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StartseiteHintergrundGewalt im Alltag10.11.2006

Gewalt im Alltag

Die Machenschaften der Mafia in Süditalien

In Neapel gilt das Gesetz der Mafia, das des Staates lässt sich umgehen. Aber nicht nur Mafiosi profitieren vom schwachen Staat und Schattenwirtschaft. Immer wieder entgehen Politiker einer gerechten Strafe, wenn sie mit der Mafia gemeinsame Sache gemacht haben.

Von Karl Hoffmann

Blick auf Neapel und den Vesuv. (AP Archiv)
Blick auf Neapel und den Vesuv. (AP Archiv)
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Der Lärm der Polizeisirenen ist für die Menschen in Süditalien zur Begleitmusik im Alltag geworden. Die war in den vergangenen Wochen Tagesthema, Brennpunkt der politischen Diskussion. Minister und Bürgermeister, Landräte Regionspräsidenten, Polizeisprecher und am Ende sogar der Staatspräsident beklagten das Drama der Mafia. Sie warnten vor einer weiteren Eskalation und riefen zur Mäßigung auf. Die Kirche tröstete die Opfer und mahnte die Verbrecher, der Regierungschef Romano Prodi versprach einschneidende Maßnahmen, die Polizei wurde immer wieder zu kräftezehrenden aber meist nutzlosen Razzien gehetzt. Nun nimmt die Welle der Gewalt langsam ab, andere Themen besetzen die Titelseiten der Zeitungen und die Schlagzeilen von Rundfunk- und Fernsehnachrichten, und schon gerät eines größten Probleme Italiens wieder in Vergessenheit: die organisierte Kriminalität, oft bezeichnet als ein Nebenstaat, in dem Gewalt und Kriminalität die Stelle von Recht und Gesetz eingenommen haben, in dem Killer Karriere machen und mit Drogen, Waffen und illegalen Waren Milliardenvermögen anhäufen. Die Mafiaorganisationen, die Camorra in Neapel, die Cosa Nostra in Sizilien und die N’drangheta in Kalabrien wachsen und gedeihen weiter.

"Dies ist ein sterbende Stadt, keiner kämpft mehr gegen die Camorra, alle warten nur noch darauf, dass ein Wunder geschieht. Jeder Tag bringt Sorgen: Auf der einen Seite bedrängt uns der Staat, das Finanzamt, die Polizei, die kontrolliert, auf der anderen sind wir Opfer der Mafia und müssen uns fügen."

Der Bürger auf der Straße, der Friseur im Altstadtviertel von Neapel – sie haben resigniert. Die jüngsten Morde, die die Stadt am Vesuv wieder mal ins Gerede gebracht haben, sind in Neapel eigentlich der Normalfall. Hier in Neapel hat die Mafia ganze Stadtviertel unter ihre Kontrolle gebracht. Eine gesunde wirtschaftliche Entwicklung wird durch sie seit jeher verhindert. Da ist die Angst vor den jugendlichen Räubern, die die Straßen verunsichern, Rentner überfallen, wenn sie mit ihrer Monatsrente aus der Bank kommen und Touristen zusammenschlagen, um Armbanduhren und Handtaschen zu rauben. Da ist die Angst vor den Handlangern der Camorra, die das monatliche Schutzgeld eintreiben. Immer wenn die Mafia in die Schlagzeilen gerät, herrscht helle Aufregung in den Polizeizentralen. Volles Programm mit gellenden Sirenen, Hunderten von Polizisten, Drogenhunden und Hubschraubern zur Luftüberwachung. Gespenstische Szenen spielen sich in den Camorravierteln ab, Scampia und Secondigliano, heruntergekommene Hochhaussiedlungen am Stadtrand, der größte Drogenumschlagplatz Italiens. Schätzungsweise 15.000 Familien leben hier ausschließlich vom Drogenhandel, die Razzia von ein paar Dutzend Polizisten endet oft in beschämender Hilflosigkeit vor unüberwindlichen Eisengittern. Die Gitter und Eisenketten hier versperren der Polizei den Zugang zu den Bereichen, in denen die Drogen verkauft werden, schildert resigniert einer der Carabinieri. Ganze Busladungen von Drogensüchtigen kommen hier an. Wenn man sie abfängt, dann kann man den Drogenhandel für eine Weile unterbinden, meint der Carabiniere. Aber kaum ist die Polizei weg, geht der Handel weiter. Alleine die Camorra in Neapel verdient jährlich schätzungsweise sieben Milliarden Euro am Drogenhandel.

