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StartseiteForschung aktuellGletscheraderlass unvermindert stark20.06.2012

Gletscheraderlass unvermindert stark

Zehn Jahre nach dem Kollaps von Larsen B

Vor zehn Jahren hat sich die Klimaerwärmung auf der Antarktischen Halbinsel in einem weltweit beachteten Ereignis manifestiert: Mit Larsen B löste sich die bisher größte Schelfeis-Platte von der Antarktis ab, im Gefolge gerieten immer mehr Gletscher ins Rutschen. Eine neue Studie zeigt: Das Schmelzen am Pol geht immer noch weiter.

Von Volker Mrasek

Das Larsen B Eisschelf am 21. März 2002 (AP Archiv)
Das Larsen B Eisschelf am 21. März 2002 (AP Archiv)

Als Larsen B damals abbrach und auf Nimmerwiedersehen davon trieb, eine Eisscholle größer als das Saarland - da war es so, als ob eine Flasche entkorkt worden wäre. Was der Stöpsel vorher zurückgehalten hatte, konnte nun ungehemmt ausfließen. Ohne das vorgelagerte, riesige Eisschelf als Barriere schoben sich die Gletscher der Region mit einem Mal viel schneller Richtung Ozean. Ihre Fließgeschwindigkeit erhöhte sich zum Teil um das Achtfache.

"Die Flasche ist noch lange nicht leer! Und die Gletscher fließen nach wie vor so schnell. 2011 haben sie genauso viel Eis an den Ozean verloren wie im Jahr 2002, gleich nach dem Kollaps des Eisschelfs."

Für den französischen Glaziologen Etienne Berthier ist der Fall heute klar: Wenn ein großes Eisschelf abbricht, wie damals Larsen B vor der westantarktischen Halbinsel, dann hat das nicht nur kurz-, sondern langfristige Folgen:

"Weiter nördlich auf der Halbinsel ist es schon einmal zu einem Kollaps gekommen. Das war 1995, als das Larsen-A-Eisschelf abbrach. Fast 20 Jahre danach fließen die Gletscher der Region noch immer beschleunigt Richtung Meer. Wir sehen also: Es handelt sich hier um eine langfristige Entwicklung."

Zusammen mit zwei US-Forschern legt Berthier jetzt eine neue Studie vor. Dafür nutzten die Experten Daten von Messinstrumenten an Bord zweier Erdbeobachtungs-Satelliten und fütterten damit ein Höhenmodell der Antarktischen Halbinsel. Weil es sich um mehrjährige Messreihen handelte, war es möglich zu verfolgen, wie sich die Gletscher in der Larsen-B-Region mit der Zeit veränderten: um wie viel sie in ihrer Dicke abnahmen und wie schnell sie sich Richtung Meer schoben.

Das Ergebnis der Studie: Die bis zu tausend Meter mächtigen Gletscher verlieren auch heute noch jedes Jahr schätzungsweise neun Milliarden Tonnen Eis - Eis, das sich in Meerwasser auflöst.


"Der Meeresspiegel steigt im Moment um drei Millimeter pro Jahr. Der Anteil der abschmelzenden Larsen-B-Gletscher daran liegt bei rund einem Prozent. Das klingt nach wenig. Doch das Gebiet, um das es hier geht, ist verhältnismäßig klein. Und dennoch trägt es derzeit genauso stark zum Meeresspiegel-Anstieg bei wie sämtliche Gletscher im Himalajagebirge."

Ein anderer französischer Glaziologe begrüßt die neue Eisbilanz seiner Kollegen: Eric Rignot, Professor für Erdsystemforschung an der Universität von Kalifornien in Irvine:

"Es ist ein Ergebnis, das sich auf verlässlichere Daten stützt als bisher. Wir würden uns solche Studien für größere Gebiete der Antarktischen Halbinsel wünschen. Denn dort gibt es noch weitaus mehr Schelfeis und Gletscher."

In den letzten 50 Jahren ist die mittlere Jahrestemperatur über der Antarktischen Halbinsel um fast drei Grad Celsius gestiegen - so stark wie sonst nirgends auf der Südhalbkugel. Auch das angrenzende Meer hat sich erwärmt, so Rignot:

"Wir würden erwarten, dass das Larsen-C-Eisschelf weiter südlich als Nächstes dran ist, wenn die Erwärmung anhält. Tatsächlich gibt es Belege dafür, dass Larsen C im Nordteil dünner wird. Sein Kollaps steht allerdings nicht unmittelbar bevor, so weit wir das beurteilen können. Die bisherigen Abbrüche zeigen uns aber: Eis-Schelfe sind wichtige Prellböcke. Ohne sie beschleunigt sich der Gletscherabfluss, und das für lange Zeit. Geschieht so etwas in Zukunft häufiger, wird der Beitrag der Antarktis zum Meeresspiegelanstieg noch größer."

Vorhersagen über die Lebensdauer von Larsen C und anderen Eisschelfen der Antarktis können die Glaziologen aber nicht liefern. Dafür sind die zugrunde liegenden Prozesse noch immer zu wenig verstanden.

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