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StartseiteHintergrundGibt es eine Flucht in die Städte?25.08.2004

Gibt es eine Flucht in die Städte?

Die Bevölkerungsentwicklung und ihre Folgen für Deutschland

<strong> Andrea Stichling:</strong> <em> Also irgendwo sitzen wir zwischen Baum und Borke! Aber ich denke mal, Anfang nächsten Jahres, Mitte nächsten Jahres, werden wir die Zelte hier abbrechen. Dann sind wir dann auch von den vielen, die Thüringen verlassen werden, der Arbeit hinterher!</em>

Von Henry Bernhard

Dorfidylle ohne Menschen? Die Bevölkerungsentwicklung und ihre Folgen für Deutschland (AP Archiv)
Dorfidylle ohne Menschen? Die Bevölkerungsentwicklung und ihre Folgen für Deutschland (AP Archiv)
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Bernhard Stichling: Es geht nur noch bergab! Es wird ja dann mal ein Rentnerstaat werden in Thüringen, weil die Jugend auswandert – das war's!

Bernhard Stichling und seine Frau Andrea werden bald weg sein: Wenn sie in Nürnberg eine Arbeit gefunden hat, werden sie umziehen. Er arbeitet seit ein paar Jahren in Bayern, jedes zweite Wochenende kommt er nach Hause ins Thüringische Buttstädt. In der Kleinstadt zwischen Weimar und Naumburg sieht es schlecht aus mit Arbeit. 19 Prozent Arbeitslose, wer weg kann, der geht: Allein in den letzten vier Jahren ist die Einwohnerzahl um sieben Prozent geschrumpft.

Seit vor fünf Jahren ihr Sohn geboren wurde, hat sie keine Arbeit mehr gefunden. Wenn ihre Tochter die Schule abgeschlossen hat, wollen sie nach Nürnberg ziehen. Die 17-jährige wird sich in Bayern eine Lehrstelle suchen, später dort arbeiten und – wenn überhaupt – auch ihre Kinder dort bekommen. Die Wohnung der Stichlings in Buttstädt wird dann wohl leer stehen und ihre Straße noch ein wenig trostloser aussehen.

Die Familie Stichling steht für eine Entwicklung, die Deutschland in den nächsten Jahren und Jahrzehnten nachhaltig prägen wird: Abwanderung aus dem Osten, Abwanderung aus der Peripherie in die Großstädte und Ballungsräume. Ganze Landstriche werden dann veröden und zudem noch überaltern. Ein Trend, so besorgte Fachleute, der nicht mehr aufzuhalten, sondern nur noch zu gestalten ist. Hinzu kommt: Er ist mit dem knappen Horizont einer Legislaturperiode nur schwer zu erfassen.

Die Wissenschaft versucht nun, in der Politik Verständnis dafür zu erwirken, dass der gewaltige demographische Wandel begriffen und begleitet werden muss – und dass es dabei nicht nur um Fragen der Rente und der Zuwanderung geht.
Der Greifswalder Demograph Wolfgang Weiß:

Wir sprechen immer von Einwohnerzahlen. Diese Normierung ist sehr problematisch! Junge Frauen wandern ab und wandern woanders zu! Auf der anderen Seite haben wir riesige Areale, wo die jungen Frauen, 16-20 Prozent Frauendefizit im demographisch aktiven Alter, dazu führen, dass die verbleibenden Frauen eigentlich eine Fruchtbarkeit wie Kenia haben müssten, um das zu reparieren. Auf der anderen Seite haben wir die Konzentration von jungen Frauen gerade in den großen Zentren, die nicht zu den entsprechenden Geburteneffekten führen. In der Demographie gehen wir ja schon von dem Stichwort der "Amazonisierung" aus: 60 Prozent der Frauen zeitlebens ohne Kinder!

Bei der Diskussion um Deutschlands demographische Zukunft gibt es mehr Fragen als Antworten. Im Mittelpunkt steht heute primär die Zustandsbeschreibung. Zustände in armen Großstädten, wie sie Magdeburgs Oberbürgermeister Lutz Trümper sieht:

Wir haben ja bei uns in Sachsen-Anhalt die Situation, dass wir das beste Kinderbetreuungsgesetz haben. Trotzdem wandern bei uns weiterhin die jungen Frauen ab; und wir haben die geringste Geburtenrate. Wenn wir das nicht hinbekommen, dann wird das ganz, ganz schwierig werden.