Die Geschäfte gehen blendend, seit Ende der 90er Jahre erlebt der Hafen von Neapel einen beispiellosen Aufschwung. Nicht nur an Land herrscht das totale Chaos. Oft sieht man einen richtigen Stau auch auf dem Wasser im berühmtesten Golf der Welt. Haushohe Kreuzfahrtschiffe, Fähren aus Capri, Ischia, aus Sizilien und Sardinien stehen Schlange, um im drittgrößten Hafen Italiens anlegen zu können. Aber vor allem die Containerschiffe laufen unablässig ein und aus, bringen Waren aus aller Welt und Drogen. Leider unvermeidlich, meint Neapels Bürgermeisterin Rosa Russo Jervolino. Der Hafen, der noch vor nicht allzu langer Zeit in großen Schwierigkeiten steckte, erlebe zur Zeit eine regelrechte Blüte, sagt die betagte Signora Jervolino. In Neapel werden täglich mehrere hundert Container entladen. Und diese Zunahme des Warenverkehrs hat auch den Drogenhandel ansteigen lassen.

Der Einfluss der Drogen auf die Stadt hat erheblich zugenommen, gibt die Bürgermeisterin zu. Hier wird nicht nur Rauschgift umgeschlagen, das dann in den Stadtrandgebieten verkauft wird, sondern auch jede Menge Drogen, die für die nordeuropäischen Märkte bestimmt sind. Der Aufschwung im Hafen hat eben auch Schattenseiten, sagt die Signora Jervolino - mit einem Ton, der besagt: Dagegen kann man eben nichts machen. Es ist also durchaus erfreulich, dass heute alleine 1,6 Millionen Tonnen Waren aus China in Neapel gelöscht werden. Offiziell. Weniger erfreulich ist die kaum bekannte Tatsache, dass noch einmal so viele Güter schwarz eingeführt werden.

Dies hat der prominente neapolitanische Schriftsteller Roberto Saviano herausgefunden. Seit der Veröffentlichung seines Bestsellers "Gomorra" steht er unter Polizeischutz. Saviano enthüllte, wie das Wirtschaftsimperium Mafia funktioniert. Seiner Einschätzung nach ist der Hafen von Neapel zum Hauptumschlagplatz für die Camorra geworden, die hier fast ungestört wirtschaften kann. Der Zoll hat einfach nicht genug Personal. Eine eigene Welt, in der ein schätzungsweise 50.000 Frachtpapiere jährlich verschwinden oder gefälscht werden. Damit sparen die Importeure nicht nur 200 Millionen Euro an Zoll, sondern sie bringen jede Menge verbotene Ware an Land.

Und so ist Neapel vom einst weltgrößten Hersteller von gefälschten Markenartikeln zum bedeutendsten Importeur für nachgemachte Waren aus China geworden. Und natürlich hat sich die Camorra sofort als idealer Geschäftspartner für die Mafia aus Fernost erwiesen. Die Bosse in Italien haben längst herausgefunden, dass die Gewinnspannen bei Plagiaten und nachgemachten Markenartikeln noch größer sind als bei den Drogen. Sie importieren falsche Markenwaren jeder Art: von der Digitalkamera bis zum Plasmabildschirm, von Turnschuhen über Jeans, Handys bis zu CDs und DVDs – Originalmodelle aus den gleichen Fabriken, in denen Markenhersteller ihre Produkte fertigen lassen. Es sind zusätzliche Stückzahlen, die schwarz hergestellt, schwarz weitergekauft und von der Camorra dann legal und zu Originalpreisen auf den europäischen Markt geworfen werden.

