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Gießgefäße in Tiergestalt

Ritterfiguren hoch zu Ross, mythologische Bestien, erschreckende Chimären und Drachen: 57 dieser lebensechten Plastiken sind zurzeit im Hildesheimer Dommuseum zu sehen. Auqamanilien heißen die kunstvollen Skulpturen nach dem lateinischen aqua, für Wasser, und manus, für Hand. Die Bronzeplastiken aus dünnwandigem Metall dienten im Mittelalter als Gießgefäße und bezeugen den hohen Stand von Kunst und Technik in der Stauferzeit.

Von Wolf Schön |
    Im Hohen Mittelalter, also zur Stauferzeit, waren sie der Renner unter den Mitbringseln für verwöhnte Mitglieder der High Society: Tierplastiken aus goldglänzender Bronze, die mehr konnten als nur gut aussehen. Die Raubkatzen und Greifvögel erweckten den Anschein, als seien sie lebendig, wenn die überraschten Besitzer die Figuren am Schlangengriff nach unten kippten und Wasser aus dem Maul oder Schnabel spritzte. Der Anblick der possierlichen Wasserspeier muss eine Sensation gewesen sein, weil die Herstellung von Hohlkörpern aus dünnwandigem Metall damals für unmöglich gehalten worden war.

    Am Vorabend der Gotik glückte den Hildesheimer Metallgießern und Kunstmodelleuren die revolutionäre Innovation. Im traditionsreichen Zentrum der Bronzeherstellung unweit der reichen Kupfererzlager des Harzes konnte die während des 13. Jahrhunderts auf Hochtouren laufende Produktion der begehrten und vielbestaunten Luxusspielzeuge beginnen.

    Zu seinem 30-jährigen Jubiläum gönnt sich nun das Dom-Museum in Hildesheim einen hochkarätigen Rückblick auf die Glanzzeit der frühen Aquamanilien, wie die kunstvollen Skulpturen nach einer Kombination der lateinischen Wörter aqua für Wasser und manus für Hand genannt werden.

    Bereichert wird die eigene Sammlung, die im monumentalen Taufbecken des Doms gipfelt, durch Leihgaben so bedeutender Schatzhäuser wie des Louvre, der Petersburger Eremitage und des New Yorker Metropolitan Museums. Insgesamt 57 Preziosen künden von der einzigartigen Kreativität des niedersächsischen Bischofssitzes, der seine Erzeugnisse über zwei sich kreuzende Fernhandelsstraßen europaweit vertrieb.

    Doch Ehre, wem Ehre gebührt: Die beiden ältesten Gießgefäße in Tiergestalt, ein grün patinierter Löwe und ein golden schimmernder Adler, stammen aus dem syrisch-mesopotamischen Raum. Die Kreuzfahrer brachten solche nie zuvor gesehenen Erfindungen orientalischer Kultur als exotische Souvenirs mit nach Hause. Und nicht vergessen hatten die Heimkehrer, dass Wasser in den Wüstenregionen des Ostens das kostbarste Element war und der Quell des Lebens die aufwendigste Behandlung verdiente.

    An den Kalifenhöfen dienten Aquamanilien als Flüssigkeitsspender für rituelle Waschungen beim Gastmahl, worauf sich der germanische Adel freudig berufen konnte, als er die Tischsitte samt der wohlriechenden Zusatzessenzen ohne Gewöhnungsprobleme übernahm.

    Die spielerische, ja verspielte Gestaltung der Gießobjekte hatte noch eine weitere Wurzel, die in der antiken Technikbegeisterung gründet. Noch am byzantinischen Kaiserpalast in Konstantinopel verblüfften kunstreiche Konstruktionen wie automatisch zwitschernde Vögel und brüllende Löwen die westeuropäischen Gäste, wie der Gesandte Luitprand von Cremona in ottonischer Zeit berichtete. Bekannt war in der Antike auch das komplizierte Wachsausschmelzverfahren für die Erzeugung von Hohlgusskörpern, bis es während der Wirren der Völkerwanderung in Vergessenheit geriet.

    Im Hildesheimer Bronzezentrum nahm die Weiterentwicklung der Gießbehälter eine andere Richtung als im Islam, der figürliche Objekte für den religiösen Gebrauch mit Tabu belegte. Die Priester der Kirche begrüßten dagegen die löwengestaltigen Reinigungsgefäße als willkommene Bereicherung der liturgischen Geräte. Darüber hinaus kam es, vor allem im profanen Bereich, zu einer Explosion der erzählerischen Phantasie. So überboten sich die Bronzedesigner mit Schöpfungen bis an die Grenzen der Vorstellungskraft.

    In den Vitrinen des Dom-Museums tummeln sich neben fein ziselierten Ritterfiguren hoch zu Ross mythologische Bestien, erschreckende Chimären und Drachen, gewaltbereite Kentauren, verführerische Sirenen und todesmutige Samson-Kämpfer. Da wird ein Jüngling von einem Raubtier verschlungen, daneben zerhackt ein grässlicher Greif die Rüstung seines hochwohlgeborenen Opfers.

    In Erklärungsnotstand gerät der Museumsdirektor deshalb nicht. Die mittelalterlichen Meister, versichert Michael Brandt, haben das Magische, Sündhafte oder Verlockende als Gegenbild zur christlichen Heilsbotschaft inszeniert. Die Gestalt des Bösen, aus dessen Leib das heilige Wasser strömt, wird für das Gute in Dienst genommen und damit gebannt.