In München dagegen gibt es noch einen soliden Geburtenüberschuss: Zwei- bis dreitausend Kinder pro Jahr werden in der Region München mehr geboren als alte Menschen sterben. Die Eltern der Kinder sind die Zugewanderten - viele von ihnen aus dem Osten.

Für das Land Mecklenburg-Vorpommern ist prognostiziert: Also bis 2020 wird die Bevölkerung um ein Viertel schrumpfen. Es ist also prognostiziert, dass bis 2020 die Berufsschülerzahl um 70 Prozent sinkt, und da steht man dann vor den spannenden Fragen: Lässt sich eine Berufsschulstrukturlandschaft mit elf Standorten in der Region noch aufrechterhalten – oder muss man hier konzentrieren? Und das gilt für viele andere soziale Infrastrukturbereiche auch: Wie weit ist es zumutbar zu konzentrieren, wie weit kann man noch dezentralisieren?

Christoph Kaufmann ist Regionalplaner in der Mecklenburgischen Seenplatte. Er muss sich schon heute Gedanken machen, wie er Ärzte dazu bringt, sich in einem dünn besiedelten Gebiet niederzulassen, in dem bald nur noch alte Leute leben, die teure, aber schlecht honorierte Hausbesuche anfordern werden.

Welcher Schulweg ist für einen 12-jährigen noch zumutbar? Oder wird es wieder die alte Dorfschule geben, mit allen Schülern in einem Raum? Wie geht man mit einem fünfzehnprozentigen Überschuss an jungen Männern um, die im schlimmsten Fall weder Arbeit noch Frau finden?

Fragen, angesichts derer die Verwerfungen der Zukunft erahnbar werden. Oder Sachsen-Anhalt: Antje Gerloff arbeitet an einer Studie über Abwanderung für die Landesregierung:

Um wegzugehen braucht man auch soziale Kompetenz. Insofern bleiben schon die niedrig Qualifizierten und die Arbeitslosen zurück. Aber dieser qualitative Bevölkerungsverlust ist gravierender als die Quantität. Wenn die Bevölkerungsstruktur qualitativ nach unten gedrückt wird, ist das auch für neue Investitionen, für Innovationsfähigkeit verheerend.
Wir haben ja auch in unserer Studie einen europäischen Vergleich drin, wo wir uns Regionen rausgesucht haben, die eine ähnliche Problematik hatten oder haben. Das ist Mittelfinnland, Nordportugal und Süditalien und Irland als klassisches positives Beispiel, wie man jahrhundertelange Abwanderung zur Einwanderung umkehren kann. Und in Finnland aber wiederum ist es sehr bemerkenswert: Die haben ja schon allein durch ihre geographische Lage sehr dünn besiedelte nördliche Regionen. Und die haben da exzellente Hochschulen hingesetzt. Und dadurch immer wieder einen Zuzug gefördert. Und bei jedem Durchlauf bleiben junge Menschen hängen. Und damit haben sie auch eine Stabilität hingekriegt. Das ist aber ein Prozess, der über paar Jahrzehnte geht: 20, 30 Jahre!

Sollte in Deutschland ähnliches versucht werden, müssten also jetzt die Weichen gestellt werden, so Bevölkerungswissenschaftler. Bis dahin geht aber der demographische Einbruch weiter: Großstädte halten im besten Fall ihre Einwohnerzahl, mittlere und kleine Städte und die abgelegenen ländlichen Gebiete aber bluten regelrecht aus, personell und intellektuell. Die vom Grundgesetz geforderte Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse im Bundesgebiet ist so wohl mittelfristig kaum noch zu verwirklichen. Martha Doehler-Behzadi, freie Stadtplanerin in Leipzig:

Ich glaube, sie sind schon nicht ganz gleichwertig. Also man hat nicht wirklich die gleichen Chancen, wenn man in einer Region wie der Altmark lebt oder im Großraum München. Das wird sich auch möglicherweise weiter polarisieren und auseinander entwickeln. Die Frage ist ja immer, wie man mit der Förderung weiter umgeht. Also in unserem Fachgebiet, der Stadtplanung, war es immer so, dass man Stadtteile, -gebiete, von mir aus auch Regionen, die unter einen vereinbarten gesellschaftlichen Durchschnitt gerutscht sind, durch Förderung wieder auf diesen Durchschnitt gehoben hat – und es lief alles weiter. Und nun hilft das nichts mehr!

Noch weigert sich die Mehrzahl der Politiker, dies allzu laut zu verkünden: Aber gerade im Osten wird man – bei fortwährender Abwanderung – die gewohnte Qualität in Infrastruktur und Versorgung zwangsläufig nicht überall gleichmäßig halten können.

Doehler-Behzadi:
Und das widerspricht natürlich auch so einem Solidarprinzip, wo man auf der anderen Seite natürlich auch Geld braucht, um mit diesen Folgen auf eine anständige Weise umgehen zu können und Gebiete nicht völlig abrutschen zu lassen. Im Unterschied zu der brach fallenden Industrie, die wir ja im Osten Deutschlands alle flächenhaft erlebt haben, sind ja auch schrumpfende Städte und Regionen nicht wirklich sehr schnell – und wahrscheinlich auch auf sehr lange Sicht – völlig leer: Es sind immer noch Leute da!

Von solchen Problemen sind die – trotz der Rezession – vergleichsweise immer noch boomenden Großstadtregionen im Süden und Westen weit entfernt. Ein bislang nicht versiegender Zuwandererstrom sorgt für qualifizierte Arbeitskräfte und für junge Frauen im gebärfähigen Alter – die Altersstruktur bleibt also länger ausgewogen als in den Wegzuggebieten.

Also: keine Probleme in München, Stuttgart und Frankfurt? Dazu der Bevölkerungswissenschaftler Wolfgang Weiß:

Ich halte das für ziemlich schizophren. Zentren haben ja als Zentren eine Aufgabe fürs Umland! Und nur dadurch wird ein Zentrum wirklich zum Zentrum, indem es diese Aufgaben wahrnimmt, aber nicht das ihm zugeordnete Umland ausbluten lässt! Wenn ich mich auf diese Position, auf diese Wagenburgmentalität einlasse, dann säge ich auf dem Ast, auf dem ich sitze. Denn in der gesamten Geschichte Deutschlands ist es – abgesehen von der Nachkriegsphase mit Flucht und Vertreibung und einigen Perioden von Wirtschaftswachstum im Westen in Folge des Marschallplans – noch nie gewesen, dass die Städte aus sich selbst heraus gewachsen sind.

Es müssten folglich Lösungen gefunden werden, die den ländlichen Raum weder künstlich hochpäppeln noch ihn austrocknen lassen. Ein geordneter Rückzug aus der für Deutschland typisch hochgerüsteten Infrastruktur, der aber die Kernfunktionen der Versorgung aufrecht erhält. Und das hieße also:

Einkaufsmöglichkeiten erhalten, die ärztliche Versorgung sichern, Kindergärten zu Altersheimen umbauen. Dazu eine Familienpolitik, die, trotzdem sie längst eine Minderheitenpolitik geworden ist, Deutschland davor bewahrt, als Nation zu verschwinden, und eine Integrations- und Bildungspolitik, die ausländischen Zuwanderern ganz andere Möglichkeiten eröffnet, als dies zur Zeit noch der Fall ist. Von all diesen Visionen aber ist die Realität weit entfernt. So sieht es auch Prof. Heiner Monheim, früher lange Jahre als Praktiker in der nordrhein-westfälischen Raumplanung:

Das ist schon sehr grotesk, das ist auch sehr ärgerlich, dass wir praktisch im Bereich der technischen Infrastruktur, wo es eben um Beton, Orgien von Beton, geht, dass wir nach wie vor so tun, als würde sich nichts ändern. Da ist von der Alterung der Gesellschaft keine Rede! Es ist ganz klar: Im Verkehr wird sich ganz viel verändern – eigentlich zum Guten: Wir werden Abnahmen haben! Und trotzdem sind wir im Moment wie wild dabei, die Republik weiter zu betonieren! Und kein Mensch kommt auf die Idee, für ländliche Regionen Sparautobahnen, bescheidene Straßen mit bescheidenem Querschnitt zu machen oder überhaupt zu sagen: Wir brauchen das nicht mehr, wir haben schon genug Probleme, den vorhandenen Bestand einigermaßen zu unterhalten.

Wer aber will den Mecklenburgern oder Sachsen erklären, dass es für ihre Autobahn, für ihren ICE-Anschluss nicht mehr reicht? Bislang hilft man sich mit der zeitlichen Streckung von Bauprojekten.

