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StartseiteForschung aktuellGiftdusche zur Nesthygiene22.08.2013

Giftdusche zur Nesthygiene

Ameisen setzen ihr eigenes Gift zum Kampf gegen Schädlinge ein

Entomologie. - Wer schon einmal den Unmut einer Ameise auf sich gezogen hat, weiß, dass sich die kleinen Insekten zur Wehr setzen können. Stiche oder Bisse, bei denen die Ameisen ihr Gift einsetzen, sind schmerzhaft. Wie Wissenschaftler aus Österreich jetzt herausgefunden haben, setzen Ameisen ihr Gift nicht nur gegen große Widersacher ein, sondern auch gegen winzig kleine.

Von Joachim Budde

Eine Ameise (Stock.XCHNG / Alex Drahon)
Eine Ameise (Stock.XCHNG / Alex Drahon)
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Auf der Futtersuche können sich Ameisen mit allen möglichen Krankheitserregern anstecken, etwa mit Sporen des Pilzes Metarhizium brunneum. Um zu verhindern, dass sich die im ganzen Nest verbreiten, kontrollieren Ameisen ihre Nestgenossinnen am Eingang zum Bau, sagt Sylvia Cremer, Assistant Professor am Institute of Science and Technology in Klosterneuburg bei Wien.

"Dann kommen nun die gesunden Nestmitglieder und knabbern zunächst mal diese Pilzsporen von der Körperoberfläche der Tiere. Dieses Verhalten nennt man Grooming-Verhalten, und je weniger Sporen so ein Tier auf der Körperoberfläche trägt, desto niedriger ist die Wahrscheinlichkeit, dass es dann wirklich krank wird."

Cremer und ihre Kollegen konnten zeigen, dass die Ameisen beim Grooming als zweite Komponente dasselbe Gift einsetzen, das sie gegen große Eindringlinge verwenden: Mit dem Gemisch, das hauptsächlich aus Ameisensäure besteht, desinfizieren die Ammen ihre Nestgenossinnen, sagt die Biologin.

"Sie beugen sich zu ihrer Giftdrüse, nehmen das Gift, das sie sonst aussprühen würden, wenn sie einen Fressfeind treffen, in ihren Mund auf und applizieren nun dieses Gift auf pathogenexponierte Nestmitglieder, und wir haben das am Beispiel von Ameisenbrut, von Puppen genauer untersucht."

Wie gut das Gift gegen die Pilze wirkt, konnten Cremer und ihre Kollegen an den Puppen besonders gut untersuchen, weil sich die Ameisen in diesem Stadium nicht selbst putzen. Sie wachsen regungslos in ihrer Hülle vor sich hin. Bis zu 90 Prozent der Sporen auf den Larven hatten nach der Säurebehandlung ihre Keimfähigkeit verloren. Die österreichischen Biologen haben auch beobachtet, dass die Ammenameisen ihr Gift gelegentlich direkt auf Puppen gespritzt haben, wie eine Säuredusche.

"Das ist allerdings ein sehr seltenes Verhalten, und es ist ein Verhalten, wo extrem viel danebengeht."

Denn die Ameisen sprühten all ihr Gift auf einmal. Dann war ihr kompletter Vorrat aufgebraucht, und es dauerte im günstigsten Fall vier Stunden, bis sie neue Ameisensäure produziert hatten. Wenn sie es mit dem Mund verteilten, konnten die Ameisen ihr Gift viel effektiver dosieren, sagt Sylvia Cremer.

"Beim Grooming-Verhalten sehen wir, dass die Tiere wirklich… Sie nehmen die Substanz in ihren Mund auf, und sie verteilen sie dann sehr regelmäßig, sie wechseln alle 20 Sekunden oder so zwischen unterschiedlichen Puppen, und sie können somit ohne großen Verlust eine große Menge an Puppen desinfizieren."

Dabei bringen sich die Ameisen selbst in Gefahr, denn auch sie können an dem Gift sterben. Solange es im Mund bleibt, sind die Insekten jedoch sicher, denn ihre Mundhöhle ist mit dem hartem Hautpanzer ausgekleidet. Und ein weiterer Effekt schwächt das Risiko ab.

"2Der zweite Vorteil ist auch noch, dass während dieses Putzverhaltens sehr viele Pilzsporen und andere infektiöse Partikel in den Mund aufgenommen werden, dann gibt es so eine Reusenfunktion, sie gelangen nicht in den Darm, sondern werden herausgefiltert und werden zunächst mal gesammelt in den sogenannten Backentaschen oder Infrabuccaltaschen, und wir konnten jetzt also zeigen, dass Ameisensäure wirklich auch die gesammelten Sporen in der Infrabuccaltasche noch zusätzlich abtöten...""

und damit unschädlich macht – wie ein Mundwasser. Ist die Backentasche voll, spucken die Ameisen diese kleinen Tabletten in der Nähe des Nestes aus. Auch die Sporen in diesen Tabletten sind tot. So bleibt die Umgebung des Nests für die Arbeiterinnen im Ernteeinsatz sicher.

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