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StartseiteCampus & KarriereGeste der Versöhnung11.02.2005

Geste der Versöhnung

Berliner Studenten radeln von Sachsenhausen nach Israel

<strong>Dass Geschichts-Aufarbeitung auch anders geht als durch Gedenkveranstaltungen, und zwar wesentlich aufregender, das haben nun drei Studenten gezeigt: Sie fuhren in den vergangenen Semesterferien mit dem Fahrrad vom ehemaligen KZ Sachsenhausen aus nach Israel. Jetzt halten sie Dia-Vorträge über ihre Reise.</strong>

Von Jens Rosbach

Das  Konzentrationslager Sachsenhausen (AP)
Das Konzentrationslager Sachsenhausen (AP)
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In Israel war es ein Medienereignis. Ich war förmlich erschlagen davon. Als wir angekommen sind - vor uns war ein Blitzlichtgewitter und wir waren im israelischen Frühstücksfernsehen. Und die Leute haben uns manchmal auf der Straße angesprochen und haben gefragt: Ihr seid die, die aus Deutschland gekommen sind? Also die haben uns erkannt auf der Straße! Die Leute haben mir angeboten bei sich zu Hause übernachten du es war eine unglaublich beeindruckende Erfahrung.

Wie kommt ein 25jähriger Berliner Student wie der Alexander Laesicke dazu, in den Semesterferien in den Nahen Osten zu radeln - 5500 Kilometer weit, bis nach Jerusalem?

Zunächst muss man wissen, dass ich in Oranienburg aufgewachsen bin und Oranienburg ist bekannt vor allem auch für sein Konzentrationslager Sachsenhausen. Und das ist unmittelbar neben meinem zu Hause gewesen, ein Kilometer davon entfernt. Es war also ständig ein Begleiter in meinem Alltag.

Und dann, berichtet Jaesicke, sei er in Brandenburg zum Teil mit Typen aufgewachsen, die wirklich "ein Rad ab hatten".

Damals war es schon so, dass gewisse Stadtteile und gewisse Schulen völlig unter der Kontrolle von Neonazis waren, dass es sogar schon provokant war, wenn man nicht mit einer Bomberjacke rumgerannt ist.

Die Idee des Hobbyradlers deshalb: Einen Original-Stein aus dem Konzentrationslager nach Israel zu bringen. Als Zeichen der Versöhnung.

Es ist ein Symbol, Leute brauchen etwas, das sie anfassen können, was man sehen kann, das macht's irgendwie greifbarer.

Und los ging's, zusammen mit zwei weiteren Studenten.

Wir hatten insgesamt 20 Reifenplatzer, wirklich schlimm wurde es kurz vor Istanbul, also als wir gerade in die Türkei gekommen sind. Da hatten wir innerhalb von drei Tagen zehn Reifenplatzer. das war wirklich frustrierend. Also das war einer der Momente, wo ich ein bisschen gezweifelt habe, ob es funktionieren könnte.

Pannen, Sonnenbrand, Muskelkater und Durchfall – dennoch: nichts konnte die drei aus dem Tritt bringen. Jeden Tag fuhren sie 100 Kilometer Richtung Süden – über Prag, Budapest, Istanbul, Damaskus und Amman. Häufig wurden die Abenteurer von wildfremden Menschen eingeladen; in Syrien bewirtete sie sogar ein Scheich.

Zum Beispiel war es auch so gewesen, dass wir als Deutsche sehr schnell fertig waren mit dem Essen. Wir hatten Hunger, haben wirklich gefressen, als Radfahrer sowieso und dann waren wir aber auch satt. Und auf einmal haben alle Männer um uns herum auch aufgehört zu essen. Und dann haben sie uns erklärt, dass es so Sitte ist, dass, wenn der Gast aufhört, dass dann alle Anwesenden auch aufhören zu essen. Dann haben wir weiter gegessen und uns noch was reingequält.

Dann, an der jordanisch-israelischen Grenze, wurde es plötzlich kritisch. Die Radler hatten sich verspätet, die Israelis warteten schon ungeduldig und verständigten Joel Lion von der israelischen Botschaft in Berlin.

Auf einmal ruf ich an. Und sage: Ja, wo seid ihr jetzt? Ja, wir haben jetzt ein Problem, wir sitzen im jordanischen Knast! Jordanischen Knast? Was habt ihr gemacht? Naja, unabsichtlich in eine Militärzone eingedrungen und wurden dann festgenommen. Ich glaube, die Jordanier haben verstanden, dass sie als Touristen nicht wussten, dass da verboten war, aber die wussten auch nicht, was da anzufangen.

Israels Nachbar lenkte schließlich ein. Der Endspurt nach Jerusalem folgte, zur Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Dort hielten die Deutschen vor laufenden Kameras eine Rede.

Nun schließt sich der Kreis mit uns, ist der Stein aus dem ehemaligen KZ Sachsenhausen in Yad Vashem angekommen.

Also ich kann mich erinnern, dass in Yad Vashem, da haben wir einen Menschen getroffen, einen Juden, und der war seinerzeit in Sachsenhausen inhaftiert. Und der hat geweint. Er hat wirklich von Herzen geweint und hat gesagt, dass er gar nicht mehr richtig schlafen kann und dass er sich so freut, uns kennen zu lernen. Wenn man so was erlebt, das vergisst man auch nicht.

Die Aktion hat sich gelohnt, bilanziert auch die israelische Botschaft. Diplomat Joel Lion ist froh, dass gerade junge Studenten sich mit dem Holocaust beschäftigt haben – auf ihre Weise, ganz sportlich.

Klar, die neue Generation – keiner sagt, dass die junge Generation schuldig ist. Aber es gibt eine deutsche Verantwortung. Und so waren unsere Radfahrer. Ehrliche Leute, die das zeigen wollten. Und das ist immer die Sache: Wenn du ehrlich bist, dann fühlt man das.

Weitere Informationen:

Mit dem Fahrrad vom KZ Sachsenhausen nach Jerusalem

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