Freitag, 28.02.2020
 
Seit 14:35 Uhr Campus & Karriere
StartseiteInterview"Schlechte Affektkontrolle scheint um sich zu greifen" 19.01.2020

Gewalt gegen Amtsträger"Schlechte Affektkontrolle scheint um sich zu greifen"

Unsere Gesellschaft habe kollektiv verlernt, mit Wut und Frust angemessen umzugehen, warnte die Publizistin Susanne Gaschke im Dlf. Das Internet verstärke das Problem - und politische Scharfmacher nutzten diese Stimmung. Damit werde es schwieriger, sich politisch zu engagieren.

Susanne Gaschke im Gespräch mit Benedikt Schulz

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Susanne Gaschke (Deutschlandradio/Jessica Sturmberg)
Die ehemalige SPD-Politikerin Susanne Gaschke nimmt eine "politische Enthemmung nach rechts" wahr (Deutschlandradio/Jessica Sturmberg)
Mehr zum Thema

Gewalt gegen Politiker "Man muss auch Mut und Haltung zeigen"

Claudia Roth (Grüne) "Natürlich muss man radikale Parteien verantwortlich machen"

Hass im Netz "Künast-Urteil ist skandalös"

Bundesjustizministerin "Es geht darum, dass wir Grenzen aufzeigen"

Die Publizisten Susanne Gaschke war 2012 und 2013 in der Kommunalpolitik tätig. Damals sei die Aggressivität noch nicht so ausgeprägt gewesen. Leute hätten zwar auch Leserbriefe geschrieben, aber doch in relativ zivilem Ton - der aber habe sich heute massiv geändert. Dafür gebe es mehrere Gründe.

Mangelnde Frustrationstoleranz

In unserer heutigen Gesellschaft blieben die jungen Erwachsenen vergleichsweise lange relativ kindlich, insofern sie eher affektbestimmt seien und schwer mit Frustrationen zurechtkämen. "Die Frustrationstoleranz wird geringer in einer Gesellschaft, in der ich alles gleich haben kann, wo ich nur auf den Knopf drücke und Amazon bringt es mir sofort nach Hause", so Gaschke. Die Gesellschaft habe kollektiv ein Problem mit dem Erwachsenwerden entwickelt, tatsächlich eigene Bedürfnisse mal zurückzustellen. Unsere Wirtschaftsform fördere das: Man solle alles sofort haben und befriedigen - so sei das Leben aber in Wirklichkeit nicht.

Aggression aus Überforderung

Als weiteren Grund für zunehmende Aggression nennt Susanne Gaschke die heutige Informationsflut. Wir erführen von entsetzlichen Dingen überall auf der Welt, "sodass wir im Grunde genommen nur verzweifeln können". Ändern könnten wir an vielen Dingen nichts, doch Leid und Entsetzen drängen unmittelbar auf uns ein. Das führe möglicherweise bei manchen Menschen zu Aggression, weil sie sich unmittelbar bedroht fühlten - obwohl es keine konkrete Bedrohung gebe, aber sie seien sehr verunsichert und reagierten mit Angriff.

"Politische Enthemmung nach rechts"

Diese gesellschaftliche Grundlage könnten politische Scharfmacher wunderbar für sich nutzen. "Und das Netz tut das Seinige, denn das Netz verstärkt und verschärft ja alles und macht jeden Ton lauter", so die Publizistin. Sie nehme eine politische Enthemmung nach rechts wahr - und zwar "in dem Maße, in dem die Katastrophe des Nationalsozialismus im kollektiven Gedächtnis ein wenig verblasst". Die wilden und spannenden Debatten würden im Moment rechts geführt; gleichzeitig gebe es aber den Versuch, die Grenzen des Sagbaren festzuhalten und natürlich auch über das Denken anderer Menschen zu bestimmen auch aus dem links-liberalen Bereich. Beispiel sei die WDR-Kontroverse um das Kinderlied, wo sicher guter Wille im Spiel gewesen sei, "aber eben auch eine Art von Klima-Schulfunk-Mentalität, die manche Leute vielleicht nervt". Auf beiden Seiten sei eine Unversöhnlichkeit und eine Polarisierung eingetreten, die für das normale vernünftige Gespräch unter Erwachsenen nicht sehr zuträglich sei.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk