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StartseiteThemaWie das Kükenschreddern beendet werden soll 16.09.2020

Gesetzesänderung zum TierschutzWie das Kükenschreddern beendet werden soll

In Deutschland werden jährlich 45 Millionen männliche Küken in der Legehennenzucht getötet, weil sie keine Eier legen und weniger Fleisch ansetzen als Masthühner. Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner will nun ein gesetzliches Verbot für das Töten - denn es gibt Alternativen. Ein Überblick.

Viele Küken dicht gedrängt (picture alliance / Eky Chan)
Kükenschreddern wird kritisiert (picture alliance / Eky Chan)
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In der modernen Geflügelzucht gibt es zwei Zuchtziele: die Gewinnung von Eiern und Fleisch. Die jeweiligen Tiere werden speziell gezüchtet. Weil die für die Eierproduktion gezüchteteten Rassen nicht so viel Fleisch ansetzen wie die Masthühner zur Fleischerzeugung, werden männliche Geschwister von Legehennen kurz nach dem Schlüpfen getötet. Sie rentieren sich nicht und werden daher nicht aufgezogen. Nach Angaben des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft BMEL betrifft das jährlich 45 Millionen Tiere.

Das Bundesverwaltungsgericht hatte 2019 entschieden, dass das Kükentöten nur noch für eine Übergangszeit bis zu gut funktionierenden Alternativen Verfahren zulässig ist. "Ethisch ist es nicht vertretbar, diese Praxis muss so schnell wie möglich beendet werden", sagte dagegen Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner. Sie will das massenhafte Töten ab Januar 2022 verbieten und legte nun einen Entwurf für eine Änderung im Tierschutzgesetz vor. In einem zweiten Schritt soll ab Januar 2024 auch das Töten von Hühner-Embryonen im Ei nach dem 6. Bruttag verboten werden. Mit acht Millionen Euro fördert das BMEL nach eigenen Angaben zudem mehrere Initiativen und Verfahren, die das Töten überflüssig machen sollen.

Welche Alternativen zum Kükentöten gibt es?

Zwei Alternativen sind bereits auf dem Markt: die "Brudermast" und das "Zweinutzungshuhn". Noch nicht flächendeckend auf dem Markt ist das Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Brut-Ei, es ist aber marktreif.

1: Geschlechtsbestimmung im Brut-Ei

Hier kann schon weit vor dem Schlüpfen das Geschlecht des Embryos im Ei bestimmt werden. Die Eier, in denen sich männliche Küken entwickeln, werden nicht weiter bebrütet und können als hochwertiges Protein, Futtermittel oder für die Industrie verwertet werden. 

Spektroskopisches Verfahren

Bei dieser Methode werden die Eier mit einem Laser geöffnet. Das Innere der Eier bleibt unbeschädigt. Ein Spektroskop erzeugt einen Lichtstrahl. Nun kann  aufgrund der Unterschiede des Erbmaterials in den roten Blutkörperchen innerhalb von Sekunden das Geschlecht ermittelt werden. 

Mehrere Eier liegen in einer Sortieranlage, eines wird beleuchtet (picture alliance / Matthias Rietschel/dpa-Zentralbild/dpa)Versuchsaufbau zur Geschlechtsbestimmung am geschlossenen Ei in einem Labor (picture alliance / Matthias Rietschel/dpa-Zentralbild/dpa)

Endokrinoliogisches Verfahren

Am 9. Bruttag wird durch einen kleinen Einstich im Ei ein Tropfen Harn aus der Flüssigkeit entnommen, die den Embryo umgibt. In der Flüssigkeit kann man durch ein biotechnologischen Nachweisverfahren das Geschlecht des Kükens erkennen. "Das Seleggt-Verfahren funktioniert auf der Analyse bestimmter geschlechtsspezifischer Hormone im Brutei", erklärte Ludger Breloh von der Firma "Seleggt" im Dlf.

2. Bruderhahn-Mast

Männliche Küken von Legelinien werden nicht getötet, sondern aufgezogen. Hähne aus der Brüdermast werden bereits in der ökologischen Landwirtschaft eingesetzt.

3. Zweinutzungshuhn

Einen Kompromiss zur Brudermast stellt das Zweinutzungshuhn dar: eine Hühnerrasse, die sowohl Eier als auch Fleisch liefern soll. Die weiblichen Hühner werden zur Eierproduktion genutzt, die männlichen gemästet. Zweinutzungshühner beliefern vorwiegend den ökologischen Markt.

Was sind Vor- und Nachteile der Alternativen?

Zweinutzungshuhn

Pro: Aus Sicht von Tierschützern ist die Haltung von Zweinutzungshühnern die beste Lösung zur Beendigung des Kükentötens. Es werden alle Eier ausgebrütet und man gewinnt sowohl Eier als auch Fleisch. 