Monheim:
Und im anderen Bereich gibt es im städtischen wie im ländlichen Bereich ganz dramatische Einschnitte in vorhandene Infrastrukturen: Da werden wie wild Schulen geschlossen, da wird also in vorhandene Systeme eingeschnitten zu einer Zeit, wo wir von der Grundschule eigentlich erwarten, sie soll Integrationsaufgaben leisten. Das heißt, da kann ich nicht mit einem pauschalen Ansatz – wie viel Kinder pro Lehrer – rangehen. Da muss also eigentlich eine kleine Grundschule dringend erhalten werden. Statt dessen gehen wir mit einem pauschalen Richtwert hin und sagen: Das sind zu wenig Kinder! Also wird das dicht gemacht! Wir haben hier schlimme Verwerfungen zwischen der Fachpolitik und der Sparwut der Finanzminister, der Kämmerer, die einfach natürlich mit dem Rücken zur Wand stehen, die aber nicht sehen, dass sie, wenn sie an der falschen Stelle mit den falschen Mitteln sparen, das alles auf uns zurückfällt!

Grundsätzliche Entscheidungen sind also für die nächsten Jahre unausweichlich. Und vielleicht auch ein Nachdenken darüber, ob Schrumpfen, Verkleinerung, Ausdünnung immer nur negativ gesehen werden müssen. Der Osten könnte hier – angesichts der immer mehr in Frage stehenden Transferzahlungen aus dem Westen – vielleicht doch noch einmal "überholen ohne einzuholen"!

Doehler-Behzadi:
In diesem Punkt leider ja, muss man sagen! Das heißt aber auch – und das ist vielleicht auch die positive Seite dabei – dass aus diesem Problemdruck heraus hier Praktiken, Überlegungen, Erklärungsmodelle, Experimente entstehen, die für diese Problematik angemessen sind und die in einem durchaus weiteren Verständnis von Transformation von Gesellschaft und Stadt brauchbar sind, die man vielleicht in anderen, saturierteren Situationen gar nicht entwickeln würde.

Stadtplaner wie Martha Doehler-Behzadi aus Leipzig brüten über Konzepte, diskutieren neue Ideen in kleinen Foren und Zirkeln. Die Frage ist nur, was sich realisieren lässt:

Angesichts der Tatsache, dass die Probleme im Osten am dringendsten sind, dort aber eine für bürgerschaftliches Engagement und für Zuwanderung von außen eher noch verschlossene Gesellschaft existiert, sollten die Erwartungen realistisch bleiben. Heiner Mohnheim von der Universität Trier sieht die Probleme allerdings auf einer ganz anderen Ebene:

Ich persönlich sage, es ist einerseits eindrucksvoll, dass es da wirklich viele interessante Innovationen gibt, Pilotprojekte, Modellvorhaben. Ich habe Bund und Länder sehr stark angegriffen, weil sie nicht für Rahmenbedingungen sorgen, die solche erfolgreichen Einzelbeispiele dann in Serie gehen lassen. Nehmen sie – ein typisches Beispiel – den Nachbarschaftsladen. Da hat es Modellvorhaben gegeben in den 90er Jahren, um kleinen Dörfern in der Fläche einen letzten Rest an wohnungsnaher Versorgung möglich zu machen. Aber danach ist eben kein Programm der Wirtschaftminister aller Länder gekommen, um jetzt Tausende oder Zehntausende Nachbarschaftsläden aufzubauen. Also es fehlt, denke ich, auf der oberen Ebene von Bund und Ländern an Rahmenbedingungen, die es den hauptbetroffenen Regionen und Gemeinden wirklich möglich machen, sich in der Not zu helfen.

Denn anders als beispielsweise in den USA ist es in Deutschland immer noch weit verbreitet, Lösungen auch für regionale Probleme oftmals vom Bund zu erwarten. Demgegenüber steht allerdings auch ein regelungswütiger Staat, der Initiativen der Länder, Kommunen oder Bürgergruppen erschwert – bis auf eine Ausnahme, wie Heiner Monheim meint:

Ich hab darauf hingewiesen, dass es einen Bereich gibt in Deutschland, wo das eine lange Tradition hat: Freiwillige Feuerwehr! Wenn da nicht die Innenminister mit entsprechenden Sachmitteln massiv nachgeholfen hätten, dann würden wir heute nicht diese dezentrale Struktur von Freiwilligen Feuerwehren haben. Und ähnliche Programme brauchen wir für viele Bereiche: im Bildungsbereich, im Integrationsbereich, im Drogenbereich, im Sozialbereich ... Und ich glaube, dass die Dezentralität viel zu wenig von Bund und Ländern unterstützt wird und als zentraler Schlüssel – ich sag mal – für Abbau von Politikverdrossenheit auch gesehen wird.

