
„Gesundheit und Wohlergehen sind unser wichtigstes Gut“, sagt Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU). Doch ihre Diagnose bezüglich des Gesundheitssystems klang am Beginn ihrer Amtszeit niederschmetternd: Es gebe ineffiziente Strukturen, fehlende Nachhaltigkeit bei der Finanzierung, Fachkräftemangel, zu wenig Digitalisierung und ein Übermaß an Bürokratie.
Die finanzielle Schieflage der gesetzlichen Krankenversicherung
Das System steckt also in der Krise, was vor allem an den aus dem Ruder laufenden Kosten liegt. Im Jahr 2023 verursachten Krankheiten in Deutschland laut Statistischem Bundesamt direkte Kosten in Höhe von 491,6 Milliarden Euro. 2020 hatten die Krankheitskosten 430,1 Milliarden Euro und 2015 noch 337,1 Milliarden Euro betragen.
Dass das System nach immer mehr Geld verlangt, führt zu einer finanziellen Schieflage in der gesetzlichen Krankenversicherung. Der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem von der Universität Duisburg-Essen sieht eine „doppelte Ursache“ dafür: „Die Ausgaben wachsen schneller als die Wirtschaft." Und: "Die Einnahmen wachsen langsamer als die Wirtschaft.“
Man könne davon ausgehen, dass die Ausgaben langfristig jedes Jahr einen guten Prozentpunkt stärker wüchsen als die Einnahmen, sagt Wasem. „Zum Teil ist das natürlich auch etwas, was wir uns gönnen wollen als Gesellschaft“, meint der Ökonom.
Doch Aufwand und Ertrag stimmen dabei nicht wirklich überein. „Wir geben relativ viel aus. Wenn man international guckt, so haben wir nach den USA das teuerste Gesundheitswesen, aber auf der Ergebnisseite, wenn man sich zum Beispiel die Lebenserwartung anguckt, da sind wir über dem Durchschnitt, aber längst nicht vorne in der Spitze“, sagt Wasem.

Welche Bereiche das Gesundheitssystem teuer machen
Bei den steigenden Ausgaben im Gesundheitssystem geht es vor allem um drei Bereiche: die wachsenden Kosten für Krankenhausbehandlungen, die steigenden Arzneimittelausgaben und die zunehmenden finanziellen Belastungen durch Behandlungen in Arztpraxen. Kostentreiber gibt es also im gesamten System.

