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Startseite@mediasres"Die Medienhäuser müssen nach Facebooks Pfeife tanzen"22.10.2018

Geschönte Video-Statistiken"Die Medienhäuser müssen nach Facebooks Pfeife tanzen"

Facebook habe Verlagen und Rundfunkanstalten gegenüber keine Mitteilungspflicht, stellte der Journalist Martin Fehrensen im Dlf klar. Deswegen erfuhren die erst spät davon, dass ihre Videos gar nicht so häufig geklickt wurden wie gedacht - nachdem sie schon massiv in Bewegtbild investiert hatten.

Martin Fehrensen im Gespräch mit Sebastian Wellendorf

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Das Logo des sozialen Netzwerks Facebook ist auf dem Display eines Smartphones zu sehen. Im Hintergrund wird auf einem Bildschirm ein das Zeichen für "Gefällt mir" (Daumen hoch) angezeigt. (picture alliance / Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa)
2016 behauptete Facebook, dass Nutzer vor allem Videos anklicken würden. Viele Medienhäuser setzten daraufhin vermehrt auf Bewegtbild. (picture alliance / Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa)
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Sebastian Wellendorf:  Wie war das noch? Texte lesen ist von gestern. Die mediale Zukunft besteht eigentlich nur noch aus Video und Audio. Verlagshäuser und Rundfunkanstalten richten ihren Fokus neu aus, alles muss sich bewegen, weil Video einfach besser ankommt bei den Nutzern. Sagt eigentlich wer? Sagt Facebook und begründete das mit der Sehdauer von Videos auf seiner Plattform. Das Problem dabei: Diese Statistik von 2016 war falsch, was nicht nur die ganze Thematik "Videos sind die neuen Texte" ins Wanken geraten lässt, sondern besonders die Werbeindustrie verärgerte, denn die hatte auf Grundlage eben dieser Statistik in den Videomarkt bei Facebook investiert. Und jetzt werfen einige Werbepartner dem Unternehmen vor, dass Facebook versucht hat, den Fehler zu vertuschen. Ich habe mit dem Kollegen Martin Fehrensen gesprochen, der sich unter anderem auf seinem Social Media Watchblog mit dem Thema befasst hat. Ich habe ihn gefragt, was genau falsch war an den Daten von Facebook.

Martin Fehrensen: 2016 stand Facebook massiv in der Kritik, weil herauskam, dass die durchschnittliche Sehdauer für Videos viel zu hoch angesetzt war. Um bis zu 60 bis 80 Prozent hatte Facebook sich da anscheinend verrechnet. Jetzt ist herausgekommen, dass diese 60 bis 80 Prozent noch recht konservativ gerechnet waren. Das waren teilweise wohl sogar bis um 900 Prozent, und zudem hatte Facebook tatsächlich diese Statistiken eben nicht nur falsch berechnet, sondern über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr weiter verwendet, obwohl sie bereits darüber informiert waren, dass diese Statistiken ja wirklich regelrecht aufgebläht waren.

Wellendorf: Das heißt, man wusste bei Facebook schon lange Bescheid, bevor man überhaupt was der Öffentlichkeit darüber sagte?

Fehrensen: So sieht es zumindest laut dieser Klageschrift aus. Facebook ist, glaube ich, sehr gut darin, Stillschweigen zu bewahren, wenn Dinge nicht ganz so funktionieren, wie man sich das vorgestellt hat. Sie haben in diesem Fall sozusagen den Medienhäusern, die diese Statistiken nutzen, um eben daraus Schlüsse zu ziehen für die eigene redaktionelle Arbeit, ja keine Mitteilungspflicht in dem Sinne, wie sie das Aktionären gegenüber haben, und weil erst mal kein absehbarer wirtschaftlicher Schaden entstanden ist, ist eben diese Mitteilung nicht erfolgt.

"Zahlreiche Verlage haben darauf gesetzt, dass Video ein attraktives Geschäft für sie ist"

Wellendorf: Sprechen wir über die Medienhäuser. Welche Auswirkung hat das nun? Ich denke auch an die Medienhäuser, zum Beispiel auch die ARD, die online zumindest teilweise und einige Zeit lang versucht haben, massiv Videos zu pushen. Was bedeutet diese falsche Statistik?

