Krankschreibungen
Was die Zahlen hergeben und was nicht

Bundeskanzler Friedrich Merz hat gesagt, Arbeitnehmer in Deutschland melden sich zu häufig krank. Der Krankenstand steigt. Die telefonische Krankschreibung wird als ein Grund genannt. Tatsächlich sind es aber andere.

    Eine junge Frau liegt auf dem Sofa mit einer Decke
    Missbrauchen Arbeitnehmer die telefonische Krankschreibung und melden sich zu häufig krank? Union und Arbeitgeber sehen da ein Problem. (picture alliance / Zoonar / Dasha Petrenko)
    Wir überprüfen regelmäßig Behauptungen, die im Internet viel diskutiert werden. Was stimmt, was nicht - und welche Aspekte fehlen in der Diskussion?

    Inhalt

    Das wird behauptet

    Bundeskanzler Friedrich Merz ist der Ansicht, deutsche Arbeitnehmer würden sich zu oft krankmelden. Die Beschäftigten in Deutschland kämen im Schnitt auf 14,5 Krankentage, also fast drei Wochen, so Merz.
    Union und Arbeitgeberverbände fordern schon länger das Ende der telefonischen Krankschreibung. Der bayrische Ministerpräsident Markus Söder sagte zuletzt, die Abschaffung sei ein wichtiger Ansatz, um das “Blaumachen zu reduzieren”. CDU-Gesundheitsministerin Nina Warken will nun die telefonische Krankschreibung überprüfen und Missbrauch ausschließen. 
    Die telefonische Krankschreibung wurde 2021 während der Coronapandemie zvorübergehend eingeführt, um Ansteckungen zu reduzieren. Seit 2023 gilt sie dauerhaft.
    Aber: Wird die telefonische Krankschreibung tatsächlich missbraucht?

    Was stimmt

    Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts waren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland im Jahr 2024 durchschnittlich sogar 14,8 Arbeitstage krankgemeldet – ein Anstieg um 3,6 Tage gegenüber 2021.
    Einige Krankenkassen sprechen sogar von etwa 20 Krankentagen pro versicherter Person und Jahr. Insgesamt ist der Krankenstand in den vergangenen Jahren angestiegen.

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    Was nicht stimmt

    Die telefonische Krankschreibung spielt zahlenmäßig eine geringe Rolle: Ihr Anteil an allen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen liegt bei rund einem Prozent, so eine Statistik des Zentralinstituts der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.
    Die Zunahme der Krankmeldungen hängt nach Einschätzung des Bundesamts stattdessen auch mit der Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) zusammen.
    Seit Anfang 2022 übermitteln Praxen die Bescheinigung direkt an die Krankenkassen. Dadurch werden Krankenstände vollständiger erfasst – besonders, weil auch kurze Arbeitsunfähigkeiten häufiger gemeldet werden.

    Was nicht berücksichtigt wurde

    Die Ursachen für Arbeitsunfähigkeit sind vielfältig. Der Anstieg der Krankmeldungen lässt sich daher nicht allein auf das Verfahren der Krankschreibung zurückführen.
    So nimmt etwa die Zahl psychischer Erkrankungen zu: Im Jahr 2025 stieg sie um 6,9 Prozent. Psychische Erkrankungen führen besonders häufig zu langen Ausfallzeiten – im Schnitt dauert jede Krankmeldung über fünf Wochen, länger als bei jeder anderen Krankheitsgruppe, wie eine Studie der Betriebskrankenkassen (BKK) zeigt.
    Eine weitere Ursache für zusätzliche Fehltage sind Atemwegserkrankungen wie Schnupfen, Husten oder andere Infekte. Sie verursachten im Jahr 2025 laut einer DAK-Studie 378 Fehltage je 100 Versicherte.

    Gut zu wissen

    Analysen deuten darauf hin, dass sich der Krankenstand auf hohem Niveau stabilisiert. Fachleute fordern daher, Ursachen besser zu erforschen und gezielte Maßnahmen zu ergreifen – etwa betriebliche Gesundheitsprogramme mit präventiven Angeboten, die psychischen Erkrankungen vorbeugen.
    Auch eine Teilkrankschreibung könnte den Krankenstand senken: Eine erkältete Person könnte so beispielsweise einige Stunden im Homeoffice arbeiten.