Warum die Zusatzbeiträge steigen
Deswegen versucht die Politik, die Kosten zu drücken und die Einnahmen zu erhöhen – allerdings ohne das System grundsätzlich auf den Prüfstand zu stellen. So erhielten viele Menschen zuletzt einen unerfreulichen Brief ihrer Krankenkasse, in dem die Erhöhung des Zusatzbeitrags angekündigt wurde. Außerdem wird über ein Comeback der Praxisgebühr diskutiert.
Die Krankenkassen waren in den letzten Jahren gesetzlich gezwungen worden, ihre Rücklagen abzubauen. Dadurch konnte der Zusatzbeitrag, den jede Kasse auf den allgemeinen Beitragssatz von 14,6 Prozent draufschlagen kann, geringer bleiben.
Jetzt sind diese Rücklagen bei vielen Kassen aufgebraucht, doch diese müssen eine Mindestreserve von 20 Prozent einer Monatsausgabe vorhalten. Die Rücklagen müssen also erneut aufgefüllt werden – deshalb werden Zusatzbeiträge teilweise wieder erhöht.
Für Anfang 2026 erwarten die Kassen ein Defizit von vier Milliarden Euro. Deshalb fordern sie Sparmaßnahmen und Reformen, um ihre Ausgaben in den Griff zu bekommen. Dabei hat die Bundesregierung gerade erst ein Sparpaket vorgelegt. Kurz vor Weihnachten billigten Bundestag und Bundesrat einen Kompromiss, der Ausgaben von etwa 1,8 Milliarden Euro vermeiden soll. Dafür wird der Anstieg der Vergütungen an die Krankenhäuser 2026 einmalig gekappt.
Politik und Kassen geben den Druck damit an die Krankenhäuser weiter. Rund 70 Prozent der Kliniken schreiben laut der Deutschen Krankenhausgesellschaft bereits rote Zahlen.
Über welche Maßnahmen die Politik diskutiert
Kanzleramtschef Thorsten Frei (CDU) plädierte zuletzt in einem Zeitungsinterview dafür, dass manche Leistungen entfallen müssten, um das Gesundheitssystem günstiger zu machen. Das funktioniere in anderen Ländern auch. "Wir werden deshalb nicht kränker."
Ein weiterer Dauerbrenner in der gesundheitspolitischen Debatte ist die Frage, ob manche Eingriffe zu oft vorgenommen werden – etwa die berühmte Hüft-OP. Auch der Streit über Sinn und Unsinn der Zweiteilung zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung flammt immer wieder auf.
Analog zu Rente und Pflege hat die Bundesregierung eine Reformkommission eingesetzt, die im Laufe des Jahres 2026 Vorschläge für die Krankenversicherung vorlegen soll. Ziel ist laut Bundesgesundheitsministerium „eine dauerhafte Stabilisierung der Beitragssätze“.
Das könnte auch zur Wiedereinführung einer sogenannten Kontakt- oder Praxisgebühr führen, über die derzeit gestritten wird: Die Bürger sollen sich genauer überlegen, ob ein Arztbesuch auch tatsächlich notwendig ist.
Bereits von 2004 bis 2013 mussten Patienten in Deutschland zehn Euro für den ersten Arztbesuch im Quartal zahlen. Das Grundproblem einer solchen Gebühr bleibt jedoch: Wenn sie Menschen vom Arztbesuch abhalten soll, dann muss sie auch entsprechend hoch sein - und könnte dann Patienten mit wenig Einkommen auch von wirklich notwendigen Arztbesuchen abhalten.
Facharzttermine könnte es künftig zudem nur dann geben, wenn man vorher beim Hausarzt war. „Zu einer möglichst zielgerichteten Versorgung der Patientinnen und Patienten und für eine schnellere Terminvergabe setzen wir auf ein verbindliches Primärarztsystem (…)“, steht im Koalitionsvertrag. Auch die Zuzahlung bei verschreibungspflichtigen Medikamenten könnte steigen. Sie liegt seit über 20 Jahren bei fünf bis zehn Euro.
Was Wissenschaftler vorschlagen
„Deutschland kann sich sein aktuelles System auf Dauer nicht leisten – weder gesundheitspolitisch noch wirtschaftlich“, sagt Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie. In einer im Frühjahr 2025 veröffentlichten Studie kommt der Mediziner und Gesundheitswissenschaftler zu dem Befund, dass Deutschland ein strukturelles Problem in der öffentlichen Gesundheitsversorgung hat.

Statt Krankheiten zu verhindern, konzentriere sich das System zu sehr auf deren Behandlung – und das mit zum Teil ineffizienten Strukturen. Zeeb fordert einen Ausbau von Prävention und Gesundheitsförderung. Eine „nationale Public-Health-Strategie“ müsse „systematisch und sektorübergreifend gedacht werden“. Neben dem Gesundheitswesen müssten auch Bildung, Arbeit und Umweltpolitik verstärkt auf präventives Handeln ausgerichtet werden.
Außerdem solle der Staat stärker gegen „gesundheitsschädliche wirtschaftliche Interessen“ vorgehen – etwa bei Ernährung, Alkohol oder Tabak. So fordert Zeeb die Einführung einer Zuckersteuer.
Auch der Sachverständigenrat Gesundheit erarbeitet seit Langem Reformideen. So schlug das Expertengremium im Mai 2025 Änderungen bei den Arzneimittelpreisen vor: „Höhere Preise sind nur für Arzneimittel mit echtem Zusatznutzen gerechtfertigt.“ Neuverhandlungen des Preises sollen erleichtert werden. Schon 2012 mahnte der Rat außerdem eine bessere Verzahnung von ambulanter und stationärer Versorgung an. Der Vorschlag ist im Jahr 2026 immer noch aktuell.
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