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Geteiltes Leid

Eine gefährliche Pilzerkrankung bedroht zurzeit Amphibien vor allem in den Tropen. Ganze Arten sind ihr schon zum Opfer gefallen. Bei der Erforschung des Pilzes sind Amphibienexperten aus den USA einen großen Schritt vorangekommen: Sie haben entdeckt, dass der Pilz nicht nur Amphibien, sondern auch Flusskrebse befällt, mit denen Amphibien eng zusammenleben. Und das könnte erklären, warum dem Pilz so schwer beizukommen ist.

Von Marieke Degen | 30.01.2013

Chytridiomykose - oder kurz: Chytrid - so heißt die mysteriöse Pilzerkrankung, die Amphibienforscher auf der ganzen Welt in Atem hält. Der Pilz hat sich in den letzten Jahren über den ganzen Erdball verbreitet, er zerstört die empfindliche Haut von Fröschen und Kröten. Hunderte Arten sind ihm schon zum Opfer gefallen. Chytrid ist eine reine Amphibienseuche, dachte man. Doch Taegan McMahon, Biologin an der Universität von Südflorida in Tampa, hatte da ihre Zweifel.

"Manches ergibt einfach keinen Sinn. Wenn der Pilz alle Amphibien in einem Tümpel getötet hat, müsste er eigentlich auch verschwinden - schließlich hat er keinen Wirt mehr. Aber der Pilz bleibt. Wenn man Monate später dort wieder Amphibien aussetzt, werden die auch sofort krank. Es muss also noch etwas in dem Teich geben, das den Pilz die ganze Zeit am Leben erhält."

Also haben sich Taegan McMahon und ihre Kollegen Teiche und Feuchtgebiete in den USA vorgenommen und sie nach Spuren von Chytrid untersucht. Sie haben den Pilz erwartungsgemäß auf der Haut von Fröschen und Kröten entdeckt - aber auch bei einem anderen Teichbewohner: dem Flusskrebs.

"Infizierte Flusskrebse sind sogar das beste Anzeichen dafür, dass auch die Frösche in dem Teich mit Chytrid infiziert sind, wie meine Kollegen aus Colorado herausgefunden haben."

Doch warum ausgerechnet Flusskrebse? Der Pilz ernährt sich von Keratin, also Horn. Bei Fröschen und Kröten findet man Keratin in der Haut. Auch Flusskrebse sind reich an Keratin: in ihrem Magen-Darm-Trakt.

"Der Magen-Darm-Trakt ist also eine Futterquelle für den Pilz - und auch sonst ein angenehmes, feuchtes Plätzchen zum Leben."

Und: Flusskrebse können ihre Teichnachbarn tatsächlich mit Chytrid anstecken.

"Im Labor haben wir infizierte Flusskrebse mit nicht-infizierten Kaulquappen zusammengesetzt, um zu überprüfen, ob sie den Pilz auch wirklich weitergeben. Und sie haben tatsächlich fast dreiviertel aller Kaulquappen angesteckt."

Die Flusskrebse reagieren, genau wie Amphibien, ganz unterschiedlich auf eine Chytrid-Infektion. Ein Drittel der Flusskrebse stirbt relativ schnell. Der Rest überlebt, trägt den Pilz immer noch in sich und verbreitet ihn munter weiter. Das könnte erklären, warum sich der Pilz monatelang in Teichen und Tümpeln hält. Die Flusskrebse könnten aber auch ein Grund dafür sein, warum sich der Pilz über den ganzen Erdball verteilt hat.

"Lebendige Flusskrebse werden international gehandelt - als Fischköder, als Futtermittel, für Aquakulturen oder Aquarien. Es kommt immer mal wieder vor, dass Flusskrebse entwischen oder ausgesetzt werden. Infizierte Flusskrebse könnten also zur Verbreitung des Pilzes beigetragen haben."

In den Tropen schlägt der Pilz besonders hart zu und vernichtet etliche Amphibien-Populationen. Und ausgerechnet in den Tropen leben eine Menge Flusskrebse, die da eigentlich nicht hingehören - invasive Arten also, die der Mensch dorthin verschleppt hat. Möglicherweise haben sie den Pilz dabei irgendwann mitgebracht.