Das ist keine Diskussion unter Kunden auf einem pittoresken mediterranen Fischmarkt, sondern eine der unzähligen politischen Debatten, die ebenso hektisch und erfolglos ablaufen wie die Razzien der Polizei, wenn wieder mal das Problem Mafia so drängend wird, dass das ganze Land aufhorcht, für kurze Zeit zumindest. Da fliegen die Fetzen, aber hinter den gegenseitigen Schuldzuweisungen verbirgt sich letztlich nur die Unfähigkeit der Politik, mit der Mafia fertig zu werden. Nur allzu berechtigte Kritik von außen wird in Bausch und Bogen zurückgewiesen. Antonio Bassolino, zweimal nacheinander Bürgermeister von Neapel und heute Chef der Regionsregierung gibt sich entrüstet, wenn man die Übel in seiner Heimatstadt anprangert.

"Man kann ja Kritik üben, aber deshalb gleich die ganze Stadt beleidigen? Da sind die Neapolitaner aber gar nicht einverstanden, wenn man behauptet, es sei ein Unglück, in dieser Stadt geboren zu sein."

Nicht Resignieren sondern Reagieren sei sein Motto, sagt der höchste neapolitanische Politiker Bassolino und gibt sich kämpferisch:

"Gemeinsam müssen wir massiv durchgreifen. Wir sind mal mit 1000 Polizisten in ein Stadtviertel der Camorristi und haben sie verjagt. Und in diesen Tagen hat meine Regionalregierung sieben Millionen Euro ausgegeben, um zu versuchen, die Kompetenzen des Zentralstaates in punkto öffentlicher Sicherheit aufzuwerten."

Diese verklausulierte Formulierung ist eigentlich ein verstecktes Armutszeugnis. Weil Staatspolizei und Carabinieri aus Rom nicht genügend Geld bekommen, muss die hochverschuldete Region die eigenen Kassen plündern, damit die Polizeiautos betankt und repariert werden können. Sieben Millionen Euro zusätzlicher Mittel, um eine milliardenschwere Mafia zu bekämpfen, das ist eine glatte Farce, meint der Journalist Bruno Renda:

"Im Grunde nützen all diese Polizeimaßnahmen überhaupt nichts, die Camorra ist so mächtig, dass sie es nicht stört, wenn Polizisten ermitteln oder Journalisten über sie schreiben. Sie ist auch derart verankert in den Köpfen der Leute, dass sie inzwischen ungestört existieren kann."

Trotz der Aufregung der letzten Tage ist in Neapel kein besonderer Notstand zu verzeichnen. Die Zahl der Toten im Krieg der Clans ist in den letzten Jahren eher zurückgegangen, dafür hat die Straßenkriminalität zugenommen, und vor allem das Drogengeschäft hat sich enorm ausgeweitet. So sehr ist die Camorra inzwischen zum Alltag in der Stadt am Vesuv geworden, dass sie weder mit massiven Prosteten der Bürger rechnen muss noch mit schmerzlichen Polizeimaßnahmen. Sie profitiert unter anderem von der Konkurrenz unter den verschiedenen Ordnungskräften mit Fahndungs- und Ermittlungsaufgaben. Zusammenarbeit zwischen städtischer und staatlicher Polizei, Carabinieri und Finanzpolizei gibt es bis heute nicht. Da weiß die eine Hand nicht, was die andere tut, und die Mafiosi schlüpfen ohne Probleme durch das grobmaschige Sicherheitsnetz. Werden sie doch mal geschnappt, dann ist das kein Beinbruch. Pure Verzweiflung klingt aus den Worten des Generalstaatsanwalts Giancarlo Caselli, der viele Jahre lang oberster Mafiajäger in Sizilien war.

"Unserem Justizwesen wird systematisch die Luft abgedrückt. Wir haben keine Autos, keine Computer, kein Geld und kein Personal mehr, das sage nicht nur ich, sondern das sagen alle 9000 italienischen Ermittlungsrichter. Unser Justizsystem ist völlig kaputt. In der vergangenen Legislaturperiode hat der Justizminister stolz verkündet, dass er 1300 Stellen an den Gerichten eingespart hat. Es ist ja schön und gut, wenn man spart, aber wenn man damit übertreibt, dann können wir unseren Laden dicht machen. Dann gibt es überhaupt keine Gerechtigkeit mehr und keine Sicherheit für die Bürger."

