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StartseiteKonzertdokument der WocheOh bittrer, süßer Tod21.02.2021, 21:05 Uhr

Ghost Festival der Spannungen:KünstlerOh bittrer, süßer Tod

Kurz vor seinem Tod beendete Gideon Klein im Theresienstädter Ghetto sein letztes Werk. Mit roh-erdigen Streicherstrichen zeichnet er darin Melodien seiner Heimat Mähren nach, als würde er sie sich noch einmal ins Gedächtnis brennen wollen.

Am Mikrofon: Maria Gnann

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Eine sepiafarbende Aufnahme zeigt verschwommen den Kopf eines Mannes, der die Augen nach unten geschlagen hat. (Jüdisches Museum Prag)
Der Komponist Gideon Klein wurde neun Tage nach Beendigung seines Streichtrios nach Auschwitz deportiert und am 27.1.1945 im KZ Fürstengrube ermordet. (Jüdisches Museum Prag)

Für Gideon Klein ging es im Alter von 25 Jahren ums nackte Überleben. Kurz vor seinem Abtransport nach Auschwitz beendete er 1944 in Theresienstadt sein Streichtrio. In den Wiederholungen zackiger Motive mag man die Unausweichlichkeit seiner Lage erkennen, aber der Komponist trotzte ihr mental, in dem er eigentümlich nachdrücklich Melodien seiner Heimat Mähren in dem Werk verewigte.

Erinnerungen einer anderen Zeit

Dagegen wirkt Dvořáks zweites Klaviertrio von 1876 wie der Traum einer Vergangenheit, in der die romantische Idealisierung eines Dunklen noch glaubwürdig schien. Das Klavier präsentiert Mondschein-Momente en suite und auch das schwarze Scherzo und die koboldhafte Schlusspolka kosten den Moll-Charakter genussvoll aus.

Mikrofon auf einer Konzertbühne, Text: Unsere Mikros, Ihre Konzerte

Auf sehnsuchtsvolle Fragen konnte auch Brahms inbrünstigst antworten. In seinem zweiten Klavierquartett kleidet er seine Themen scheinbar mühelos wechselnd in dramatische und zarte, verspielte und melancholische Farben. 100 Jahre später betrachtete der 21-jährige Lachenmann die Romantik nur noch durch die Avantgardistenbrille. Fünfmal variierte er 1956 einen Schubertschen Tanz, brach ihn auf und rationalisierte in Anlehnung an Motivtechniken Schönbergs und Strawinskys. Heute allerdings wirkt die Komposition auf Lachenmann wie ein eigenes Souvenir aus der Jugend.

Lars Vogt lädt mit dem Dlf zum Ghost Festival

Da das Kammermusikfest Spannungen in der Eifel in diesem Jahr Corona-bedingt nicht stattfinden konnte, hat Festivalleiter Lars Vogt kurzerhand seine Kolleginnen und Kollegen in die Jesus-Christus-Kirche nach Berlin geladen, um dort mit Unterstützung des Deutschlandfunks ein Ghost Festival zu veranstalten.

Geiger, Bratschistin und Cellistin spielen vor Mikrofonen ein Radiokonzert (Deutschlandradio / Angie Herrlich)Florian Donderer, Barbara Buntrock und Tanja Tetzlaff spielen Gideon Kleins Streichtrio beim Ghost Festival (Deutschlandradio / Angie Herrlich)

Gideon Klein
Streichtrio

Antonín Dvořák
Trio für Violine, Violoncello und Klavier Nr. 2 g-Moll, op. 26

Helmut Lachenmann
5 Variationen über ein Thema von Franz Schubert für Klavier

Johannes Brahms
Quartett für Klavier, Violine, Viola und Violoncello Nr. 2 A-Dur, op. 26

Florian Donderer, Violine
Christian Tetzlaff, Violine
Antje Weithaas, Violine
Barbara Buntrock, Viola
Gustav Rivinius, Violoncello
Tanja Tetzlaff, Violoncello
Mario Häring, Klavier
Alexander Schimpf, Klavier
Lars Vogt, Klavier

Aufnahme vom 28.6.2020 aus der Jesus-Christus-Kirche Berlin

Sie können vor Ausstrahlung der Sendung bereits ab dem 10. Juli 2020 an dieser Stelle den Konzertmitschnitt hören.

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