Kontra: Die Haltung von Zweinutzungshühnern erfordert ein neuartiges Haltungssystem: eben sowohl für Mast- als auch für Legehühner. Außerdem setzen Hähne dieser Rasse zwar mehr Fleisch an, wachsen aber langsamer und haben einen kleineren Brustmuskel. Hennen liefern weniger und teilweise kleinere Eier. Die Produktion von Fleisch und Eiern ist dadurch teurer. Aktuell gebe es noch keine Linien, die sich unter ökonomischen Gesichtspunkten für den breiten Einsatz für die Mast und die Eigenproduktioen eigenen würden, heißt es in einem Forschungsprojekt der Tierärztlichen Hochschule Hannover in Zusammenarbeit mit dem BMEL. 

Viele weiße Hühner mit roten Kamm und Kehllappen in der Nahaufnahme. (picture alliance / Sonja von Brethorst) (picture alliance / Sonja von Brethorst)"Zweinutzungshuhn": Züchten statt Schreddern
Pro Jahr werden Millionen männlicher Küken geschreddert. Ihre Aufzucht rechnet sich nicht in der Geflügelproduktion. Die Tierärztliche Hochschule Hannover hat das "Zweinutzungshuhn" vorgestellt.

Bruderhahn-Mast

Pro: Auch bei der Alternative des Bruderhahns werden alle Eier ausgebrütet. 

Kontra: Weil Hähne aus Legelinien weniger Fleisch ansetzen, rentiert sich ihre Aufzucht nicht, wenn Kunden nicht bereit sind, einen höheren Preis für das Fleisch oder die Eier zu zahlen. Bioverbände und Tierschützer kritisieren bei der Bruderhahn-Mast, dass weiterhin die Zucht von Hochleistungsrassen bei den Legehennen gefördert werde. Auch aus ökologischer Sicht sei das Zweinutzungshuhn die bessere Alternative: Der Futter- und damit der Ressourcenverbrauch ist sehr groß, auch CO2-Emissionen sind höher als bei Mastrassen. 

Geschlechtsbestimmung im Brut-Ei

Pro: Die männlichen Küken werden nach der Geschlechtsbestimmung im Brut-Ei als Embryo vor dem Schlüpfen aussortiert und getötet - nicht als Eintagsküken.

Kontra: Das Verfahren setze zu einem Zeitpunkt während der Brut ein, zu dem das Küken im Ei schon Schmerzen empfinden könne. So mache es keinen Unterschied macht, ob man es vor oder nach dem Schlüpfen töte, kritisieren der Deutsche Tierschutzbund und Ökoverbände wie Demeter.

Was will der Handel?

Der Handel will den schnellen Ausstieg aus der gängigen Praxis. Discounter wie Aldi üben massiv Druck auf die Geflügelindustrie auf, versprechen in Werbekampagnen, das Kükentöten bis Ende 2022 zu beenden. Die Rewe-Gruppe bietet bereits Eier aus dem Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Brut-Ei an. Die Bioverbände Bioland, Demeter oder Biokreis plädieren langfristig für das Zweinutzungshuhn. 

Ein männliches Küken in der veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig: Veterinärmediziner der Universität Leipzig forschen intensiv an einer Alternative zur massenhaften Tötung männlicher Küken (dpa-Zentralbild / Peter Endig) (dpa-Zentralbild / Peter Endig)Kükentöten beenden: Auch der Handel will baldige Lösungen
Von Discounter-Seite verstärkt sich der Druck auf die Geflügelbranche: Aldi engagiert sich mit einer Werbekampagne gegen Kükentöten, Penny hat bereits "saubere" Eier im Sortiment. 

Was will die Geflügelwirtschaft? 

Die Geflügelbranche sieht das geplante Verbot skeptisch. Friedrich-Otto Ripke, Präsident des Zentralverbandes der Geflügelwirtschaft, gibt zu bedenken, dass das Gesetz die Probleme nicht löse. Das Verfahren zur Geschlechtsbetimmung im Ei bringe nicht die nötige Leistung für die Branche. Er fordert eine Übergangszeit bis Ende 2023. Ein schnelles Verbot würde die Probleme ins Ausland verlagern. "Wir wollen auch das Zwei-Nutzungs-Huhn weiter verfolgen. Es wird auch züchterisch weiter bearbeitet. Aber da ist auch der Markt natürlich gefordert und auch die Verbraucher, die das Fleisch der Bruderhähne nur in geringen Mengen bisher kaufen." 

Ein wenige Stunden altes Küken sitzt im Brutkasten zwischen anderen und noch nicht geschlüpften Küken. (dpa/Waltraud Grubitzsch) (dpa/Waltraud Grubitzsch)ZDG-Präsident Ripke: "Wir haben zwei Verfahren zur Wahl"
Die alternativen Verfahren, die das Töten von Küken verhindern könnten, seien noch nicht praxisreif, sagte der Präsident der Zentralverbands der Deutschen Geflügelwirtschaft, Friedrich-Otto Ripke. 

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