Angesichts der gegenwärtigen wirtschaftlichen und sozialen Lage, und dies gilt verstärkt für den Osten Deutschlands, ist es sicher schwierig, Probleme zu thematisieren, die nicht überall und unmittelbar offenbar werden und deren Lösung allenfalls über Jahrzehnte möglich erscheint. So kann Magdeburgs Oberbürgermeister Lutz Trümper dem demographischen Wandel sogar noch etwas Positives abgewinnen:

Weil, wir haben einen sehr hohen Anteil an Arbeitslosen im Osten, der im Alter ist 55 und älter. Da muss man warten, bis die über Jahre in der Entwicklung in die Rente übergegangen sind. Und dann kommt von unten leider – sage ich mal – relativ wenig Nachwuchs nach, so dass sich das Problem der Arbeitslosenquote über diesen Weg zum Teil lösen wird. Also ohne dass wir was tun müssen, wird durch die demographische Entwicklung – ich sag mal in 10 oder 15 Jahren – 10 Prozent weniger Arbeitslosigkeit da sein. Das ist ein Tanz auf dem Eis, aber es ist die Realität! Und wir haben im Moment natürlich gar keine Chance mehr, diese Entwicklung zu ändern! Die Geburten sind da, und die werden in den nächsten Jahren ins Berufsleben einsteigen. Und die Abgänge sind auch ganz klar, dass dieser Fakt eintreten wird. Der reicht aber nicht aus! Wir brauchen weiterhin Wirtschaftswachstum und Investitionen in produktive Bereiche!

Die nunmehr von der Bundesregierung forcierte "Leuchtturmförderung", die nur noch ausgewählte Zentren stärkt und auf deren Ausstrahlungskraft ins Umland setzt, wird dabei aber zwangsläufig auch Schlagschatten werfen, wie Kritiker meinen und auf Stimmen verweisen, die die jahrelang vernachlässigten Investitionen im Westen einfordern.

Und das kann aber nicht im Sinne der Entwicklung des Landes sein, wenn man solche Disparitäten über weitere Generationen fortschreibt. Das wieder aufzuholen, wird immer schwieriger! Von daher glaube ich – das sage ich immer wieder –, ist die Politik in den nächsten Jahren gefragt! Wenn man diesen Punkt verpasst, ist die Reparatur ungleich schwieriger, als es jetzt ist!

Aber die "Reparaturen" sind schon im vollen Gange: Seit 2002 wird – vorerst nur im Osten – abgerissen: 350.000 Wohnungen werden in den nächsten Jahren "zurückgebaut" – so die euphemistische Bezeichnung für den Abriss. In letzter Zeit häufen sich Meldungen, dass nun auch Häuser unter die Abrissbirne kommen, die erst vor wenigen Jahren saniert wurden. Beides, Sanierung wie Abriss, wird aus Steuermitteln gefördert.

Spätestens hier stellt sich die Frage, wie Bund, Länder und Kommunen in Zukunft mit dem Wandel umgehen werden, der sie – trotz aller warnenden Stimmen – oft unvorbereitet trifft. Noch einmal Martha Doehler-Behzadi aus Leipzig:

Also wenn das nicht zusammenpasst, fürchte ich, werden wir auch Situationen haben, wo so Goldgräberstädte übrig bleiben, die einfach nur leer sind und nicht mehr abgebaut werden, die stillgelegt werden. Wo man den Eingang zumauert und Obacht gibt, dass es keinen Vandalismus geben wird. Es gibt in vielen anderen Ländern, auch in europäischen Ländern natürlich, Beispiele, wo man so etwas sehen kann, noch viel mehr in den USA. Und ich glaube, dass man sich auf bestimmte Situationen auch bei uns einstellen muss. Vielleicht ist das auch alles nicht so fürchterlich dramatisch, wie man sich das immer vorstellt. Also wenn man die späten 80er hier erlebt hat in diesen Städten, dann sieht man ja auch, wie viel leer stehen kann – und die Leute leben ganz munter in der Nachbarschaft von leer stehenden Häusern. Das sind ja auch Dinge, die so ein bisschen gesellschaftlich ausgehandelt werden, was man jetzt gerade erträgt.

Die Leerstandsproblematik ist allerdings nur die Spitze des Eisberges. Langfristig stellt sich viel drängender jedoch für Kritiker die Frage, ob es Deutschland gelingt, im Osten, aber auch in strukturschwächeren Gebieten im Westen, Wachstumskerne mit den Standortfaktoren Bildung und Forschung zu schaffen und zu erhalten, die ihr Umland einbeziehen und nicht ausbeuten. Ansonsten drohe Deutschland noch weiter zu fragmentieren, als dies bereits jetzt schon der Fall ist.

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