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StartseiteKalenderblattVerschollen über dem Ärmelkanal 15.12.2014

Glenn MillerVerschollen über dem Ärmelkanal

Vor 70 Jahren: Der amerikanische Jazzmusiker wird nach einem Flug über Frankreich vermisst

Er erfand den Soundtrack der Vorkriegszeit und verdiente prächtig mit seinem schmeichelnden Bigband-Swing. Dann verschwand er - für immer. An einem Wintertag 1944 stieg der Jazzmusiker Glenn Miller in eine Propellermaschine und kam nie am Ziel an.

Von Simonetta Dibbern

Glenn Millers weltbekannte Band, die in den späten Dreißiger und den frühen Vierziger Jahren Amerikas Spitzentanzorchester war – hier in einer Szene des biografischen Filmes "Die Glenn Miller Story" mit James Stewart (Mitte, mit Posaune) als Glenn Miller. (picture-alliance / dpa)
Glenn Millers weltbekannte Band, die in den späten Dreißiger und den frühen Vierziger Jahren Amerikas Spitzentanzorchester war – hier in einer Szene des biografischen Filmes "Die Glenn Miller Story" mit James Stewart (Mitte, mit Posaune) als Glenn Miller. (picture-alliance / dpa)
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Der 15. Dezember 1944 ist ein Freitag und eisig kalt: Minus 4 Grad. Frostiger Nebel liegt über dem kleinen Militärflughafen Twinwood Farm in Bedford bei London. Drei Männer steigen trotz der widrigen Wetterbedingungen in die kleine Propellermaschine, zwei Piloten und ein Musiker. Genauer: der erfolgreichste Bandleader der Swing Ära. Im Pariser Olympia soll Glenn Miller ein Konzert geben. Das jedenfalls erzählt später sein Bandmanager Don Haynes.

"Die offizielle Version hat im Grunde nur einen einzigen Urheber."

Der Journalist Hermann Schreiber.

"Don Haynes war der einzige, der dieses Flugzeug hat abfliegen sehen und beschreibt es auch so in seinen Tagebüchern. Diese Tagebücher sind äußerst merkwürdig schon auch deswegen, weil es Erkenntnisse gibt, woraus zum Beispiel eben hervorgeht, dass der Stützpunkt, von dem die abgeflogen sein sollen, laut Don Haynes, an dem Tag für den Flugbetrieb geschlossen war. Das war eine Nachtjägertrainingsstation, Einheit, die an diesem Tag jedenfalls No Operational Flying hatte.

Fest steht: Die Maschine kommt nie an. Der berühmte amerikanische Bandleader ward nie wieder gesehen. Und sein Verschwinden nicht nur nie aufgeklärt. Sondern erst mit neun Tagen Verspätung überhaupt gemeldet. In den Nachrichten der BBC am 24. Dezember 1944:

O-Ton BBC: "Mr Glenn Miller, the wellknown american bandleader is reported missing. He left England by air for Paris nine days ago."

Rückblende.

Perfekt arrangierte Bläsersätze, eingängige Melodien 

Sechs Jahre zuvor hatte der Posaunist und Arrangeur quasi über Nacht den Soundtrack der Vorkriegszeit erfunden: sein schmeichelnder Bigband-Swing traf genau den Geschmack des großen, kaufkräftigen Publikums. Bis zu 50 Auftritte pro Monat, Wochengagen zwischen drei und 5000 Dollar und der erste große Hit der Musikgeschichte: Chattanooga Choo Choo.

Sein Orchester war die kommerzielle Seite des Swing – mit perfekt arrangierten Bläsersätzen, eingängigen Melodien, einem leicht verhangenen Sound. So wie jeder Amerikaner Chesterfield rauchen oder Ritz Crackers essen wollte, wollte er Glenn Miller and his Orchestra hören: ein bisschen nostalgisch, ein bisschen hip. Die Swingeuphorie war Ende der 30er-Jahre bereits in vollem Gange, doch kein Duke Ellington, kein Count Basie, nicht einmal Benny Goodman hatte so abräumen können wie Glenn Miller mit seiner Tanzmusik.

Doch wichtiger als der Erfolg war Glenn Miller der Dienst am Vaterland. Als die USA 1942 in den Krieg eintreten, gibt er nach nur vier Jahren seine Band auf und geht als Captain der American Airforce nach England, in musikalischer Mission.

Glenn Miller: "Guten Abend deutsche Soldaten, ich kann nur sehr wenig Deutsch sprechen, ich lasse immer gern Musik für mich sprechen."

Mit seiner Musik sollte er den deutschen Soldaten die Angst nehmen

"Music for the Wehrmacht" war der Name seiner Radio-Show. Und Millers  Moonlight Serenade die Erkennungsmelodie. Mit seinem süßen Bigbandsound sollte er den Deutschen ein freundliches Bild von Amerika vermitteln und ihnen die Angst vor der Kapitulation nehmen.

Glenn Miller: "America means freedom. There is no expression of freedom quite so sincere than there is in Music."

Vielleicht war der musikalische Botschafter von Freiheit und American way of life dann doch nicht bedeutend genug, als dass die US Airforce Nachforschungen über sein plötzliches Verschwinden angestellt hätte, fünf Monate vor Kriegsende. Glaubwürdig ist die These, dass das kleine Flugzeug versehentlich abgeschossen wurde, von einem britischen Lancaster-Bomber, der nach einem abgebrochenen Luftangriff auf die Stadt Siegen die überzähligen Bomben auf dem Rückflug über dem Ärmelkanal abwarf.

Hermann Schreiber: "Es gibt also so ungefähr 20 Versionen, von denen ich eine ganz sympathisch fand: Demnach hat er England nicht verlassen, ist auf ungeklärte Weise untergetaucht und hat dort gelebt bis zum Jahr '89, da tauchte nämlich an der Südküste von England an einem Baum eine Art Gedenktafel auf, auf der stand: Glenn Miller hat hier 45 Jahre glücklich gelebt und sein letztes Wort war: I never deserved my fame. Ich hab meinen Ruhm nie verdient."

Es gibt zahllose Spekulationen über das mysteriöse Verschwinden des gerade mal
40-jährigen Bandleaders. Glenn Millers Ruhm hat es nicht geschadet: die Blitzkarriere und der ungeklärte Tod haben ihn zur Legende gemacht.

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