Durch die Kürzungen beim Personal ziehen sich die Prozesse endlos in die Länge. Die Gerichte drohen unter der Last der Verfahren zusammenzubrechen. Dem wollte die Regierung Berlusconi Abhilfe schaffen und beschloss deshalb eine gerade zu absurde Reform. Giancarlo Caselli:

"Statt die Prozeduren zu vereinfachen und damit die Prozesse zu beschleunigen. wurden einfach die Verjährungsfristen verkürzt. Pro Jahr verjähren weit über eine viertel Million Prozesse, weil selbst schwere Verbrechen nicht mehr erst nach zehn, sondern bereits nach siebeneinhalb Jahren verjähren."

Die Folgen sind dramatisch. Mit Hilfe geschickter Advokaten, durch Straferlass und Verjährung kommen immer wieder auch gefährliche Mafiosi frei, kaum dass sie – oft nach jahrelanger Flucht - geschnappt wurden. Die Botschaft für den Nachwuchs ist fatal: Es gilt das Gesetz der Mafia, das des Staates lässt sich umgehen. Aber nicht nur Mafiosi profitieren vom schwachen Staat und Schattenwirtschaft. Immer wieder entgehen Politiker einer gerechten Strafe, obwohl sie mit der Mafia gemeinsame Sache gemacht haben.

Da ist zum Beispiel Giulio Andreotti zu nennen, jahrzehntelang der wichtigste italienische Politiker. Das Strafgericht in Palermo wies ihm nach, dass er Beziehungen zur Cosa Nostra pflegte, doch diese Verbrechen waren verjährt, als endlich das Urteil nach jahrelangem Prozess erging - ein Schlag gegen das Rechtsempfinden des Normalbürgers, trotzdem blieb Andreotti gesellschaftsfähig. Wie kaum ein anderer verkörpert er den Schulterschluss zwischen Politik, Mafia und Kirche, der Schlüssel zum Verständnis, weshalb das organisierte Verbrechen vor allem in Süditalien so tiefe Wurzeln schlagen konnte. Guiseppe Carlo Marino ist Geschichtsprofessor an der Uni von Palermo.

"Giulio Andreotti ist ohne Zweifel derartig geschickt im Umgang mit der Macht, dass ihn seine Gegner oft als Beelzebub, als Teufel bezeichnet haben. Nun ist Andreotti aber auch ein absolut religiöser Mensch. Er geht, glaube ich, immer noch jeden Tag in die Kirche, wahrscheinlich empfängt er dabei die Kommunion. Und er ist völlig überzeugt davon, dass er ins Paradies kommen wird. Er hat beste Beziehungen zu Prälaten, Kardinälen und künftigen Heiligen, gleichzeitig hatte er aber auch Verbindungen zu Vertretern der Mafia, und sein Name steht in vielen dunklen Kapiteln der italienischen Geschichte. Er benützt skrupellos ihre politische Macht und kommt überhaupt nicht auf den Gedanken, dabei die moralischen Grundsätze des Glaubens zu verletzen."

Im Gegenteil: Der Glaube helfe oft auch noch, eigenes Schuldbewusstsein zu verdrängen. Die Absolution, die Vergebung von allen Sünden ist bei Gläubigen wie Priestern keine leere Formel. Das gilt nicht nur für Andreotti, sondern gehört zum Selbstverständnis vieler Gläubigen und sogar vieler Kirchenmänner. Don Calogero ist Seelsorger in Corleone, der Stadt der Bosse: einer der vielen, die sich mit der Mafia arrangiert haben. Wer kann schon genau sagen was Gut und Böse, was Mafia und was keine Mafia ist?

"Der italienische Fußballskandal zum Beispiel, der so nach und nach ans Licht kam, der ist viel schlimmer als die Mafia. Man muss im Einzelfall prüfen. Warum haben ein paar wenige die Macht der Mafia missbraucht– nun weil der Staat nichts unternommen hat. Um was zu Essen zu haben, um sich und das Vieh zu schützen, haben sich einige aus der Gegend zu kleinen Gruppen von Mafiosi zusammengetan, und so ist die Mafia entstanden, ursprünglich zur Selbstverteidigung. Das wurde dann immer beliebter, aber dann diente das Ganze nicht mehr dem Selbstschutz, sondern um Schutzgelder zu erpressen. Na, da hatte die Mafia sich halt weiterentwickelt. Aber ursprünglich entstand die Mafia zum Schutz des Einzelnen, um das Überleben zu garantieren."

