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StartseiteMusikjournalOper gegen Rassismus22.07.2019

Glimmerglass-Festival 2019Oper gegen Rassismus

Ein schwarzer Polizist, dessen Sohn bei einem friedlichen Protest von einem weißen Kollegen erschossen wird: Die Oper "Blue" reflektiert die "Black Lives Matter"-Bewegung. Das vom Glimmerglass-Festival in Auftrag gegebene Werk hat dabei einen intimen, manchmal sogar humoristischen Charakter.

Von Bernhard Doppler

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Kenneth Kellogg als Vater in der Premiere von "Blue" (Karli Cadel/The Glimmerglass Festival)
Kenneth Kellogg als Vater in der Premiere von "Blue" (Karli Cadel/The Glimmerglass Festival)
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"Ich nannte es Blue, das ist eine Art Spitzname, es ist kein Kompliment, wenn man es unter Schwarzen sagt: Oh, da kommt ein Blue, und wenn das ein schwarzer Polizist ist, dann denkt man: Wer ist das? Warum repräsentiert er diese Art von Gewalt, die gegen unsere Gesellschaft ist? Natürlich muss ich auch sagen, ich weiß, es gibt Tausende wunderbare Polizistinnen und Polizisten, die nichts dafür können, für diese Haltung, die gegen uns gerichtet ist. Aber ich habe für mein Libretto viele schwarze Polizisten gesprochen und die sagten mir, ich fühle mich als 'Blue', ich bin 'Blue', wenn ich die Uniform anhabe; und da habe ich mir gedacht; das ist ein guter Titel."

Tazewell Thompson, der Librettist der neuen US-amerikanischen Oper. Im Mittelpunkt ein schwarzer Polizist, dessen Sohn bei einem friedlichen Protest von einem weißen Kollegen erschossen wird.

Politisches Programm

In Auftrag gegeben wurde das Werk vom Glimmerglass-Festival, dem traditionsreichen Opernfestival im Bundesstaat New York. Franzesca Zambello, auch Opernintendantin in Washington, leitet das Festival nun bereits seit neun Jahren und versucht durchaus, ein politisches Programm zu gestalten.

"Wir sind ein Festspiel, das hat für uns, für Amerika eine Mission, was müssen wir machen für Social Responsibility. Was können wir machen, wenn jeden Tag ein schwarzer Mann von einem weißen Polizisten getötet wird, jeden Tag!"

Tazewell Thompson, eigentlich vor allem Regisseur, hat von Francesca Zambello den Auftrag für das Libretto sofort aufgenommen und dafür in Harlem recherchiert und Interviews geführt.

"Für mich als schwarzer Mann, der in Amerika lebt, gab und gibt es das ganze Leben diese Spannung zwischen schwarzen jungen Männern und der Polizei. Und auch ich hatte Auseinandersetzungen mit der Polizei, keine ernsthaften, aber immer wieder, wenn ich über die Straße ging. ‚Zeig mit deinen Ausweis oder folge mir ins Department‘ - oder selbst bei einer Premiere, als ich in San Francisco inszenierte, hielt man mich in der Lobby auf und fragte mich, warum ich da bin. Das ganze Leben ist das so. Aber warum ich das vor allem machen musste, waren die ständigen Schüsse auf unschuldige junge und alte Schwarze durch weiße Polizisten. Das wollte ich erzählen. Ich wollte nicht von Polizeigewalt und Grausamkeit berichten, was ist böse oder nicht böse. Ich wollte eine Geschichte neben den Schlagzeilen erzählen, eine Geschichte über eine Familie, die ein Kind verloren hat, das von einem weißen Polizisten erschossen wurde, wie die Kirche darauf reagiert, wie die Community und die Freunde."

"Blue" hat geradezu intimen, manchmal sogar auch humoristischen Charakter. Thomson hat neben dem Libretto auch die Inszenierung der Premiere in Glimmerglass übernommen. Die Bühne ist auf das Nötigste reduziert, ein Familientisch, ein Tresen. Quartette der aufgeregten Freundinnen der Mutter oder der Kollegen des Polizisten, die alle zu Fragen der Erziehung ihren Senf abgeben, strukturieren vor allem den ersten Teil: "The Talk"

"Du bist als schwarzer Junge ein bewegliches Ziel"

"Wenn man in einer schwarzen Familie geboren ist und du bist ein Junge, dann wird man beiseite genommen und einem wird gesagt, was man zu tun hat oder nicht, wie man über die Straße geht oder nicht, wenn man einem Polizisten begegnet, was man zu sagen hat, dass man den Ausweis immer dabei haben muss. Eine ganze Liste. Wenn die Mutter in meiner Oper realisiert, dass sie einen schwarzen Jungen gebären wird, sind ihre Freundinnen erschrocken und sie denken und fühlen es auch und viele fühlen so, du bist als schwarzer Junge ein bewegliches Ziel."

Jenanie Tesori, auch Filmkomponistin, etwa zum Film "Shrek", hat die Musik dem Libretto geradezu untergeordnet. Tesori lebt wie Thompson in Harlem, ist aber eine Weiße. Zitate von Black Musik, von Gospels oder Bepop werden nicht überstrapaziert. Die ursprüngliche Idee, den Vater des erschossenen schwarzen Jungen einen Jazzmusiker und keinen Polizisten sein zu lassen, wurde bald fallengelassen. Auch die zentrale Auseinandersetzung mit dem schwarzen Reverend lebt so vor allem vom Wort. Stimmgewaltig Gordon Hawkins, ein auch in Deutschland erfolgreicher Wagner-Bariton. Hawkins hat auch biografische Erfahrungen bei der Rolle. Sein Vater hatte ein hohes kirchliches Amt inne.

"Der Polizist, dieser junge Mann, denkt nicht, dass die Kirche etwas für ihn tun kann. Aber es ist meine Verantwortung, ihn in seinen Gefühlen zu unterstützen. Ich erwarte nicht, dass er seinen Schmerz vergisst, aber ich versuche zu erreichen, dass er nicht in seinem Schmerz steckenbleibt."

Die schwarze Thematik war in Glimmerglass auch schon früher präsent. 2012 etwa hatte man dort in der Inszenierung von Tazwell Thompson Kurt Weills musical tragedy "Lost in the Stars" ausgegraben, eine Oper über Rassentrennung in Südafrika, mit der Kurt Weill eine neue Form von Broadway Opera generieren wollte.

Nur die schwarzen Figuren in Weills Oper singen. Doch auch sonst ist im diesjährigen Programm in Glimmerglass Rassentrennung Thema. In "Show Boat", einem Werk aus den Anfängen des Musical von Jerome Kern und Oscar Hammerstein Second, das im Festival musikalisch rekonstruiert wird, ist es die verbotene Mischehe, die zum Polizeieinsatz auf dem Theaterschiff am Missippi führt.

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