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StartseiteKalenderblattGeschichten aus der sozialen Realität Indiens23.04.2012

Geschichten aus der sozialen Realität Indiens

Vor 20 Jahren verstarb der indische Filmregisseur Satyajit Ray

Eine Filmausbildung hat Satyajit Ray nie genossen. Dennoch wurde er der bekannteste Regisseur Indiens. Als Autodidakt arbeitete er hinter der Kamera, als Cutter, Drehbuchautor, Regisseur und sogar seine Filmmusiken komponierte er später selbst. Am 23. April 1992 verstarb er an einem Herzleiden

Von Regina Kusch

Der indische Regisseur Satyajit Ray am 27. Juli 1969 am Rande der Berlinale (picture alliance / dpa)
Der indische Regisseur Satyajit Ray am 27. Juli 1969 am Rande der Berlinale (picture alliance / dpa)

"Das Kino von Ray nicht gesehen zu haben, heißt, in der Welt zu sein, ohne die Sonne oder den Mond zu sehen."

Der japanische Regisseur Akira Kurosawa bewunderte Satyajit Rays Filme. Und Martin Scorsese schwärmte:

"Rays Magie, die einfache Poesie seiner Bilder und ihre emotionale Wirkung werden immer bei mir sein."

Als Satyajit Ray am 23. April 1992 mit 70 Jahren an Herzversagen starb, verlor Indien seinen bedeutendsten Regisseur. In über 30 Filmen hatte er der Welt Geschichten aus der sozialen Realität seiner Heimat erzählt. Mit allen bedeutenden Preisen ausgezeichnet, hatte er noch kurz vor seinem Tod auf dem Krankenbett einen Ehren-Oscar für sein Gesamtwerk entgegengenommen. Der Filmhistoriker Ulrich Gregor sieht in ihm den Begründer des indischen Neorealismus:

"Er hat ein Formbewusstsein und ein Erzähltalent und ein visuelles Darstellungstalent. Und das wird in einen so schönen, kontrollierten und ausbalancierten Zusammenhang gebracht, dass seine Filme einfach große Kunstwerke sind."

Satyajit Ray stammte aus einer künstlerisch interessierten Bürgerfamilie, die mit dem indischen Dichter Tagore befreundet war. Der ermöglichte ihm ein Kunststudium an seiner Universität in Kalkutta. Obwohl schon als Junge filmbegeistert, studierte Satyajit Ray danach noch Grafik und arbeitete in einer britischen Werbefirma, für die er Kindergeschichten schrieb und malte.

"Ich wurde in der Garparstraße geboren, lebte quasi mitten in einer Druckerei, die mein Großvater begründet hatte. Die lebendigste Erinnerung, die ich habe, ist die der Druckerpresse. Ich hatte immer meine Zeichnungen bei mir und die hab ich den Arbeitern gezeigt und sie gebeten, das zu drucken, und sie sagten immer: Ja, klar, das kommt nächsten Monat raus. Das und der Geruch von Terpentin, das ist meine hauptsächliche Erinnerung. Als ich später in der Werbung arbeitete und das wieder roch, da waren sofort alle Erinnerungen wieder da."

1950 wurde Ray Assistent von Jean Renoir, der ihn zu seinem ersten eigenen Film ermutigte: "Pather Panchali", "Das Klagelied der Straße".

Ray verfilmte darin eine populäre bengalische Literaturvorlage: Die Geschichte des Jungen Apu, der erlebt, wie sein Vater in die Stadt zieht, um dort den Lebensunterhalt für Frau und Kinder zu verdienen. Als er seine Familie endlich nachholen kann, ist die Schwester Apus an einer Lungenentzündung gestorben. Angeregt durch Vittorio de Sicas "Fahrraddiebe" drehte er mit Laiendarstellern einen unaufgeregten Schwarz-Weiß-Film, mit langen Einstellungen und Musik von Ravi Shankar. Vier Jahre dauerten die Dreharbeiten. Niemand wollte das Projekt finanzieren.

"Ich musste also Produzenten abklappern, um sie für die Geschichte zu interessieren und das Geld für den Film aufzubringen. Also zeichnete ich den Film Bild für Bild und während ich ihnen den Film erzählte, zeigte ich ihnen meine Schwarz-Weiß-Skizzen. Mehr hatte ich dann auch bei den Dreharbeiten nicht."

Die bengalische Regierung hatte Gelder aus dem Straßenbauprogramm zugeschossen, in der Hoffnung, so für die Entwicklung ihrer Dörfer zu werben. Sie war jedoch von Rays Film keineswegs begeistert, weil er zuviel Elend zeigte. Aber die internationale Filmszene hatte den Regisseur entdeckt. Man reichte ihn von Festival zu Festival, erinnert sich Ulrich Gregor:

"Die ersten Filme von Satyajit Ray, das waren Pather Panchali und Aparajitu. Der eine Film lief in Cannes, der andere in Venedig und da war man schon sehr, sehr stark beeindruckt. Erstmal war das ein neuer Regisseur, man konnte ihn nicht sofort einordnen in eine große Perspektive oder eine große Geschichte, aber es war nach kurzer Zeit schon evident, dass hier ein doch sehr interessantes, großes Talent hervortrat."

Die Traumfabrik Bollywood lehnte Ray als seicht und charakterlos ab. Seine Helden erlebten Hungersnöte und Kolonialismus oder lehnten sich auf gegen die Unterdrückung der Frauen auf.

Nach seinem Tod rief die bengalische Regierung für Satyajit Ray einen Staatstrauertag aus.

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