LGBTQI*
Warum Gewalt gegen queere Menschen zunimmt

Der Anschlag beim CSD in Berlin zeigt erneut, wie gefährdet queere Menschen sind. Die LGBTQI*-Community berichtet schon lange von zunehmender Hetze und Gewalt. Queere Rechte wurden hart erkämpft. Findet nun ein gesellschaftlicher Rückschritt statt?

    Regenbogenflaggen liegen auf der Straße des 17.Juni in Berlin auf dem Boden.
    Hass, Hetze und Gewalt gegen LGBTQI*-Menschen in Deutschland haben zugenommen. Beim CSD Berlin raste am 25. Juli 2026 ein Auto in die Menge. (picture alliance / dpa / Fabian Sommer)
    Auf dem Papier sind die Rechte queerer Menschen in Deutschland und Europa weitgehend geschützt. Doch die gesellschaftliche Realität sieht teilweise anders aus, wie der Anschlag am Rande des CSD in Berlin zeigt. Hass, Hetze und Gewalt gegen LGBTQI*-Menschen in Deutschland haben massiv zugenommen.
    Die polizeilichen Fallzahlen zeigen "einen besorgniserregenden Anstieg 
    queerfeindlicher Straftaten über die vergangenen Jahre", heißt es im Lagebericht des Bundeskriminalamts zur Sicherheit von LGBTIQ*.  

    Inhalt

    Mehr Hass, Hetze, Gewalt gegen queere Menschen

    Die Zahl der Straftaten im Bereich "Sexuelle Orientierung" und "Geschlechtsbezogene Diversität" hat sich seit 2010 nahezu verzehnfacht. Im Jahr 2025 wurden bundesweit durchschnittlich fast sechs Fälle queerfeindlicher Gewalt pro Tag registriert.
    Fachstellen gehen sogar von deutlich höheren Zahlen aus. Denn das Dunkelfeld ist vermutlich groß.
    Balkendiagramm, das die registrierten Fälle von Hasskriminalität aufgrund der geschlechtlichen Diversität/sexuellen Orientierung zeigt. Man zieht, dass die Zahlen in den Jahren 2020-2024 deutlich gestiegen sind.
    Starker Anstieg queerer-feindlicher Hasskriminalität (Statista)
    Der Studie „A long way to go for LGBTI equality“ von 2020 zufolge, zeigten 96 Prozent der LGBTQI* Hate Speech und 87 Prozent körperliche oder sexuelle Übergriffe nicht an. Auch weil die Betroffenen fürchten, bei der Polizei nicht ernst genommen zu werden.
    Umfragen hätten gezeigt, dass etwa ein Viertel der Betroffenen davon ausgehe, im Rahmen einer Strafanzeige erneut diskriminiert zu werden, sagt der Queer-Beauftragte bei der Polizei Köln, Thorsten Helmers. 

    Ursachen für den Anstieg von Straftaten gegen LGBTQI*

    Dass die Zahl der Angriffe auf queere Menschen steigt, hat verschiedenste Ursachen. Unter anderem läge es auch an deren größerer Sichtbarkeit, sagt Charly Krenn von der Landesfachstelle Queere Anti-Gewalt-Arbeit NRW. "Wenn queere Menschen Vermeidungsverhalten immer mehr ablegen, was eine Errungenschaft ist für Queeres Leben, werden sie eben sichtbar und damit auch angreifbar." Dort, wo viel queeres Leben offen stattfände, steige auch die Gewalt gegen sie, so Krenn. 

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    Die Initiative ProteQt e.V. aus Köln beobachtet ein gesellschaftliches Rollback. Eine Mitarbeiterin erklärt, dass man dies auch an den Wahlergebnissen von queerfeindlichen Parteien erkennen könne. In der demokratischen Mitte würden zudem immer öfter die Rechte queerer Menschen zur Diskussion stehen. So sei zum Beispiel das Selbstbestimmungsgesetz umstritten.

    Meilensteine für queere Menschen

    Schaut man sich an, wie die Sichtbarkeit queerer Menschen in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen ist und welche Rechte sie sich erkämpft haben, kann man von einem Erfolg sprechen: Der Paragraf 175, der die sexuellen Handlungen zwischen Männern über 100 Jahre lang als Straftat ansah, wurde 1994 vollständig abgeschafft. 2006 trat das sogenannte  Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz zum Schutz gegen jede Form von Diskriminierung im Alltag in Kraft. Und 2017 kam die Ehe für alle. 
    "Wir haben in den vergangenen Jahren mit unserer Arbeit viel erreicht", meint auch der Mitbegründer des Berliner CSD Bernd Gaiser. "Wir hoffen auf weitere Fortschritte, aber wir verlassen uns nicht darauf. Wir machen unsere Arbeit", sagt er mit Blick auf die Zukunft. Vor rund 40 Jahren habe die Schwulenberatung Berlin mit wenigen Menschen angefangen, heute habe sie mehrere hundert Mitarbeiter. Das spreche für sich. 
    Und doch bleibt jeder Schritt für die queere Community ein Kampf, jede Sichtbarkeit eine Gefahr, wie der CSD in Berlin erneut gezeigt hat. 
    Onlinetext: Leila Knüppel und Nora Bath