Heuschrecken-Debatte", die Franz Müntefering vor sechs Jahren angestoßen hat, ist inzwischen weitgehend im Sand verlaufen:

"Das Grundproblem, was wir haben ist, dass die Entscheidungsebenen, wo sich eigentlich etwas ändern müsste, in der Regel sehr weit vom Alltagsbewusstsein der Bevölkerung weg sind. Das sind derart komplexe Prozesse, im Grunde brauchen Sie internationale Regeln, eigentlich globale Regeln, um die Finanzmärkte und ihre wichtigsten Akteure an die Kandare zu nehmen."

Wenn man mit Vertretern der Private-Equity-Branche redet, hat man allerdings nicht den Eindruck, dass man sich dort von Politikern an die Kandare nehmen lassen will. Im Gegenteil: Stephan Illenberger, der Deutschland-Chef von Axa Private Equity, dreht den Spieß um. Er fordert von der deutschen Politik Erleichterungen, vor allem im Steuerrecht – und zwar schnell, mit hoher Schlagzahl, wie er es nennt:

"Dass die deutsche Politik versteht, dass sie nicht mehr alleine ist, sondern dass sie Teil von Europa geworden. Und ich glaube, im Steuerrecht ist das noch lange nicht angekommen. Und die Schlagzahl muss sich da mindestens verzehnfachen in der Veränderung."

Was eine hohe Schlagzahl in der Veränderung ist, damit hat Roland Krollikowsky seine eigenen Erfahrungen gemacht. Der Betriebsrat des Autozulieferers Honsel muss seinen Kollegen immer wieder aufs Neue erklären, wem die Firma gerade gehört. Nach drei verschiedenen Eigentümer-Gruppen, die Krollikowsky als "Heuschrecken" bezeichnet, und nach einem Insolvenzverfahren, ist der Betriebsrat relativ abgeklärt. Aber wenn er die Möglichkeit hätte, an Politiker oder auch an eine Gruppe von Private-Equity-Managern seine Wünsche zu richten, dann wüsste er, was er fordern würde:

"Meine Forderung in diesem Zusammenhang ist, dass diese Art des Unternehmenskaufs, dass Sie möglicherweise sogar ohne Kapital ein Unternehmen übernehmen können und ohne operatives klares Konzept noch dazu agieren könnten, dass das gesetzlich eingeschränkt werden muss."

Er sei weder weltfremd noch utopisch, betont Krollikowsky. Aber das, was in bestimmten Wirtschaftsbereichen gilt, mit denen viele normale Bürger zu tun haben, das müsste auch beim Aufkauf von Unternehmen durch Private-Equity-Firmen gelten, fordert er:

"Nach meiner Auffassung muss ähnlich wie bei einer seriösen Bankberatung, wenn jemand ein Haus baut, eine Eigenkapitalquote, also eine tatsächliche Eigenkapitalquote von 25 bis 30 Prozent auf jeden Fall vorhanden sein. Und zweitens muss meiner Ansicht nach ein industrielles Konzept vorgelegt werden. Diese beiden Dinge sind notwendig, und das gehört meines Erachtens auch geändert."

Große Hoffnungen, dass solche Änderungen in absehbarer Zeit tatsächlich umgesetzt werden, macht sich Krollikowsky allerdings nicht. Die Private-Equity-Branche sei meisterhaft darin, Beschränkungen zu verhindern oder zu umgehen, sagt er.

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