
Das deutsche Gesundheitssystem ist sehr teuer. Trotzdem sind die Deutschen nicht gesünder als Menschen in anderen europäischen Ländern, im Gegenteil: Die Lebenserwartung liegt in Deutschland unter dem EU-Durchschnitt. Nach 1975 geborene Erwachsene weisen zudem stärkere gesundheitliche Beeinträchtigungen auf als frühere Generationen.
Vier von zehn Todesfällen sind nach Angaben von Experten auf Rauchen, Alkohol, Bewegungsmangel oder ungesunde Ernährung zurückzuführen. Denn diese vier Bereiche sind zentrale Risikofaktoren für chronische Erkrankungen wie Krebs, Typ-2-Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Was kann die Politik dafür tun, dass die Bürger gesünder leben?
Was ist der Public Health Index?
Wie gut oder schlecht die Präventionspolitik im Gesundheitssektor ist, zeigt der Public Health Index, den der AOK-Bundesverband zusammen mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum erarbeitet hat. Der Index vergleicht 18 Länder aus Zentral- und Nordeuropa in den Bereichen Tabak, Alkohol, ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel miteinander und zeigt, inwieweit die Regierungen wissenschaftlich empfohlene Maßnahmen für eine gesunde Lebensweise umsetzen.
Das Vereinigte Königreich, Finnland und Irland führen die Liste an, gefolgt von Norwegen und Frankreich. Deutschland belegt Platz 17. Nur noch die Schweiz schneidet schlechter ab.
Die führenden Länder machten vieles richtig, lobt AOK-Chefin Carola Reimann - etwa durch Mindeststandards für das Schulessen oder eine höhere Besteuerung gesundheitsschädlicher Lebensmittel.
So ist teilweise in Limonaden in den europäischen Ländern, die eine Zuckersteuer erheben, tatsächlich weniger Zucker enthalten. Die Unterschiede sind signifikant. Die Stiftung Warentest verglich 2019 den Zuckergehalt von Fanta in verschiedenen Ländern miteinander. Das Ergebnis: In Deutschland enthielt ein halber Liter 45,4 Gramm Zucker, in Frankreich waren es 32,5, in Großbritannien nur 23 Gramm.
Auch Litauen (Platz 6 im Public Health Index) ist ein gutes Beispiel für funktionierende Gesundheitspräventionspolitik. Maßnahmen wie die Einschränkung von Verkaufszeiten für Alkohol und eine höhere Besteuerung führten dazu, dass der Alkoholkonsum um rund 15 Prozent zurückging. Als Folge sank dann auch die Anzahl der auf Alkohol zurückzuführenden Todesfälle, sagt Reimann.
Fazit: Sind Tabak, Alkohol und Zucker teurer oder nur eingeschränkt verfügbar, wird weniger geraucht und gesünder gegessen und getrunken. „Bei uns ist vieles jeden Tag überall sehr preiswert vorhanden - und das bedeutet auch mehr Konsum“, bemängelt Reimann.
Die Gründe für zu wenig Prävention
Kassen-Chefin Reimann sieht drei Gründe dafür, warum die Prävention in Deutschland verbesserungswürdig ist: mangelnder politischer Wille, eine starke Lobbyarbeit der Industrie und die unzureichende Berücksichtigung wissenschaftlicher Erkenntnisse.
Laut der Studie bleibt zum Beispiel die Tabakpolitik in Deutschland in zentralen Bereichen hinter den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO zurück: “Die Tabaksteuer liegt unter dem von der WHO empfohlenen Niveau, Werbung ist am Verkaufsort weiterhin erlaubt und in vielen Bundesländern bestehen Ausnahmen beim Nichtraucherschutz.”
Auch die Alkoholpolitik kommt in der Untersuchung nicht gut weg und wird zu den “größten Schwachstellen” gezählt: “Besonders deutlich wird das Defizit bei drei zentralen Hebeln: der Besteuerung, der Verfügbarkeit und der Werbung.” Allein bei der Bewegungsförderung belegt Deutschland einen mittleren Platz im Ranking.
Die Bundesregierung setzt derweil beim Thema Prävention andere Schwerpunkte. Auf einem Kongress im Sommer 2025 benannte Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) nach einem Bericht des Ärzteblattes mehrere Maßnahmen, mit denen sie die Prävention in Deutschland stärken will. Dazu gehört demnach eine Verbesserung der Zusammenarbeit der Akteure im Gesundheitswesen und der Ausbau der betrieblichen Gesundheitsförderung. Auch die Gesundheitskompetenz der Bürger soll verbessert werden.
Warum eine präventive Gesundheitspolitik wichtig ist
Folge von zu wenig Prävention ist nicht nur Krankheit und persönliches Leid, sondern auch ein hoher volkswirtschaftlicher Schaden. Allein der Tabakkonsum verursache rund 97 Milliarden Euro volkswirtschaftliche Kosten jährlich, sagt Reimann. Bei Adipositas seien es 63 Milliarden, und bei Alkohol 57 Milliarden Euro.
Doch nicht jeder ist von höheren Steuern auf Zucker, Tabak und Alkohol, von Verboten oder anderen Regelungen überzeugt. Die Gegner einer solchen Politik argumentieren mit der individuellen Freiheit des Einzelnen, die nicht eingeschränkt werden dürfe. Reimann kann das nicht nachvollziehen. „Wenn man sich unsere europäischen Nachbarn anguckt, kann man sehen, dass wirtschaftsfreundliche, liberale Demokratien vorangehen“, sagt sie.
Mit ihrem Urteil über die dürftige Prävention im Gesundheitsbereich steht Reimann nicht allein da. Auch Hajo Zeeb, Epidemiologe am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen, fordert mehr vorbeugende Gesundheitspolitik. Statt Krankheiten zu verhindern, konzentriere sich das System zu sehr auf deren Behandlung, kritisiert er.
Das Problem mit Präventionsmaßnahmen ist allerdings: Sie wirken nicht kurzfristig. Positive Ergebnisse sieht man oft erst Jahre später. Ende Dezember 2025 teilte das Bundesfinanzministerium mit, es sehe keine Grundlage für eine Zuckersteuer. Diese stehe nicht im Koalitionsvertrag.
Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) hatte zuvor dafür plädiert, sie einzuführen. Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) sagte dazu der „Rheinischen Post“, man habe bei Zucker, Fett und Salz in Fertigprodukten eine freiwillige Reduktionsstrategie mit der Lebensmittelwirtschaft vereinbart.
nba