Fehrensen: Also prinzipiell verhält es sich so, dass Facebook die Regeln setzt. Sie setzen sozusagen die Spielregeln, die Standards mit Blick darauf, welche Inhalte auf der Plattform gerade gut funktionieren, das heißt, welche Inhalte in welcher Art und Weise an die Nutzer weitergereicht werden. Und Facebook hat da sozusagen immer den Hebel in der Hand und ist in der Lage zu diktieren, welche Formate, welche Inhalte beim Nutzer landen sollen. Nun haben wir erlebt, dass mit Blick auf Videos zahlreiche Verlage tatsächlich ebenfalls dann darauf gesetzt haben, dass Video vermeintlich ein attraktives Geschäft für sie ist und sie wirklich hingegangen sind und regelrecht neue Abteilungen aufgebaut haben, teilweise zulasten von Printkollegen, neue Videoteams installiert haben, die sozusagen so teilweise in den Verlagen vorher gar nicht existiert haben, um dann leider festzustellen, oh, die Statistiken, die Facebook den Häusern an die Hand gegeben hat, die waren tatsächlich aufgebläht, übertrieben und mussten zurückrudern, die Videoteams wieder abbauen und haben teilweise bis heute sozusagen darunter zu leiden, weil eben Strukturen umgebaut worden, Printkollegen entlassen wurden und man das nicht mehr wieder aufgefangen bekommen hat.

Facebook will ein großes Stück Kuchen vom TV-Werbemarkt

Wellendorf: Aus Ihrer Sicht, ist man da schon wieder auf einem Normallevel angekommen?

Fehrensen: Das kommt ein bisschen darauf an, welcher Statistik man glauben möchte. Also Facebook wird weiterhin alles daran setzen, sich als soziales Netzwerk zu gerieren, auf dem man Videoinhalte noch und nöcher erleben kann. Das hat den Hintergrund, dass Facebook natürlich permanent versuchen muss, weiter zu wachsen, und gerade der TV-Werbemarkt ist sozusagen ein Markt, der eben noch nicht so massiv angegangen wurde seitens der sozialen Netzwerke, und da will man versuchen, eben ein riesengroßes Stück vom Kuchen ebenfalls abzuhaben. Deswegen wird Facebook weiterhin versuchen, den Nutzern zu suggerieren, hier kann man ganz viel Videos erleben, und dementsprechend werden Medienhäuser auch weiterhin in diesem Feld aktiv bleiben. Gleichwohl gibt es aber auch Hinweise von Statistikinstituten et cetera, die sagen, ja, die Leute mögen es schon ganz gern, Videoinhalte auf dem Smartphone zu konsumieren, aber doch in aller Regel tatsächlich sehr, sehr kurze Inhalte, und wenn es dann um lange Inhalte geht, um längere Inhalte, um Dokumentationen, Serien, Filme, Live-Events et cetera, dann nutzen die allermeisten dann tatsächlich doch lieber noch den guten alten Fernseher und eben dann tatsächlich kein soziales Netzwerk, was diese Inhalte bereitstellt, sondern eher Mediatheken et cetera.

"Am längeren Hebel sitzen die Tech-Unternehmen im Silicon Valley"

Wellendorf: Da haben ja die Medienhäuser, ich sage mal: mal wieder ein Stück weit nach der Pfeife von Facebook getanzt. Aus Ihrer Sicht, sind die Medien da leichtgläubig mit dieser Information umgegangen und Facebook auf den Leim gegangen?

Fehrensen: Wir können immer nur wieder feststellen, am längeren Hebel sitzen tatsächlich die Tech-Unternehmen aus dem Silicon Valley mit ihren Milliarden an Nutzern und eben ihren Ideen, mit welchen Inhalten sie die Nutzer unterhalten wollen, und da sitzen dann die Medienhäuser tatsächlich häufig in der Bredouille und müssen tatsächlich nach der Pfeife von Facebook et cetera tanzen. Das kann auf lange Sicht nicht gut gehen, und ich glaube, wir erleben aktuell auch ein Stück weit einen Kulturwandel, dass die eigenen Häfen doch auch bespielt werden wollen, sprich die eigenen Sendungen, die eigenen Webseiten et cetera wieder einen größeren Stellenwert bekommen und es eben nicht nur diese Gier danach gibt, in den sozialen Netzwerken aktiv und populär zu sein.

Wellendorf: Und damit vielleicht auch ein Stück weit ein wenig unabhängiger von Facebook und Konsorten zu werden. Danke schön! Der Journalist und Blogger Martin Fehrensen über die Frage, welche Auswirkungen die falschen Videoabrufzahlen für die Medienbranche haben kann.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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