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Gesundheitsberufe zwischen Hochschule und praktischer Ausbildung

Der Wissenschaftsrat in Berlin diskutiert, wie sinnvoll es ist, Hebammen, Pfleger, Krankenschwestern und Altenpfleger an Hochschulen ausbilden zu lassen. Die Befürworter erwarten einen wachsenden Bedarf an qualifizierten Fachkräften im Gesundheitswesen. Kritiker werfen ein, dass für diese Qualifizierung mehr Studienplätze benötigt werden.

Von Philip Banse | 18.09.2013

    Welche Fragen muss die Forschung beantworten, wenn sie einer alternden Gesellschaft gewachsen sein will? Michael Ewers, Direktor des Instituts für Medizin-, Pflegepädagogik und Pflegewissenschaft an der Charité in Berlin, kann Dutzende aufzählen:

    "Wie lebt man mit einer schweren, komplexen Krankheit im häuslichen Umfeld? Wir erleben heute, dass Menschen in ein Krankenhaus kommen, wieder raus kommen, in eine Reha-Einrichtung kommen. Wer begleitet das?"

    Pfleger, Hebammen und Physiotherapeutinnen müssten auf dem Stand der Wissenschaft sein, ihr eigenes Handeln nach wissenschaftlichen Maßstäben überprüfen und dann an neue Forschungsergebnisse anpassen können. Außerdem müssten sie Teams leiten und mit Ärzten auf Augenhöhe zusammenarbeiten können. Gebraucht würden "reflektierende Praktiker", sagt Hans-Jochen Heinze, Klinikdirektor an der Uniklinik Magdeburg und Mitglied des Wissenschaftsrats, der die Bundesregierung berät. Das aber könnten heutige Berufsschulen nicht leisten:

    "Und deshalb unsere Empfehlung, dass wir eine Akademisierungsquote haben von zehn bis 20 Prozent eines Jahrgangs für die Gesundheitsfachberufe."

    Einer von fünf Pflegern soll also mindestens einen Bachelor haben. Heute habe einer von 30 studiert.

    "Das bedeutet, wir brauchen neue Studienplätze, so etwas ist bislang nicht vorgesehen. Und das wird auch Geld kosten."

    Deswegen reagierten die staatlichen Hochschulen nur langsam, sagt Ute Mattfeld, Vorsitzende des Deutschen Verbands für Physiotherapie. Die Lobbyisten wollen, dass nur Physiotherapeut werden kann, wer einen Bachelor hat. Die Nachfrage sei sehr groß - vor allem nach Dozenten.

    "Die Hochschulen suchen händeringend ausgebildete Therapeuten mit Berufserfahrung, die gehen sofort unter der Hand weg."

    Noch gebe es jedoch nur wenige Hochschulen, die Studiengänge aus dem Bereich Gesundheitswissenschaften anböten - fast alle seien privat.

    "Ich wäre ja schon froh, wenn jedes Bundesland seiner Verantwortung gerecht wird und einen staatlich finanzierten Modellstudiengang ans Laufen bringt. Das ist noch nicht passiert. Ich sehe, dass sich die Länder aus der Verantwortung rausmogeln."

    Doch die Akademisierung der Gesundheitsberufe hat nicht nur Freunde, weiß Michael Ewers, Direktor des Instituts für Medizin-, Pflegepädagogik und Pflegewissenschaft an der Charité in Berlin.

    "Widerstände gibt es vor allen Dingen da, wo Macht geteilt werden muss, wo neue Verantwortlichkeiten ausgehandelt werden müssen, wo etablierte Professionen etwas von ihrer Verantwortung abgeben und neben sich andere Professionen auf Augenhöhe gelten lassen müssen."

    Gemeint sind vor allem: Ärzte. Die Bundesärztekammer fürchtet offiziell, dass die ordinäre Pflegeausbildung ausstirbt. Auch die Bundesregierung preist - nachdem sie jahrelang für eine durchakademisierte Gesellschaft geworben hatte - nun wieder die praktische Ausbildung. Michael Ewers von der Charité glaubt nicht, das die klassische Hebammen- oder Pflegerinnenausbildung aussterben wird:

    "Wir werden beruflich qualifizierte Pflegende neben akademisch Pflegenden haben. Das wird nebeneinader existieren. Aber wir brauchen auch Leute, die weiter denken können, die neue Konzepte implementieren. Wir differenzieren das aus, wir haben verschiedene Qualifikationsstufen nebeneinander."

    Viele Ärzte fürchten um ihren Status, wenn studierte Pfleger mehr Aufgaben übernehmen - etwa auf dem Land, wo wenig Ärzte arbeiten. Das muss sich ändern, sagt Emma Kortekangas. Sie studiert in Freiburg Medizin und steht kurz vor ihrem 2. Staatsexamen. Sie hat keine Angst, Verantwortung an studierte Pfleger abgeben zu müssen:

    "Ich sehe das als Vorteil, weil ich denke, es praktisch sowieso schon so, dass man als Arzt nicht alles alleine machen kann und im Team arbeitet. Und dadurch, dass wir das offiziell eingestehen und sagen, es gibt Sachen, die müssen wir abgeben, es gibt Sachen, die können Pflegeberufe besser, dadurch kann man im Team besser zusammenarbeiten und das kommt den Patienten zugute - was ja auch erste Priorität sein sollte."