Für viele konservative Katholiken des Südens galt die Mafia als das kleinere Übel im Vergleich zu Fortschritt, Aufklärung, Laizismus und vor allem zum Kommunismus. Deshalb ist die Mafia noch heute ein Ersatz für den nicht vorhandenen modernen Sozialstaat. Sie verschafft Arbeitsplätze, unterhält Strafgefangene samt ihren Familien, unterstützt die Armen. Die bilden dann jenes Stimmenreservoir, mit dem die Mafiabosse ihnen genehme Politiker ins Amt hieven, die wiederum viele öffentliche Gelder und Maßnahmen zum Schutz der illegalen Organisationen garantieren, meint Generalstaatsanwalt Caselli.

"Die Mafiaorganisationen können auf ein großes Heer von Anhängern bauen, die vom Staat keine Unterstützung bekommen und denen fundamentale Rechte verweigert werden. Der Schutz, den die Mafia bietet, die Privilegien, die man der Mafia teuer bezahlt, sind nichts anderes als die ganz normalen Grundrechte jedes einzelnen Bürgers. Wenn wir den Bürgern zu ihrem Recht verhelfen, dann zerstören wir die Basis der Mafia und machen aus Bürgern, die von der Mafia abhängig sind, Menschen, die für den Staat eintreten. Natürlich sind die Probleme in Neapel in Sizilien oder in Kalabrien sehr vielschichtig. Deshalb muss es auch viele unterschiedliche Lösungen geben. Dazu gehören nicht nur Handschellen für die Verbrecher, sondern auch Arbeit für die Menschen, wirtschaftlicher Fortschritt und Rechtssicherheit."

Dass Bürger eine Baugenehmigung bekommen, ihr Geschäft nicht in Flammen aufgeht, dass öffentliche Gelder in bestimmte Taschen wandern oder Jugendliche eine, wenn auch schlecht entlohnte Arbeit bekommen, lässt sich die Mafia teuer bezahlen. Mit den ergaunerten Schutz- und Schmiergeldern finanziert sie ihre lukrativen Geschäfte mit Drogen und Waffen. Auf insgesamt 60 Milliarden Mark jährlich werden die Umsätze der wichtigsten Mafiaorganisationen geschätzt. Das laxe Gesetz, der unzuverlässige Staat und die Machtlosigkeit der Polizei sind der Humus, auf dem die Mafia ungehindert gedeiht. Trotzdem ist sie nur selten ein wirkliches Sicherheitsproblem. Die Behörden interessiert es wenig, wenn sich die Mafiosi gegenseitig umbringen, solange sie nur Touristen und Politiker in Ruhe lassen. Die Mafia versucht, den Staat nicht herauszufordern, wenn sie dafür im Gegenzug halbwegs in Ruhe gelassen wird. Rechtsstaat und Mafia haben sich miteinander arrangiert, die Kosten dafür trägt der Bürger, der auf individuelle Freiheit und Sicherheit und soziale Gerechtigkeit verzichten muss. Bei solch trüben Aussichten ist Optimismus gefragt, meint der Regionspräsident Bassolino.

"Wir haben die Kraft, gegen die Mafia vorzugehen. Neapel ist nicht verloren. Die Stadt ist gerade in diesen Tagen voller Touristen. Kritik an den Zuständen ist erlaubt, aber nicht, wenn sie sich als schädlich für die gesamte Stadt und damit unser Land erweist."

Was soviel bedeutet wie: Schluss mit dem Gerede von der Mafia, sonst bleiben die Touristen weg. Und kein Wort darüber, dass Reisegruppen inzwischen eskortiert werden, um sie vor Überfällen zu schützen. Wie gesagt: kein Notstand, sondern der Alltag in Neapel – daran hat auch der Medienrummel nach den jüngsten Morden nichts geändert.

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