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"Gipfelpunkt der Entpolitisierung von Rechtsextremismus"? Debatte über vierstündiges Podcast-Gespräch mit Björn Höcke (AfD)

Ein mehr als vierstündiger Podcast mit dem Thüringer AfD-Vorsitzenden Höcke hat in den Reihen von Union und SPD teils scharfe Kritik ausgelöst. Der SPD-Innenpolitiker Lindh sprach von einer "Zumutung intellektueller Ignoranz".

    Der thüringische AfD-Vorsitzende Björn Höcke signiert Wahlplakate, die ihm hingehalten werden.
    Der Thüringer AfD-Chef Höcke signiert Wahlplakate für seine Anhänger (Archivbild). (dpa / Felix Kästle)
    Er selbst habe bereits öffentlich mit Vertretern der AfD diskutiert, sagte Lindh dem Magazin "Focus". Das vom Podcaster Ben Berndt geführte Gespräch mit Höcke sei aber ein "Gipfelpunkt der Entpolitisierung von glasklarem Rechtsextremismus". Berndt habe "einem Mann, der offen mit Nazi-Sprache spielt und der Verharmlosung des Nationalsozialismus tagtäglich Vorschub leistet", durch weitgehend unkritische Fragen eine Plattform geboten.

    Castellucci bezeichnet Höcke-Interview als "eine Art PR-Show"

    Lindhs Parteikollege Castellucci sagte ebenfalls dem "Focus", es sei "Aufgabe der Medien, kritische Fragen zu stellen, vor allem, wenn es sich dabei um Politikerinnen und Politiker handelt, und nochmal mehr, wenn diese Politiker wie Björn Höcke rechtsextrem sind". All das bleibe in dem Podcast aus, der am Ende nicht mehr sei als "eine Art PR-Show für Björn Höcke" - und "mit Sicherheit kein gelungenes Beispiel von 'Mit Rechten reden'".
    Kritik kam auch aus den Reihen der CDU. Der Bundestagsabgeordnete Kölbl, der Mitglied der Jungen Gruppe in der Unionsfraktion ist, sagte dem "Focus", grundsätzlich dürfe man "jeden Hans und Franz zu einem Podcast einladen". Ohne Einordnung jedoch werde "aus einem informativen Podcast schnell eine Propaganda-Sendung".

    Reichweite erst durch kritische Berichte?

    Auch die mediale Kritik an dem Podcast mit Höcke ist wiederum Gegenstand von Diskussionen. So wird vor allem dem Magazin Der Spiegel, der das Format in einem längeren Beitrag kritisiert hat, vorgeworfen, dem Gespräch damit endgültig ein Millionenpublikum beschert zu haben, wie der Cicero schreibt.
    Der Rechtsanwalt Joachim Steinhöfel warf dem Spiegel in einem Gastbeitrag für Die Welt vor, keine Medienkritik zu betreiben, sondern "Lagerpflege". Zwar sei einiges an dem Podcast mit Höcke diskutabel. Zugleich übe der Spiegel aber keine Kritik an der "strukturellen Höflichkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gegenüber dem Regierungslager", behauptete Steinhöfel. Als Beispiel führte er ein 2024 geführtes Interview der ARD-Moderatorin Caren Miosga mit dem damaligen Wirtschaftsminister Habeck (Grüne) an.

    Debatte über den Umgang mit der AfD in den Medien

    Der mediale Umgang mit der AfD sorgt in der Partei selbst, bei deren Gegnern, aber auch innerhalb der Medien vielfach für Diskussionen. Während sich die AfD, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in seiner bestehenden Form abschaffen will, in der Berichterstattung benachteiligt sieht, führten längere Interviews mit Parteivertretern wiederholt zu kritischen Stellungnahmen von dritter Seite - nicht nur Aussagen des Interviewpartners, sondern auch die Leistung des jeweiligen Journalisten betreffend.
    So befand das Onlinemagazin Übermedien nach einem halbstündigen MDR-Sommerinterview mit Björn Höcke im August 2023: "Ein Interview mit ihm könnte eine Abschlussübung für ein Fortgeschrittenen-Seminar an einer Journalistenschule sein". In diesem Fall indes habe Höcke ein Kollege gegenübergesessen, der mit seiner Gesprächsführung "schon das Einsteiger-Seminar nicht bestanden hätte".

    Verfahren gegen Höcke wegen Volksverhetzung

    Gegen Björn Höcke ist ein Verfahren wegen des Vorwurfs der Volksverhetzung anhängig, das sich auf eine Veröffentlichung im Onlinedienst Telegram von 2022 bezieht. In dem Beitrag hatte der Thüringer AfD-Landespartei- und Fraktionschef zu einer Gewalttat in Ludwigshafen Stellung bezogen.
    Der 54-Jährige wurde bereits zweimal rechtskräftig verurteilt. Das Landgericht Halle hatte im Mai und im Juli 2024 jeweils Geldstrafen gegen ihn verhängt, weil er die SA-Parole "Alles für Deutschland" bei Veranstaltungen genutzt hatte. Der Bundesgerichtshof bestätigte im vergangenen Jahr die beiden Urteile. Der Thüringer AfD-Verband wird vom dortigen Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft.
    Diese Nachricht wurde am 05.05.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.