Dienstag, 06. Dezember 2022

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Gewalt in Londons Armenviertel

In Londonern Problemvierteln gab es schon vor den aktuellen Ausschreitungen gewaltbereite Jugendliche. Viele von ihnen sind vorbestraft und von dem normalen Schulbetrieb ausgeschlossen. Von Medien fühlen sie sich unter Generalverdacht gestellt und von der Polizei im Stich gelassen.

Von Ruth Rach | 11.08.2011

    Schwarze gefütterte Parkas, schwarze Handschuhe, schwere Halsketten. Fünf afrokaribische Jungs und ein Pakistani in einem Klassenzimmer im Waltham Forest College, Ostlondon.

    "Früher haben sie dich nur verletzt, heute wirst du abgeknallt. Oder erstochen. Ich geh nicht mehr aus meinem Revier heraus. Früher konntest du bis nach Seven Kings gehen. Jetzt sind dort so viel Banden, da kommst du nicht mehr durch."

    "Respekt, Respekt. Es geht immer nur um Respekt. Wer bist du? Wen kennst du? Was hast du an dir? Ein Schritt auf ihrem Revier, und du riskierst dein Leben."

    Sie sitzen dicht beieinander, eine geschlossene Front. 17, 18 Jahre alt – vorbestraft, vom normalen Schulbetrieb verbannt. Sie beklagen die Jüngeren. Die heutige Jugend sei noch schlimmer.

    "Es liegt nicht an uns, es ist die junge Generation Die wollen sich groß machen, für uns."

    "Wie du dich schützen kannst? Indem du jemand bist. In Edmonton kennen sie uns, aber in Tottenham wirst du abgemurkst."

    "Ich lebe in Marsda. Im Ghetto. Wenn du zu keiner Gang gehörst, hast du keine Chance in Frieden zu leben."

    "Früher ging es um die größeren Viertel. Heute bekämpfen sich schon die Wohnblocks."

    "Der Krieg kommt immer näher. Bald ist es Nachbar gegen Nachbar."

    Die Jungs verachten die Polizei. Und die Medien. Von denen würden sie unter Generalverdacht gestellt: jeder ein Krimineller. Neulich wurde einer von ihnen ausgeraubt. Seine Mutter rief die Polizei. Aber die sei nicht gekommen. Jetzt nehmen die Jungs das Gesetz selbst in die Hand.

    "Ich wurde an Sylvester fast erstochen. Ich hab in 20 Tagen drei Freunde verloren. Alle drei tot. Du streitest dich auf einer Party, drei Monate später erkennt dich einer auf der Straße und sticht dich ab. Erst neulich hat einer auf mich geschossen. Meine Schule in Hackney war so schlimm, dass man sie dicht machte. Ich habe Messer gesehen, Pistolen, Macheten, und sogar eine AK 47."

    Ein Schnellfeuergewehr. Jeder, der zu ihrer Gang gehört, ist ihr ‚broth’, ihr ‘Bruder’. Die Kleineren nennen sie: ‚my boy’ – meinen Sohn. Allesamt Sorgenkinder.

    "Mit elf sind sie noch friedliche Bürschchen. Mit dreizehn sind sie verdorben. Und mit 15, 16 erreichen sie ihr Maximum. Sie beruhigen sich nur wenn sie im Knast sitzen oder tot sind."